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Alexander Dahl zur Preiserhöhung bei der Bahn

Taktlos


Eine Entscheidung mit Augenmaß sei das, hatte der Bahn-Vorstand für Personenverkehr, Ulrich Homburg, gesagt, als er am Dienstag die neuen Preiserhöhungen zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember verkündete. Und wenn man nur die Augen als Maß nimmt, dann hat Homburg sicher recht.

Der Blick auf die Kurve der Preissteigerungen für die Lebenshaltungskosten verdeutlicht, dass sie sich seit dem Jahr 2000 um 15,3 Prozentpunkte nach oben bewegt hat, die der Bahn-Tarife aber nur um 12,1 Prozentpunkte. Die Bahn bleibe günstig, so Homburgs zufriedener Kommentar. Fraglich ist nur, ob Augenmaß und statistische Größen für die Bahn derzeit die richtigen Ratgeber sind. Fingerspitzengefühl und Charme im Umgang mit den Kunden wären sicher besser, denn in den vergangenen Monaten hat eine Pannenserie ohnegleichen Zweifel wachsen lassen, ob Deutschlands größtes Verkehrsunternehmen seinen Aufgaben gewachsen ist.

Historisches Desaster

Die ICE-Flotte rollte auf fehlerhaften Achsen und Rädern; auch jene an den ICEs der neuesten Generation müssen nun ausgetauscht werden. Reisende mussten sich in unbequeme Ersatzzüge zwängen; oft war nur ein Stehplatz zu bekommen. Die wichtige Strecke Hamburg– Berlin musste wegen maroder Schwellen gesperrt werden. Und dann sind da noch die vielen Verspätungen im Bahn-Alltag. „Wir bitten um Entschuldigung!“, heißt es dann deutschlandweit in monotoner Computerstimme. Es ist zweifelhaft, ob Reisende wirklich noch bereit sind, all das zu entschuldigen. Die Einlassung des neuen Bahn-Chefs Rüdiger Grube von der „weltweit pünktlichsten Eisenbahn“ wirken im Alltag oft wie Hohn. Die Daten- und Spitzelaffäre im Konzern tat ihr Übriges, um das Image der Bahn AG zu ramponieren.

Ein historisches Desaster musste das Unternehmen im Sommer bei der Berliner S-Bahn einräumen. Über Jahre hinweg waren Räder, Achsen und selbst Bremsen nachlässig gewartet worden. Vom „schwarzen Tag“ für den Konzern sprach Homburg und davon, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Weder er noch Grube haben dies bisher getan. Der frühere S-Bahn-Vorstand wurde an anderer Stelle im Konzern weiterbeschäftigt. Deutlich weniger kulant war man zu den Kunden, die erst nach langer und zäher Debatte eine Entschädigung zugebilligt bekamen. So verhält sich ein Monopolist, der Kunden nicht zu pflegen braucht, weil diese keine Möglichkeit haben, zur Konkurrenz zu wechseln.

Die Begründungen für die neuerliche Preisrunde des Staatskonzerns sind daher auch nicht glaubwürdig. Nun müssen die Gehaltszuschläge an die Mitarbeiter aus vergangenen Tarifrunden herhalten, um die Preisanhebung von 1,8 Prozent zu rechtfertigen. Die Gewerkschaften werden übrigens genau zugehört und sich Homburgs Worte gemerkt haben. Wenn Lohnsteigerungen durch höhere Fahrpreise ausgeglichen werden, dürfte es für sie kaum noch einen Grund geben, bei kommenden Verhandlungen zurückhaltend zu sein. Wahrscheinlicher ist ohnehin, dass die Bahn mit den erwarteten Mehreinnahmen von etwa 50 Millionen Euro Defizite in der Sparte Güterverkehr zumindest zum Teil decken will, die sich durch die Rezession aufgetan haben.

Leere Worte

In den vergangenen Jahren hatte der Bahn-Vorstand die jährliche Teuerungsrunde immer mit steigenden Energiepreisen gerechtfertigt. Die sind seit Beginn der Weltwirtschaftskrise abgestürzt, aber der Konzern hat angeblich nichts davon, weil er auf dem Höhepunkt des Energiepreisbooms langfristige Lieferverträge abgeschlossen hat. Dass der Bahn-Vorstand solche Kontrakte ausgehandelt hat, hat mit solidem Kaufmannsgeschick nichts zu tun.

Bei den Reisenden ist der Konzern wesentlich geschickter. Die Ticketpreise steigen um 1,8 Prozent; die für Reservierungen aber um 12,5 Prozent. Wer das Gedränge im IC oder ICE um freie Plätze kennt, weiß, dass man sich die Reservierungsgebühr nicht sparen kann. Der Hinweis der Bahn, dass bei Buchungen über das Internet oder den Automaten alles etwas billiger ist, hilft auch nicht weiter. Selbst am teuren Schalter mit persönlicher Beratung kann der Kunde angesichts des Tarifdickichts nicht mehr sicher sein, dass er sich mit dem günstigsten Angebot in der Tasche auf den Weg macht. Zufriedene Kunden, die gern und viel Bahn fahren, sind aber für den Konzern der wichtigste Umsatzmotor. Grube hatte bei seinem Amtsantritt im Frühjahr eine „sympathische Bahn“ versprochen. Mit der Preiserhöhung hat er deutlich gemacht, dass dies nur leere Worte waren.

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