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Marina Kormbaki über Niedersachsens Schulen
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Leitartikel Marina Kormbaki über Niedersachsens Schulen

Am Mittwoch gibt es Zeugnisse. Und das Schönste daran sind für so manchen Schüler und auch Lehrer die daran anknüpfenden Zeugnisferien: ein paar Tage der Ruhe und des Nichtstuns.

Nichts tun – das empfehlen nun auch die Bildungsverbände den Partnern der angehenden rot-grünen Koalition in Niedersachsen – jedenfalls nichts, was weitere Unruhe, gar „Chaos“ in die Schulen trägt. Dabei haben SPD und Grüne mit ihrer Arbeit noch nicht einmal begonnen. Am Freitag treffen sie sich erstmals zu Koalitionsgesprächen, und gewiss wird da das Thema Bildung ein wichtiges sein. Schließlich kann eine Landesregierung keinem anderen Politikfeld so stark ihren Stempel aufdrücken wie der Schulpolitik.

Nicht jede neue Regierung ...

SPD und Grüne nahmen in den zurückliegenden Jahren ihrer Oppositionsarbeit reichlich Gelegenheiten wahr, die Bildungspolitik der schwarz-gelben Landesregierung anzugreifen. Etwa die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre. Die mit dem Kampfbegriff „Turbo-Abitur“ belegte Reform ließ überwunden geglaubte ideologische Gräben wieder aufreißen. Jetzt, da mit Bernd Althusmann der bundesweit letzte CDU-Bildungsminister auf Landesebene abgewählt ist, böte sich Rot-Grün die Möglichkeit, das „Turbo-Abi“ zu drosseln – aber ausgerechnet aus der eigenen Klientel werden Sozialdemokraten und Grünen jetzt Stoppschilder entgegengehalten. Dabei sind bisher weder GEW noch Elternvertreter als glühende Befürworter der verkürzten Schulzeit aufgefallen. Umso mehr erstaunt ihre Skepsis gegenüber denkbaren Re-Reformen. Ist etwa G 8, also die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, doch nicht so schlimm, wie es sich viele im pessimistischen Überschwang ausgemalt haben?

Immerhin deutet einiges darauf hin. Eine erste belastbare Studie aus Hamburg hat jetzt gezeigt, dass die Schulzeitverkürzung nicht etwa zu schlechteren, sondern zu besseren Leistungen führt. Der Vergleich der Leistungen von Abiturienten vor und nach der Umstellung der Hamburger Gymnasien belegt eine Steigerung ihrer Fähigkeiten in Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Auf verdichtete Lehrpläne reagieren heutige Zwölftklässler und ihre Lehrer wohl mit größeren Anstrengungen.

Solche Studien sagen allerdings wenig aus über die Bedingungen, unter denen die Leistungen zustande kommen. Sie erfassen nicht die Mühen, die Schüler, Lehrer und Eltern aufbringen müssen, um die von der Politik verursachten handwerklichen Fehler bei der hastigen Verkürzung der Gymnasialzeit auszubügeln. Die angestrebte Entrümpelung der Lehrpläne zieht hier und da inhaltliche Ungereimtheiten nach sich, Nachmittagsunterricht ist oftmals nichts anderes als Vormittagsunterricht zu anderer Tageszeit, ohne dass die Schülerverpflegung da mithalten kann.

...  muss eine neue Schulform erfinden

Trotzdem ist es den niedersächsischen Lehrern in den vergangenen zwei Schuljahren gelungen, rund 50.000 Schüler weitgehend geräuschlos zum Abitur nach zwölf Jahren zu führen. Aber jede weitere Großreform oder deren Rücknahme könnte diese sich allmählich zurechtruckelnde Schulroutine aus dem Gleichgewicht bringen. Mit der Einführung von G 8, dem Hinarbeiten auf landesübergreifende Abiturprüfungen und mit der gesetzlich vorgeschriebenen gemeinsamen Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern haben Niedersachsens Schulen die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht. Für weitere Neuerungen fehlt die Kraft – und mögen sie noch so marginal erscheinen wie etwa die Pläne der Grünen, den Gymnasien freizustellen, ob sie das Abitur nach acht oder nach neun Jahren anbieten. Diese Freiheit hätte unweigerlich eine kräftezehrende Debatte über Gymnasien erster und zweiter Güte zur Folge.

Die Reformskepsis der Schulverbände bringt die künftige Landesregierung in die Verlegenheit, ausgerechnet beim Lautsprecherthema Bildung leise Töne anzuschlagen. Bisher war es nach jedem Regierungswechsel Anspruch des zuständigen Ministers, wenn schon nicht das bildungspolitische Rad, so doch mindestens eine neue Schulform zu erfinden – sei es die Gesamtschule, die Orientierungsstufe oder, wie zuletzt, die Oberschule. Sicher, SPD und Grüne werden ihr Wahlversprechen wahrmachen und die Gründung von Gesamtschulen erleichtern. Aber womöglich werden sich ihre Schulstrukturreformen vorerst darauf beschränken – und es wäre kein Verlust, sondern die Chance, die Qualität des Unterrichts stärker als bisher in den Blick zu nehmen: Die Lehrerausbildung ist dringend reformbedürftig, die Schulen brauchen mehr Unterstützung im Umgang mit behinderten Kindern und viele Schüler viel mehr Aufmerksamkeit. Es gibt viel zu tun.

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HAZ-Redakteur/in Marina Kormbaki

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