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Leitartikel

Matthias Koch über Rainer Brüderle


Sexismus ist ein großes Wort. Aufschrei ein noch größeres. Zu registrieren sind in Wirklichkeit nur zwei Armseligkeiten.

 Erstens eine anzügliche Bemerkung des FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle gegenüber einer jungen Journalistin, der er bescheinigt, sie könne „ein Dirndl ausfüllen“. Zweitens die Nutzung dieses Zitats durch die Journalistin für eine „stern“-Geschichte ein Jahr später: in einem Moment, in dem Brüderle zum Spitzenkandidaten der FDP im Bundestagswahlkampf ausgerufen wird. Eine Ehrenmedaille für ethisch beispielhaftes Verhalten kann keiner der beiden Beteiligten beanspruchen.

Was nun? Ein Irrtum läge darin, wenn Brüderle und seine Partei glaubten, als Nächstes folge automatisch die Rückkehr zur Tagesordnung.

In der Politik erfordert auch der Umgang mit Affären, die eigentlich keine sind, ein Mindestmaß an Intelligenz und Fingerspitzengefühl. Beides indessen hat Brüderle an diesem Wochenende vermissen lassen. Wenn er weiter so macht, bekommen er und seine Partei noch ein großes Problem – nicht wegen der Substanz dessen, was er einst an der Hotelbar von sich gab, sondern wegen der Art und Weise des Umgangs mit diesem Thema in der Gegenwart.

Die FDP war schon mal weiter

Der erste Fehler ist schon geschehen: Brüderle hat sich entschlossen, am Sonntag bei einem öffentlichen Auftritt in Düsseldorf ausdrücklich zu schweigen. Kommunikationsverzicht war noch nie ein gutes Kommunikationskonzept. Andere, die es gut meinten mit Brüderle, die Parteifreunde Wolfgang Kubicki und Dirk Niebel vorneweg, machten dann alles noch schlimmer: Sie übten einseitig an der Journalistin heftige Kritik.

Niebel sagte seinerseits ein Interview, das er der „stern“-Journalistin für Mittwoch dieser Woche zugesagt hatte, wieder ab – zur Strafe. Denn ihr Bericht über Brüderle sei „eine ziemliche Unverschämtheit“. Kubicki wiederum will künftig Frauen nicht mehr zu all seinen Terminen zulassen: „Ich werde künftig keine Journalistinnen mehr als Wahlkampfbegleitung in meinem Fahrzeug mitnehmen. Und ich werde künftig Situationen wie Gespräche an der Hotelbar meiden, wenn Journalistinnen beteiligt sind.“

Ist das der Stil führender deutscher Liberaler im 21. Jahrhundert? Willy Brandt, der übrigens mit den Liberalen koaliert hat, würde es so formulieren: Die FDP war schon mal weiter.

Tatsächlich haben die Liberalen, was den Abbau überkommener Diskriminierungen in diesem Land angeht, eine stolze Geschichte. Liberale haben die Gleichberechtigung der Frau vorangetrieben, Liberale haben auch an vorderster Front für die Gleichbehandlung von Homosexuellen gestritten. Frustriert entdecken jetzt die Jüngeren in der Partei, wie wenig diese Art von Liberalität heute noch vom Publikum mit der FDP in Verbindung gebracht wird: Auf einmal ist ihre Partei die Partei des Herrenwitzes.

Feststellungen wie diese sind alles andere als lustig aus der Sicht derer, die demnächst den FDP-Bundestagswahlkampf managen müssen. Und sie sind alles andere als nützlich für Brüderle selbst. Während rundherum alle in der Partei höflich betonen, wie wenig Substanz die Vorwürfe gegen ihn haben, ergibt sich doch ein leises Missbehagen mit dem Spitzenkandidaten.

Selbstmitleid und Selbstbespiegelung

Eigentlich müsste Brüderle jetzt etwas unternehmen: sich äußern zu dem Thema, vielleicht auf die Journalistin zugehen, ein Zeichen setzen für einen besseren Stil, einen würdigeren Umgang. Doch was geschieht? Die FDP igelt sich ein in ihrer Die-Medien-sind-an-allem-schuld-Wagenburg. „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“, zischte einst ein böse gewordener Guido Westerwelle in Richtung eines großen Pulks von Berichterstattern; es ist schon ein Weile her, damals stand er in den Medien viel schlechter da als heute. Jetzt, am Sonntag in Düsseldorf, steigerte sich der Außenminister erneut mit düsterem Blick in seine Verschwörungstheorien: „Für den Mann an der Spitze“ gebe es bei den politischen Konkurrenten und „in einigen Redaktionsstuben kein Pardon mehr“.

Bei so viel Selbstbespiegelung der Liberalen geriet glatt aus dem Blick, dass unterm Strich weder Brüderle besonders bemitleidenswert ist noch die Frau vom „stern“. Unter Anzüglichkeiten und sexuellen Belästigungen leiden vor allem jene, die sich nicht wehren können. Als einzige prominente Liberale behielt Silvana Koch-Mehrin, die Geschasste, die Sache im Blick: „Das Thema ist größer als die FDP.“ Wohl wahr.

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