Besonders, wenn die Politiker in eigener Sache unterwegs sind, zum eigenen Nutzen Entscheidungen treffen wollen und sich dabei hinter dem Begriff Gemeinwohl verstecken können. So verhält es sich in Hannover, Landeshauptstadt, mit Sitz des niedersächsischen Landtags. Am Dienstag der kommenden Woche werden die Abgeordneten des Landtags darüber abstimmen, ob sie ein Baudenkmal, das wichtigste und symbolträchtigste Nachkriegsgebäude des 1946 neu gegründeten Bundeslandes Niedersachsen, unwiederbringlich zerstören. Und wenn sie dies beschließen sollten, werden sie sich dafür feiern, dass sie so viel Mut besaßen, besser noch: dass sie den Mut besaßen, etwas Neues zu wagen.
Sie werden nicht zögern, sich dabei auch noch auf Dieter Oesterlen zu berufen, den Architekten des 1962 fertiggestellten Landtags-Ensembles, der es vermocht hat, das zerbombte Leineschloss mit dem neuen Plenarsaal zu einem würdigen, aber unprätentiösen Ort der Demokratie zu verschmelzen. Oesterlens Wunsch zur Grundsteinlegung lautete: „In Ehrfurcht vor dem Alten, mit Mut zum Neuen, zur Freude von Stadt und Land“. Vielleicht bleibt es ihm auch posthum erspart, dass sein Wort von jenen gegen sein Werk gerichtet wird, die es kaum 50 Jahre nach seiner Einweihung ohne Not planieren wollen. Sie würden das 1962 errichtete „Neue“ abreißen und durch etwas anderes Neues ersetzen. Wie lange wird dieses Neue wohl den Parlamentariern gefallen? Wieder nur 48 Jahre oder dreht sich die Zeit künftig schneller, vertackten wir Abriss und Neubau dann vielleicht im Zwei-Dekaden-Rhythmus? Frei nach dem Motto: Was dem Zeitgeist nicht gefällt, fällt?
Wer die öffentliche Diskussion verfolgt hat, die sich außerhalb des Landtags in Foren und Leserbriefspalten der Tageszeitungen abgespielt oder in Protestnoten von Bürgern, Architekten und Wissenschaftlern ausgedrückt hat, der spürt nicht nur Ärger, Wut und Unverständnis der Abrissgegner. Der Fall des Landtags ist zu einem echten Sorgenfall der Demokratie geworden. Darf sich das Parlament tatsächlich so sehr vom eigentlichen Souverän, dem Volk, entfernen und Geld für diese hochumstrittene Investition ausgeben? In einer mageren Zeit, die sich abgetrennt hat von den fetten Jahren, in der die Begehrlichkeiten nach einem Neubau am Leineschloss gewachsen waren?
Der Vorwurf der Respektlosigkeit gegenüber Oesterlen und der demokratischen Geschichte des Landes, den der frühere Verfassungsrichter Ernst Gottfried Mahrenholz gegen die Abriss-Abgeordneten richtete, lässt sich erweitern: Wer dieses Baudenkmal abreißen will, statt es zu modernisieren und zu erhalten, beweist Respektlosigkeit vor dem eigenen Mandat. Abgeordnete sollten Recht bewahren, Recht schaffen und das Ansehen der demokratischen Institutionen mehren. Es auszuhöhlen, den Denkmalschutz auszuhebeln, damit die Autorität einer Landesbehörde nachhaltig zu beschädigen, das alles kann nicht ihre Aufgabe sein.
Wie vernagelt muss man als Abgeordneter sein, um die Bedeutung und Wirkung dieses Abrissbeschlusses zu ignorieren? Wer abreißt, muss auch das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz abschaffen, denn es ist offenkundig für das Parlament bedeutungslos. Warum also sollte es für die Bürger des Landes von Bedeutung sein? Wann ist das überwiegend öffentliche Interesse, das einen Abriss des Plenarsaals zwingend verlangt, jemals nachgewiesen worden? Besteht es aus einer Mischung von zusätzlicher Beinfreiheit, Parkgarage und Repräsentationsgehabe? Die absurde Vergrößerung des Raumbedarfs, der Wunsch nach einer kostentreibenden Tiefgarage und ein Siegerentwurf im Architektenwettbewerb, der „Transparenz“ als Anmaßung übersetzt, sind eindeutige Hinweise, welche Überzeugungen sich unter den Parlamentariern Bahn gebrochen haben. Hier übt sich eine Gruppe in Unbescheidenheit, die miterleben muss, dass ihre tatsächliche Bedeutung angesichts neuer politischer Institutionen in Europa schwindet. Was liegt da näher, als dass sich der Kaiser neue Kleider anlegt? Das Parlament wird in seinem neuen transparenten Lampenladen nackt und bloß dastehen.
