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Stefan Koch
Stefan Koch über das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen seit dem Zweiten Weltkrieg

Steiniger Weg

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„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“ Dieser Satz aus Adolf Hilters Reichstagsrede vom 1. September 1939 ist bis heute vielen Deutschen geläufig. Kriegsbeginn, der schnelle Polenfeldzug – und dann kam Russland. In unserem kollektiven Gedächtnis zur Kriegschronik wird Polen zumeist nur kurz erwähnt, taucht anschließend ab und kommt erst mit der Vertreibung von zwölf Millionen Deutschen aus dem Osten wieder an die Oberfläche.

Polen kommt einer terra incognita gleich, einem Land, über das man wenig weiß, aber umso mehr Klischees im Kopf hat. Dieses einseitige Nichtwissen ist ein Kernproblem im heutigen Verhältnis zwischen Deutschen und Polen.

Wenn in deutschen Familien über den Zweiten Weltkrieg gesprochen wird, geht es oftmals um das große Sterben in den Weiten der Sowjetunion. Dass in Polen damals zwanzig Prozent der Bevölkerung ums Leben kamen, also so gut wie jede Familie Angehörige verloren hat, wird selten erwähnt. Ganz überwiegend fielen sie nicht im Gefecht, sondern wurden hinterrücks erschossen, am helllichten Tage erhängt oder vergast. Selbst die große militärische Leistung der Polen – der Warschauer Aufstand von 1944 – wird in der Regel mit dem Aufstand im Warschauer Getto ein Jahr zuvor verwechselt.

Fremdenfeindlichkeit wirkt nach

Deutsche und Polen hätten sich viel zu sagen. Stattdessen wirkt die staatlich verordnete Fremdenfeindlichkeit nach, die schon unter Otto von Bismarck grassierte und später von den Nationalsozialisten geschürt wurde. In Ostdeutschland bediente man sich dieser Vorbehalte sogar bis zur Wende, um die Gewerkschaft Solidarnosc in schlechtes Licht zu rücken.

Wie brüchig die Normalität entlang der Oder-Neiße-Grenze ist, zeigt sich leider auch in diesem Sommer. Auf mehreren Hundert Plakaten fordert die NPD in Görlitz „Polen-Invasion stoppen!“. Es ist unfassbar, dass die rechtsradikalen Häscher im Osten von Mecklenburg-Vorpommern und in den sächsischen Grenzorten viel Beifall erhalten. Jetzt ziehen sie sogar in den neuen Landtag in Dresden ein, obwohl Deutschland der größte Profiteur der offenen Grenzen in Europa ist.

Man möchte diese Ewiggestrigen am liebsten schütteln, um sie aufzuwecken und ihnen die Augen zu öffnen. Sie vergiften die Stimmung und verspielen Chancen. Oder sollte man ihnen besser einen Reisegutschein schenken? Denn wer heute nach Stettin, Posen oder Warschau fährt, spürt schnell, dass dieses Land zu den Aktivposten in der Europäischen Union zählt. Während alle Welt über die Wirtschaftskrise jammert, läuft in Polen einiges anders: Das Bruttoinlandsprodukt ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar noch gewachsen. Die Banken stehen unter Druck, aber Rettungsaktionen nach deutschem Vorbild waren bisher nicht nötig. Und selbst der Absturz des Zloty zum Jahresbeginn – ein Resultat der allgemeinen Panik auf den Finanzmärkten – hatte positive Auswirkungen auf die Realwirtschaft: Die polnischen Exporte wurden wettbewerbsfähiger. Die Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk hat daraus den Schluss gezogen, dass es das Beste ist, nichts zu tun.

Mit einer gewissen Gelassenheit auf die Wirtschaftskrise zu reagieren, ist offenbar ein gutes Rezept. Um das deutsch-polnische Verhältnis zu stabilisieren, bedarf es aber einiges mehr. Die weiter rumorenden Streitigkeiten um das Vertriebenen-Zentrum in Berlin, die Ostseepipeline und die Pläne für eine amerikanische Basis für Abfangraketen nahe der weißrussischen Grenze zeigen an, dass die Wunden der Vergangenheit noch nicht geheilt sind.

Es fehlt die Alltäglichkeit

Sicherlich: Deutsche und Polen leben in dem Bewusstsein, dass die Narben dauerhaft sichtbar bleiben. Das entbindet sie aber nicht von der Aufgabe, die geschichtliche Wahrheit zu achten.

Es ist ein Verdienst von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, zur Regierung Tusk wieder einen stabilen Gesprächsfaden gesponnen zu haben, nachdem die Zwillingsbrüder Kaczynski Polen fast um seine Reputation gebracht hätten. Die neue Basis ist fest genug, dass die gemeinsame Geschichte in ihrer Gesamtheit betrachtet werden kann und das Schicksal der Vertriebenen nicht verschwiegen wird – auch nicht am Jahrestag des deutschen Überfalls.

Erfüllt ist das deutsch-polnische Versöhnungswerk damit nicht. Ein Europa der Zukunft ist erst dann erreicht, wenn das Zusammenleben alltäglich wird. Mit Arbeitnehmern, die grenzüberschreitend tätig sind, mit Grundstückseigentümern, die aus dem anderen Land stammen, und Wählern, die den Extremisten beiderseits der Grenze Einhalt gebieten.

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