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Stefan Winter zur Conti-Strategie

Sprung ins Leere

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Angeblich lässt sich in der Wirtschaft dieser Tage nichts planen. Überall sieht man sich vor „Nebelwänden“, fährt „auf Sicht“ und hofft im Übrigen das Beste.

In einem Jahr könnte das Gröbste überstanden und die wirtschaftliche Erholung in Sicht sein. Dann wird Continental gerade seine letzte Reifenmaschine in Hannover abgebaut haben, weil der Konzern nicht mehr an die Auslastung glaubt. Kann die Conti-Spitze durch den Nebel hindurchsehen? Weiß sie heute schon, dass es dahinter nicht mehr aufwärtsgehen wird?

Nein, aber sie hat sich im Stillen schon lange festgelegt, dass es mit der Reifenproduktion am Stammsitz vorbei sein soll, sobald die Wirtschaft den ersten Schritt abwärts tut. Im Moment sehen wir keinen Schritt, sondern einen Sprung ins Leere, und so machen Konzernchef Karl-Thomas Neumann und seine verbliebene Vorstandsmannschaft kurzen Prozess: Die Produktion von Lkw-Reifen wird in Hannover zum Jahresende eingestellt, zwei Jahre nachdem die Pkw-Sparte hier dichtmachte.

Einen überzeugenderen Anlass kann man kaum finden. Es werden im Moment praktisch keine Lkw gebaut, die Auftragseingänge der Hersteller sind zum Teil um sagenhafte 95 Prozent abgestürzt, viele Fahrzeuge stehen still, statt auf der Autobahn Gummi zu geben. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die Folgen für die Reifenproduktion vorzustellen.

Doch das erklärt nicht die Radikal lösung. Andere Konzerne schöpfen im Moment schließlich auch sämtliche Alternativen aus, bevor sie Werke schließen. Dort ist das die letzte Lösung, bei Conti eine der ersten. Es gehört zur Conti-Strategie, die Standorte mit den hohen Löhnen bei erster Gelegenheit aufzugeben. Kommen die Aufträge zurück, werden sie von den verbliebenen Werken in Niedriglohnländern mit erledigt. Die sind auf Zuwachs gebaut, während die alten Standorte über die Jahre zu verzichtbaren Größen zusammenschrumpften. So ist es auch jetzt wieder: Sollte die Stöckener Kapazität eines Tages wieder gebraucht werden, haben die Kollegen im slowakischen Puchov noch Luft und bauen die Reifen billiger.

Betriebswirtschaftlich ist das logisch. Solche Entscheidungen sind gemeint, wenn Unternehmen sagen, sie wollten stärker aus der Krise kommen, als sie hinein gegangen sind. Doch was den Konzern stärkt, schwächt den Standort, und gerade bei Continental sollte man langsam ein Gefühl dafür entwickelt haben, dass am Ende doch eins mit dem anderen zusammenhängt.

Conti braucht Hilfe. Dieser Tage ziehen niedersächsische Politiker durch die Welt, um dem Konzern einen Neustart nach dem Schaeffler-Desaster zu ermöglichen. Und bei allem berechtigten Selbstbewusstsein der Conti-Spitze: Ohne diesen Rückhalt wird es nichts werden. Sie suchen Kapitalgeber, bereiten Bürgschaften vor, werben um Zugeständnisse der Arbeitnehmer, um Arbeitsplätze in Niedersachsen zu sichern.

Mitten in diese Bemühungen hinein einen Schlüsselbetrieb mit Hunderten Arbeitsplätzen dichtzumachen zeugt von einer ganz eigenen Form der Zerstörungslust. Während Ministerpräsident Christian Wulff allerorten für den „weltweit profitabelsten Reifenkonzern mit Sitz in Niedersachsen“ wirbt, gibt dieser die Reifenproduktion in Niedersachsen auf – sehr clever …

Was die Stadt schon bei den Pkw-Reifen empfunden hat, wird sich in diesem Jahr endgültig vollziehen: Nach mehr als einhundert Jahren werden keine Reifen mehr in Hannover gebaut. Man sollte sich vor falscher Nostalgie hüten, die hat im Wirtschaftsleben oft geschadet und selten genützt. Aber die Schließung des letzten Reifenwerks in Niedersachsen hat ganz praktische Folgen. Sie löst ein weiteres Band der Conti-Zentrale zu diesem Standort.

Und sie wirft strategische Fragen auf. Das gesamte Nutzfahrzeuggeschäft der Conti gilt als zu klein und damit disponibel. An Wachstum ist vorerst nicht zu denken, neigt sich die Waage nun also Richtung Verkauf? Wie sieht dann die Zukunft des verbleibenden Pkw-Geschäfts aus? Vielleicht geht der Gedanke auch andersherum: Wird ein potenzieller Problemfall jetzt schon bereinigt, um neuen Conti-Investoren den Einstieg leichter zu machen? Schließlich ist eine Zukunft des Gummibereichs im bröckelnden Schaeffler-Reich kaum noch vorstellbar. Neue Großaktionäre für dieses Geschäft sind – wenn überhaupt – nur für ein „besenreines“ Unternehmen zu gewinnen.

Wahrscheinlich ist sich die Konzernspitze darüber selbst noch nicht im Klaren. Sie hat wohl schlicht nach der jahrelang eingeübten und bisweilen gnadenlosen Conti-Logik gehandelt, mögliche Probleme sofort zu beseitigen. Doch die stammt aus Zeiten, als Conti niemanden brauchte außer ihren Kunden. Um das Schaeffler-Desaster zu überstehen, benötigt der Konzern Politiker und die Öffentlichkeit. Auch das ist eine Logik.

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  • Sprung ins Leere Stefan Winter – 13.03.09
    Den Sprung ins Leere hat Conti mit der Übernahme von Siemens/VDO zu einem völlig überhöhten Kaufpreis gemacht . Die Probleme von Conti sind nicht auf die schiefgegangene Übernahme durch Schaeffler zurückzuführen .
    Wenn die für Außenstehende zugänglichen Informationen korrekt sind , hat Conti in den letzten Jahren im Reifengeschäft nur Umsatz gemacht aber keinen Gewinn erzielt .
  • Conti schliesst LKW-Reifensparte in Hannover jehelo – 12.03.09
    Unsensibel.
    In verschiedenen Foren war auch von Conti-Mitarbeitern/-innen zur Kritik an der Schaeffler Gruppe zu lesen, dass dort viel Verständnis, Vertrauen und Loyalität da war, um Unterstützung wurde geworben usw.
    Politiker aller Couleur fühlten sich berufen, zur Rettung etwas beitragen zu dürfen (schließlich ist Wahljahr). Nun ist es aus. Zur Rettung des Konzerns (oder zur Rettung von Managerjobs?) sind eben auch unpopuläre Entscheidungen erforderlich. Die müssen ja nicht richtig sein. Vielleicht lernen die Belegschaften daraus, sich mit Strategien ihrer Unternehmen etwas intensiver zu beschäftigen. Wenn es dann in Verhandlungen geht, sollte man doch lieber versuchen, so viel wie möglich herauszuholen. Denn merke: ALLES IST ENDLICH.

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