Die Abgeordneten mögen denken, die Gefahr sei nicht besonders groß, dass die Bürger sie so erkennen. Das stimmt, denn drei Sitzungstage im Monat verheißen den freien Bürgern an 329 sitzungsfreien Tagen im Jahr einen freien Blick auf ein frei gewähltes leeres Parlament. Voll ist dieser Plenarsaal viel zu selten, um einen Neubau für 45 Millionen Euro zu rechtfertigen.
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Kommentare
Anmaßend et – 15.03.10
Das die HAZ seit Wochen eine Kampagne für den Erhalt des jetzigen Landtages betreibt ist zwar von der Art her zum Teil bedenklich, aber am Ende noch vertretbar.Anmaßend ist allerdings der Kommentar von Herrn Neufert zu der Frage wie frei gewählte Abgeordnete sich am Ende in dieser Frage entscheiden oder um im Duktus von Herrn Neufert zu bleiben „entscheiden dürfen“.
Man kann in der Sache zu der ganzen Frage Abriss, Neubau, Umbau, stehen wie man will, es gibt für viele Positionen gute und schlechte Argumente. Den ganzen Vorgang allerdings als „echten Sorgenfall der Demokratie“ zu bezeichnen, ist ein besonderes Beispiel einer völligen Überzeichnung, wie wir sie leider in den Medien fast täglich antreffen. Es beruhigt einen lediglich die Tatsache, dass unsere Demokratie auch solche Kommentare überstehen wird.
Auch der alte Deutsche Bundestag in Bonn stand unter Denkmalschutz und dennoch haben sich die Abgeordneten seinerzeit dazu entschlossen, einen völlig maroden Bau durch ein neues Gebäude der Demokratie zu ersetzen. Auch außerhalb von öffentlichen Bauten gibt es genügend Beispiele, in denen im Abwägungsprozess zwischen Neu- und Altbau ein altes, unter Denkmalschutz stehendes Gebäude abgerissen worden ist.
Den Abgeordneten Verschwendung vorzuwerfen, ist wahrlich eine unglaubliche Stimmungsmache, gerade vor dem Hintergrund der Kostenschätzungen für Sanierung und Neubau. Gleiches gilt für die Frage der Finanzen. Trotz knapper Kassen werden in diesen Wochen und Monaten auch in Hannover neue Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Kindergärten gebaut und am Sprengelmuseum mit einem Aufwand von 25 Millionen Euro der dritte Bauabschnitt verwirklicht. Dass der Landtag einen dringenden, grundlegenden Sanierungsbedarf hat, dürfte wohl auch Herr Neufert nicht bestreiten.
Die Wortwahl die Herr Neufert mit seinem Kommentar „Nackt im Lampenladen“ verwendet hat, ist anmaßend und im höchsten Maße ein Angriff auf das freie Abgeordnetenmandat. Die Herabwürdigung und Beurteilung der Abgeordneten und ihrer Arbeit ist nicht weit von der Wortwahl „Quasselbude“ entfernt. Es ist eines Chefredakteurs der größten Niedersächsischen Tageszeitung unwürdig, einen derartigen Populismus an den Tag zu legen.
Nackt im Lampenladen Lbt – 13.03.10
Bravo, Sie haben mir aus der Seele geschrieben!Nagelprobe Stier – 13.03.10
Ulrich Neufert fragt sich, wie vernagelt ein Abgeordneter ist, wenn er die Bedeutung und Wirkung dieses Abrissbeschlusses ignoriert. Ich frage mich, wie vernagelt ein Chefredakteur sein muss, wenn er Abgeordneten per se Blödheit unterstellt, wenn sie nicht so abstimmen, wie er es für richtig hält.