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Matthias Koch zum TV-Duell

Mal im Ernst

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Alle winkten ab, alle fanden es langweilig. Am Tag nach dem Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier sahen ausnahmsweise auch mal Deutschlands Intellektuelle ihre Grundhaltung durch eine „Bild“-Schlagzeile hübsch auf den Punkt gebracht: „Yes, we gähn.“

Selten zeigte sich der versammelte deutsche Journalismus so unzufrieden mit denen da oben. Der Vorwurf wiegt schwer, jedenfalls aus Sicht der Branche: Der Schlagabtausch war nicht unterhaltsam. Schon während der Sendung hatten die Sticheleien begonnen. Wenn es zwischen Kanzlerin und Vizekanzler so weiter laufe, krittelte RTL-Moderator Peter Kloeppel, dann klinge das „mehr nach Duett, weniger nach Duell“. SAT.1-Mann Peter Limbourg merkte an, die Duellanten wirkten mit ihren zahlreichen Gemeinsamkeiten und ihrem kleinen Sortiment an unterschiedlichen Auffassungen zu Atom und Mindestlohn „wie ein altes Ehepaar“.

Mal im Ernst: Hatten Merkel und Steinmeier den Sendern einen politischen Käfigkampf versprochen? Die Medien selbst waren es, die die Erwartungen zu hoch gezogen hatten. Nach tagelangem Trommelwirbel in den Fernsehsendern und atemlosen Vorabberichten einiger Zeitungen („Entscheidet sich heute Abend unsere Zukunft?“) mochte es fast scheinen, als treibe die Nation im Moment des „Duells“ auf ihre Schicksalsstunde zu.

Die Politik hat nicht die Pflicht, ...

Tatsächlich aber wirkten mächtige politische Faktoren von der ersten Sekunde an jeder Eskalation beim Zusammentreffen von Merkel und Steinmeier entgegen. Es beginnt damit, dass Kanzlerin und Vizekanzler auf vier gemeinsame Regierungsjahre zurückblicken. Von Herbst 2005 bis zum Sommer 2008 gelang eine Verringerung der Arbeitslosenzahl von fünf auf drei Millionen, zugleich wurde die Neuverschuldung reduziert. Später, seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers heute vor einem Jahr am 15. September 2008, verdüsterten sich zwar schlagartig die Aussichten wieder. Neue Ängste gehen um. Doch immerhin scheinen, wie sich heute zeigt, Deutschland und Frankreich mit der Krise besser fertig zu werden als andere europäische Staaten. Und die generelle Zuversicht der Märkte und der Verbraucher blieb hierzulande bislang auch stabiler als etwa in den USA oder Japan. Das hat zu tun mit dem Eingreifen der Regierung: im Bankensektor, bei der Ausweitung der Kurzarbeit, durch die Stabilisierung der Autoproduktion per Abwrackprämie und auch mit dem komplizierten Versuch, den Opelanern erstmals seit 100 Jahren jenseits von GM zumindest die Möglichkeit eines Neuanfangs zu geben.

Selbstverständlich war dies alles nicht. Im Fall Opel etwa musste das Berliner Regierungsteam zeitgleich aufs Weiße Haus und auf den Kreml einwirken; zuletzt hatte die Angelegenheit weltpolitisches Format angenommen. Möglich wurde eine Abwendung der drohenden Massenentlassungen nur, weil in Berlin eine christdemokratische Kanzlerin mit ihren sozialdemokratischen Ministern für Finanzen und für Auswärtiges reibungslos zusammenarbeitete. Berlin entwickelte auf der Weltbühne Gestaltungskräfte, auf die andere Nationen mit Neid blicken.

... Entertainment zu liefern

Eben noch haben Merkel und Steinmeier in ungewöhnlich herausfordernden Zeiten gemeinsam ein ungewöhnlich großes Rad gedreht – und nun sollen sie sich einmal auf dem Absatz herumdrehen und grimmig aufeinander einschlagen, weil die Medien gern ein spannendes Duell hätten? Ein solches Ansinnen erscheint, wenn man den Gesamtzusammenhang sieht, fast schon erbärmlich.

Politiker müssen nach den besten Wegen für das Land suchen. Es gehört jedoch nicht zu ihren Pflichten, die Entertainmentbedürfnisse eines gelangweilten Publikums zu befriedigen. Gerade jene, die mit Blick auf Politiker sonst immer so lautstark nach mehr Authentizität rufen, sollten einmal innehalten: Liegt nicht gerade darin etwas Authentisches, dass Merkel und Steinmeier in vielen Fragen Übereinstimmung markiert haben: Managergehälter, Gesundheitsfonds, Opel, Afghanistan?

Die beiden Politiker haben den Menschen in dieser Sendung nichts Falsches gesagt, ihnen keinen Bären aufgebunden. Das Duell zeigte einmal mehr, dass in Deutschland, ähnlich wie in anderen EU-Staaten, die großen Parteien heute nicht mehr so weit voneinander entfernt sind wie früher. „Freiheit statt Sozialismus“ forderte 1976 die Union. „Stoppt Strauß“, tönte es 1980 zurück. Diese Zeiten sind vorbei. Man kann in diesem Befund sogar etwas Spannendes finden.

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  • Schlafen sie gut, oder fehlt ihnen etwas?! Der Provinzler – 15.09.09
    Dass die Bundeskanzlerin und der Außenminister sich so verhalten wie sie sind, kann man ihnen nicht wirklich ernsthaft vorhalten. Positiv bleibt festzuhalten, dass die Kandidaten meist die Gelegenheit verstreichen ließen, und nicht auf abwesende Dritte, Vierte und Fünfte eindroschen.

    Eine sinnbildliche Tracht Prügel verdienen allerdings die Fragesteller und die Strippenzieher im Hintergrund. Die Außenpolitik wurde auf das Thema Afghanistan verkürzt und das Stichwort Europa wurde überhaupt nicht erwähnt. Die Liste der Sünden geht weiter:
    Die Themen …
    faire Bildungschancen und Reform des Bildungswesens,
    stärkere gesellschaftliche Integration von Migranten und Unterschichten,
    die Bewältigung des demographischen Wandels,
    und die Frage nach Deutschlands Aufstellung um möglichst erfolgreich an der Globalisierung teilzunehmen
    … fanden allesamt nicht statt. Dabei sind dies die Bereiche, die über unsere Entwicklung in den nächsten Jahren zunehmend mitbestimmen werden. Stattdessen wurde die Zeit mit flachen Statements „wer mit wem“ (gähn) und die nicht minder seichten Schlussworten verjubelt. (Schlaf gut, Michel!)

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