Bei Annäherung an die noch immer bröckelnden Ruinen besteht Helmpflicht. Doch Angela Merkel ließ nach kurzem Hin und Her den Helm beiseite, ebenso wie ihr Gastgeber, Silvio Berlusconi. Der marschierte, stolz wie ein Pfau, bereits an den Kameras vorbei, schüttelte Hände und „informierte sich“, wie es in den Fernsehsendungen so schön heißt, einmal mehr „über den Stand der Aufräumarbeiten“.
Auch im fast schon makabren Sonderfall von L'Aquila gilt, was bei jedem Gipfel galt: Die Regierenden wollen vorteilhaft abgelichtet werden, die Bilder müssen stimmen, nichts soll ablenken oder stören.
Alles Inszenierung? Solche Kritik, man kennt sie aus Heiligendamm, hat einen wahren Kern. Und doch greift sie zu kurz. Die G-8-Treffen sind nützlich für die ganze Welt, auch wenn die journalistischen Begleiter stets zum Ende hin wie in einem rituellen Gesang betonen, es sei „wenig Konkretes beschlossen“ worden. Eine Runde von Regierungschefs ist kein Gesetzgebungsorgan und soll es auch gar nicht sein. Entscheidend ist etwas anderes: Die G-8-Treffen helfen, mögliche Spannungen, auch solche der unheilvollen Sorte, zwischen den mächtigsten Staaten der Erde gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Alternative läge im Zurück zu rein nationalstaatlichen Lösungsversuchen – was man sich heute weniger vorstellen mag denn je.
Ein Gipfeltreffen ist ihr lieber ...
Der medienwirksame Auftritt im Kreis der ganz Großen ist für jeden Teilnehmer förderlich. Doch in Deutschland, wo in elf Wochen der Bundestag gewählt wird, werden dieser und die noch anstehenden Gipfel nicht mehr viel verändern. Das Publikum ist längst gewöhnt an eine Kanzlerin, die über den Wolken unterwegs ist, in Gipfelwelten, in denen zwischen ihr und anderen Staatenlenkern eine erstaunliche Nähe zu existieren scheint. Barack Obama gab ihr in Baden-Baden vor staunendem Publikum ein Küsschen. Auch von dem russischen Staatspräsidenten Dimitri Medwedew, den sie am 16. Juli in München treffen wird, erhofft sich die Kanzlerin Zeichen einer neuen Freundlichkeit; derzeit geben Merkels Vertraute im Kanzleramt die Losung aus, nur ja alles zu unterlassen, was die deutsch-russischen Beziehungen belasten könnte.
Mehr als es nach draußen dringt, setzt Merkel in der Außenpolitik auf persönliche Vertrautheit. Mit dem schwedischen Premier Fredrik Reinfeldt ruderte sie in dessen Heimat über einen See, und sie schleppte ihn in Deutschland nächtens zu einer CDU-Klausur, wo er in gemütlicher Runde die komplette Führungsriege der Schwesterpartei kennenlernen konnte. Zahlen sich solche vertrauensbildenden Maßnahmen für Merkel aus? Fest steht nur: Reinfeldt ist seit dem 1. Juli EU-Ratspräsident und als solcher auch Teilnehmer bei G8 und G20.
Viele CDU-Politiker, darunter prominente Ministerpräsidenten, hätten es gern, dass sich Merkel auch mit ihnen und ihren Anliegen so viel Mühe gibt wie mit den ausländischen Regierenden. Doch schon seit 2007, als Merkel für ein halbes Jahr den EU-Ratsvorsitz bekam, haben sich im Kanzleramt die Gewichte verschoben. Die Kanzlerin gewöhnte es sich sogar an, besonders in Begegnungen mit Russen, Chinesen oder Amerikanern nicht mehr nur für Deutschland zu sprechen, sondern für die gesamte EU.
... als ein CDU-Bundesparteitag
Parallel dazu ließ Merkels Begeisterung für Parteiveranstaltungen auf nationaler Ebene merklich nach. Ausgerechnet im Superwahljahr 2009 wollte sie keinen CDU-Bundesparteitag. Zum Vergleich: Die FDP setzte für dieses Jahr gleich zwei Bundesparteitage an.
Merkel meint, auf internationaler Ebene erstens in der Sache mehr erreichen zu können, sei es für die Kontrolle der Finanzmärkte oder für den Klimaschutz. Zweitens bringen ihr die Gipfeltreffen Pluspunkte in der öffentlichen Wahrnehmung. Bei Parteiangelegenheiten ist das alles nicht garantiert. In den Medien folgte auf die einzige größere Parteiaktivität der Union in jüngster Zeit, die Konsensrunde von CDU und CSU zum Thema Steuersenkung, mehr Kopfschütteln als Beifall. Der Gipfel ist dagegen ein sichererer Ort. Das G-20-Treffen in Pittsburgh, dem die US-Regierung eine historische Bedeutung bei der Bekämpfung der Wirtschaftskrise geben will, findet am 24. und 25. September statt – zwei Tage vor der Wahl in Deutschland.
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