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Jutta Rinas zur Buchmesse 2009

Platz der Freiheit

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Im Jahr 2005 war das Problem Nordkorea. Der kommunistische Staat sagte die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse – die sich von heute Abend an wieder fünf Tage lang mit 7000 Verlagen und 2900 Veranstaltungen präsentieren wird – im letzten Moment ab.

och dazu war damals unklar, ob der wegen Beleidigung des Türkentums angeklagte Träger des Deutschen Friedenspreises, Orhan Pamuk, würde kommen können. 2006 blieb es beim Auftritt Kataloniens bis zuletzt strittig, ob man nicht neben den katalanisch und auch die spanisch sprechenden Autoren hätte einladen müssen. 2008 präsentierte sich die Türkei überraschend weltoffen: Diesmal hielt Pamuk die Eröffnungsrede.

Die bange Frage, wie viel Meinungsfreiheit in einem Staat gewährleistet ist, hat die Auftritte der Gastländer auf der Frankfurter Buchmesse immer wieder geprägt. Es ist Ausdruck einer neuen Ernsthaftigkeit, mit der Direktor Juergen Boos die größte Buchmesse der Welt führt, dass er einen konzentrierten Blick auf Staaten lenkt, bei denen die Literatur Konflikte im Demokratieverständnis sichtbar macht. Boos hat die Literatur aus den Fängen der Unterhaltungsindustrie herausgelöst, in die sie unter seinem Vorgänger Volker Neumann geraten war, und zu einem Seismografen für Brüche gemacht, auch in scheinbar glatten, staatlichen Oberflächen.

Chinas Maske beginnt zu bröckeln

Das Gastland China, das sich jetzt in Frankfurt präsentiert, einzuladen, ist unter diesen literarischen Gratwanderungen die ambitionierteste. Es war zuletzt bei den Olympischen Spielen 2008 zu erleben, wie sehr das Reich der Mitte öffentliche Auftritte auf ihre Staatstreue hin überprüft. Seit zehn Jahren gab es Verhandlungen zwischen Frankfurt und China: Die Wirtschaftsmacht, die zudem mit digitalen Buchmedien Erfahrung hat, ist ein wichtiger Partner der westlichen Welt. Streitpunkt ist immer das Maß an Kontrolle gewesen, mit der China die öffentliche Wirkung seiner Präsentation bestimmt.

Dass die Maske einer von Kritik gereinigten Selbstinszenierung Chinas schon vor Beginn der Buchmesse zu bröckeln begonnen hat, dass jetzt schon intensiver als sonst über seine Demokratiefähigkeit diskutiert wird – und nicht der 15 Millionen Dollar teure staatliche Auftritt, sondern die 250 regimekritischen Veranstaltungen im Fokus stehen – dies alles ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber er ist sehr zaghaft.

War es zum Beispiel wirklich ein Erfolg, wie die Umweltaktivistin Dai Qing behauptet, dass eine offizielle chinesische Delegation sich bei einer Tagung im Vorfeld der Messe kritischen Fragen stellte, nachdem sie zunächst aus Protest den Saal verlassen hatte? Noch 2007 hatten Diplomaten Chinas in Berlin den Rechtsdialog mit der EU abgebrochen, als Menschenrechtsorganisationen erschienen, die in Peking als „chinafeindlich“ gelten. Trotzdem: Jene Tagung wurde von hilflosen Aktionen des Buchmessechefs Boos begleitet, die den Verdacht der Zensur nahelegten. Regimekritiker wurden ausgeladen und erst nach Protesten als Zuhörer wieder zugelassen.

Der leise Einfluss der Kulturdiplomatie

Dazu hat die Buchmesse schwerwiegende Absagen zu verkraften. Ai Wei Wei, ein bedeutender Künstler und ein wichtiger Mahner und Warner, will aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen. Ob er auch von staatlicher Seite zu seiner Absage gedrängt wurde, weiß man nicht. Der Autor Liao Yiwa darf China nicht verlassen. Wie weit der leise Einfluss der chinesischen Seite reicht, ist schwer zu ermessen: Bei der Pariser Buchmesse im Jahr 2004 hatte die Kulturdiplomatie sogar durchgesetzt, dass der in Frankreich lebende chinesische Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian nicht eingeladen wurde. Zur Frankfurter Buchmesse soll er, der in China Publikationsverbot hat, kommen, ebenso der in London lebende Lyriker Yang Lian, der uigurische P.E.N.-Präsident Abdulrusul ÖzHun, der in Schweden im Exil lebt, oder der Abgesandte des Dalai-Lama, Kelsang Gyaltsen. Es wird Solidaritätsaktionen für den in China zu Unrecht inhaftierten Autoren Liu Xiaobo geben.

Es hängt viel von den Auftritten dieses unabhängigen Chinas ab, ob die Messe ein „Marktplatz der Freiheit“ bleibt, wie Boos es versprochen hat. Er wolle eine Plattform für verschiedene Standpunkte schaffen, einen Dialog ermöglichen, hat er beteuert, nachdem ihm das bei jener Tagung misslungen war. Worte bedeuten viel, gerade auf einer Buchmesse. Aber was solche Sätze in der Realität taugen, wird sich in Frankfurt erst noch zeigen müssen.

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