Deshalb hatten Missbrauchsopfer, die an Elite- oder Klosterschulen lebten, es so schwer, sich zu melden. Deshalb hat es Jahrzehnte gedauert, bis sie es taten. Und jetzt kommen jeden Tag neue Meldungen über Untaten, die sich vor Jahrzehnten ereignet haben – aus kirchlichen Internaten, aber auch von Schülern, die die berühmte Odenwaldschule besucht haben. Man mag die Meldungen schon gar nicht mehr lesen.
Dennoch ist dieser Reinigungsprozess notwendig. Möglichst gründlich muss ermittelt werden, was sich überhaupt ereignet hat. Und zwar ohne Ansehen der Institution. Jedes Internat, jede Schule – ob in kirchlicher, freigeistiger oder staatlicher Trägerschaft – muss im eigenen Interesse eine Kultur des Hinsehens einüben. Auch die katholische Kirche, die von den Meldungen der vergangenen Wochen überrollt wird, sollte längst eine langfristige Gegenstrategie entwickelt haben.
Es ist indes schwer vorstellbar, dass sich Papst Benedikt XVI. nicht auch zu den Missbrauchsfällen äußert, die sich ausgerechnet in jenen fünf Jahren in Oberbayern ereignet haben, als er Erzbischof von München war. Ein Pfarrer, der sich als Triebtäter entlarvte, wurde nach Vorstrafe auch deswegen wieder als Seelsorger eingesetzt, weil Kirchenobere an seine Rehabilitation glaubten. Welch ein Irrglaube! Er erschüttert jetzt die Kirche in ihrem Kern.
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