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Susanne Iden zum Nobelpreis für Obama

Krieg und Frieden

Von Susanne Iden

In Oslo beginnt heute um 13 Uhr einer der spannendsten politischen Termine des Jahres. US-Präsident Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis – und muss dann eine kleine Rede halten. Anders aber als vor ihm Mutter Teresa oder der Dalai- Lama kann dieser Preisträger nicht einfach danken.

Er muss eine Verteidigungsrede halten. In eigener Sache.

Denn Obama muss erklären, warum er des höchsten Preises für Friedensstifter würdig sein soll – obwohl er ein Land regiert, das in zwei Kriegen steht, obwohl er vor einer Woche seine in Afghanistan kämpfende Armee um 34 000 Mann aufgestockt hat, obwohl er sich selbst dazu bekennt, ein „Kriegspräsident“ zu sein.

Obama tritt in Oslo nicht nur mit schwerem außenpolitischem Ballast an. Er ist zudem auch innenpolitisch geschwächt. Noch vor Jahresfrist nicht nur von seinen Landsleuten als Retter der Nation und der Welt gefeiert, findet er heute Zustimmung bei gerade noch 47 Prozent der Amerikaner. Und 61 Prozent glauben: Dieser Präsident hat den Nobelpreis nicht verdient. Sogar die deutsche Friedensbewegung spricht von einem „kolossalen Fehlgriff“. Alles schon vorbei also mit der „Obamania“?

Der Erbe von bin Laden und Bush

Drei sehr unterschiedliche Männer haben das zu Ende gehende erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts geprägt: Osama bin Laden, George W. Bush und Barack Obama. Der Erste hat mit dem tausendfachen Mord am 11. September 2001 die globale Ordnung aus den Angeln gehoben; der Terroristenführer hat demonstriert, dass nicht mehr Konflikte zwischen Staaten die größte Bedrohung für den Frieden sind, sondern die Willkür eines kleinen Haufens von Fanatikern. Der Zweite hat selbst das Maß verloren dafür, wie weit ein Staat gehen kann bei der Reaktion auf tatsächliche und vermutete Bedrohungen. Der Dritte aber, Erbe des Terroristen wie des ungerechten Kriegers, ist derjenige, der diesem düsteren Jahrzehnt der Gewalt auf den letzten Metern noch einen Funken Hoffnung gegeben hat.

Die Aufgaben sind gewaltig: Obama soll zwei verfahrene Kriege, in Afghanistan und im Irak, zu einem guten Ende bringen, er soll das im Inneren zerrissene Amerika befrieden, er soll die Rezession besiegen, den Nahostkonflikt beilegen, einen nuklear aufgerüsteten Iran verhindern. Und er soll – eine vor allem in Europa gehegte Hoffnung – dafür sorgen, dass die USA starker und zuverlässiger Hüter einer gerechteren Welt werden.

Geweckt hat er diese Erwartungen selbst, durch große, kluge Reden. Aber irgendwann hat sich das Gefühl eingeschlichen, dass es möglicherweise doch nicht so weit her ist mit seiner Bereitschaft, das zu liefern, was er selbst in der bewegenden Prager Rede im April forderte: „Regeln müssen verbindlich sein. Zuwiderhandlungen müssen bestraft werden. Worte müssen etwas bedeuten.“

Denn was folgte, waren Monate der Unverbindlichkeit und wachsender Zweifel: Ist dieser Obama nur gründlich und deshalb langsam in der Abwägung – oder unentschlossen und deshalb schwach im Handeln? Erst in jüngster Zeit neigt sich die Waage in Richtung „gründlich“.

Schöne Worte genügen nicht

Merkwürdigerweise aber beginnt der Popularitätsverlust für Obama just in dem lang ersehnten Moment, in dem er die Zügel der US-Politik fest in die Hand nimmt. Entscheidungskraft zu zeigen war in der Politik noch nie ein Garant für Beliebtheit. Obama hat den Weg freigekämpft für die unmöglich geglaubte Gesundheitsreform als Instrument des sozialen Ausgleichs in einer sehr ungleichen Gesellschaft. Er hat, kurz vor seinem Auftritt beim Kopenhagener Klimagipfel, gegen einen murrenden Kongress die Gestaltungsmacht über eine verbindliche Klimapolitik an sich gezogen und damit die Chancen auf einen globalen Konsens drastisch erhöht. Und er hat den Mut aufgebracht, sich seinem schwersten Erbe zu stellen. Mit der Entscheidung für die Truppenaufstockung in Afghanistan zollt der Friedensnobelpreisträger der Tatsache Rechnung, dass Frieden und Sicherheit nicht mit schönen Worten allein herbeizureden sind, sondern manchmal, wie einst zu Zeiten der Nazis in Europa, erkämpft werden müssen.

Stundenlang hat Obama am 9. Oktober gezögert, bevor er öffentlich auf die Nachricht reagierte, dass er für den Nobelpreis auserkoren ist. Vielleicht hat er da geahnt, dass er in Erklärungsnöte geraten könnte: Noch ist ein Regierungschef, der gerade Soldaten für einen Krieg rekrutiert, als Friedensstifter ausgezeichnet worden. Der Widerspruch bleibt.

Dennoch darf Obama den Preis getrost annehmen: als Herausforderung, seinen eigenen hehren Ansprüchen gerecht zu werden.

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