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Reinhard Urschel
Reinhard Urschel zu einer deutsche Woche

Kräftig durchgeschüttelt


Einen wunderbaren Präsidenten in einem wunderbaren Land hat uns die Bundeskanzlerin vorausgesagt, was will man mehr am Ende einer Woche wie dieser?

Selbst die Altvordern unter den politischen Berichterstattern können sich nicht an eine vergleichsweise kurze Abfolge von Tagen erinnern, die dieses Land in ein solches Wechselbad der Gefühle gestürzt, die Entscheidungen von solcher Tragweite in so kurzer Zeit verlangt hätte. Als hätte eine geheimnisvolle Macht dieses Land am Kragen gepackt und – gesellschaftlich wie politisch – ein paarmal kräftig durchgeschüttelt.

Ist es denn wahrhaftig gerade mal eine Woche her, dass ein Mädchen namens Lena die Deutschen von dem Fluch befreit hat, bei einem namhaften europäischen Musikwettbewerb geradezu schicksalhaft schlecht abzuschneiden? Die Leitartikler und Kulturphilosophen hatten sich fest vorgenommen, noch ein wenig zu zehren vom Zauber dieses nordischen Festes. Die überraschende Zuneigung der europäischen Nachbarn, die wir der jungen Frau aus Hannover zu verdanken haben, hat schließlich genügend Fragen nach den Folgen aufgeworfen, die noch nicht beantwortet sind. Bringt dieses Land, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem „deutschen Fräuleinwunder“ jetzt womöglich das „all european girl“ hervor? Erleben wir, neu inspiriert, in der Folge wieder eine patriotische Aufwallung der sympathischen Art, sozusagen als Wiedererweckung der schwarz-rot-goldenen Glückseligkeit des gemeinsamen Schauens und Genießens, wie vor vier Jahren? Ach, das wäre doch passend, da doch die FIFA-Fußballweltmeisterschaft in Südafrika bevorsteht, wo wir dem einschlägigen Liedgut folgend 54, 74, 90, 2010 wieder Weltmeister sein werden.

Ein paar Tage hätten die Menschen in Deutschland gerne noch gezehrt von diesem Quell voller Themen, bevor die Medien sie wieder an die Krise erinnern müssen und ihren heftigsten Folgen für unseren Alltag, das Sparen „auf das Allerhärteste“. Die überraschende Flucht von Bundespräsident Horst Köhler aus dem Käfig voller Missverständnisse und Einsamkeit hat eine wahre Achterbahnfahrt ausgelöst. Die allgemeine Freude in den Medien über die Aussicht, die Deutschen wären womöglich reif für den nächsten Sympathieschub – eine junge, forsche, quirlige, vielleicht sogar ideenreiche Frau könnte an die Spitze des Staats entsandt werden, ist jäh in sich zusammengebrochen. Dafür ist der Blick frei geworden auf eine Kanzlerin, deren Regierungsstil, deren Art der Machtausübung vielen ein Rätsel geworden war. Dieses Sphinxhafte ist mit einem Mal gewichen von Angela Merkel, als deutlich wurde, wie ihr die eigenen Parteifreunde, aber auch ganz abstrakt die Sachzwänge ihrer Machtpolitik die Entscheidungsfreiheit aus den Händen genommen haben: Die Kanzlerin ist Getriebene, nicht Gestalterin. Nicht die Stellenbeschreibung für das Amt des Bundespräsidenten, wie sie in groben Zügen in den Artikeln 54 bis 61 des Grundgesetzes niedergelegt ist, hat am Ende den Ausschlag über den Kandidaten der Regierungskoalition gegeben, sondern zwei macht- und parteipolitisch dominierte Überlegungen: Ganz anders als der Ministerpräsident von Niedersachsen ist Ursula von der Leyen auf ihrem jetzigen Posten wichtig für die Kanzlerin. Und mit der Entscheidung für Christian Wulff wird, ganz wichtig, die CDU befriedet.

Was müssen die Verfassungsästheten gelitten haben in dieser Woche. Das sind jene Schöngeister der Demokratie, die das Grundgesetz als eine moralische Kategorie begreifen und nicht als dehnbare Plattform für die Ausübung von Macht. Schon der Findungsprozess sagt einiges aus über das Verständnis, das die politische Elite hat vom höchsten Amt. Vor sechs Jahren soll „Horst wer?“ am westerwelleschen Küchentisch ausgerufen worden sein, was nicht stimmt. Diesmal hat es die Kanzlerin versäumt, dem Eindruck entgegenzutreten, dass sie als Verfassungsorgan über die Auswahl des obersten Verfassungsorgans bestimmt. Eine Legende vom Küchentisch aber wird es diesmal nicht geben, weil schon vor der Ausrufung Wulffs ruchbar wurde, dass er, der schon so gut wie aus dem Rennen war, wieder nach vorne geschoben wurde mit Unterstützung seiner politischen Freunde der im Andenpakt verbündeten Merkelgegner.

Ob wir einen wunderbaren Präsidenten bekommen werden, wie die Kanzlerin versprochen hat, wissen wir nicht. Wir können abwägen, wie zuverlässig die Versprechen der Kanzlerin bisher waren. Also machen wir vorsichtshalber ein paar Abstriche. Ob wir ein wunderbares Land werden, entscheidet sich darin, ob die Sanierung des Haushalts gelingt und – vielmehr noch – ob wir in einem wunderbaren, guten Monat Fußballweltmeister sein werden.

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