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Daniel Alexander Schacht zu den Grünen

Unter Spannung


Die schrillste Unterstützerin der Grünen stieß dieser Tage aus der esoterischen Ecke dazu. Nina Hagen, nach Ausflügen in den Buddhismus und Hinduismus christlich getauft, zieht für die Grünen in den Wahlkampf – und liefert damit den jüngsten Beweis dafür, dass Grün und Glauben, Punk und Politik keine Gegensätze sein müssen.

„Da freuen wir uns natürlich drüber“, versicherte am Dienstag höflich ein Parteisprecher – und jeder ahnte: Die Freude wird im Rahmen bleiben, besonders rund um den kühl kalkulierenden Spitzenkandidaten Jürgen Trittin.

Der muss eine Truppe in den Wahlkampf führen, die, milde gesagt, für eine neue Unübersichtlichkeit steht. Nina Hagen beispielsweise versteht sich zwar als Feministin, doch von Deutschlands erster Frau im Kanzleramt hält sie ausdrücklich „überhaupt nichts“. Damit ist sie der linken Parteibasis der Grünen durchaus nah – doch von den Wählern der Grünen zugleich weit entfernt: Immerhin 60 Prozent der Grün-Wähler würden nach einer Infratest-Umfrage in einer Direktwahl für Angela Merkel stimmen – und nur 18 Prozent für den SPD-Kandidaten Frank-Walter Steinmeier.

Rot-Grün? Da bremst Adam Riese

Die Grünen stehen unter einer nie dagewesenen inneren Spannung, politisch und personell. Wohin will die Partei eigentlich? Rein programmatisch passt die Partei nach wie vor eher mit der SPD zusammen. Bei zentralen Themen wie Bildung, Arbeit und Soziales, Wirtschaft und Umwelt reichen Gemeinsamkeiten sogar bis zur Wortwahl: Die Grünen wollen einen „Green New Deal“ gegen die Krise, die SPD nennt ihren Deutschland-Plan „New Green Deal“.

Zugleich aber gibt es eine neue Unvoreingenommenheit der Grün-Wähler gegenüber der CDU und speziell ihrer Vorsitzenden. Die Demoskopen liefern eine sehr schlichte, geschlechtsspezifische Erklärung: „Die Grünen haben sehr viele Wählerinnen“, sagt Infratest-Chef Richard Hilmer, „und bei Frauen ist Merkels Vorsprung gewaltig.“

Rot-Grün jedenfalls ist heute, anders als in der Ära Schröder, alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Im Jahr 1998 ergab sich ein rot-grünes Bündnis fast mit der Logik eines Naturgesetzes. Heute steht schon Adam Riese im Weg: Es reicht einfach rechnerisch nicht. Doch zur „Ampel“-Koalition mit SPD und Grünen zeigt die FDP keine Neigung. Die „Jamaika“-Koalition mit Union und FDP haben die Grünen ausgeschlossen. Und ein Bündnis, das die Linkspartei einschließt, lehnt wiederum die SPD ab. Wo also liegt da die Regierungsperspektive der Grünen? Je stärker die FDP dasteht, desto eher wird sie auch eine möglicherweise auf den letzten Metern noch schwächelnde Union in ein schwarz-gelbes Zweier-Bündnis führen können. Nur wenn die Grünen die FDP so abhängen, dass es nicht für Schwarz-Gelb, wohl aber für Schwarz-Grün reicht, haben die Grünen eine Aussicht auf Regierungsbeteiligung – so schmal ist der Grat, der die Partei zur Macht führen kann.

Letzte Chance für Trittin und Künast

Doch gerade im Fall dieser Machtoption befürchten Urgrüne einen Identitätsverlust. Ist diese Sorge noch berechtigt? In Hamburg wird längst vorgeführt, dass es auch eine eigene schwarz-grüne Mengenlehre gibt, bei der es nicht nur um rechnerische Mehrheiten, sondern auch um inhaltliche Schnittmengen geht. Die reichen von der Finanz-, Steuer- und Mittelstandspolitik über eine wertkonservative Ethik, ein Nein zur Gentechnologie bis zu Überschneidungen in der Bildungs- und Familienpolitik. Beim Atomausstieg wäre als vorläufige Konsensformel denkbar, vorerst nur den Verzicht auf AKW-Neubauten zu vereinbaren.

Solche Gedankenspiele sind quer durch die Landesverbände höchst umstritten. In Berlin indessen schätzen Parteistrategen die neuen Optionen schon um ihrer selbst willen: Warum, so argumentieren sie, soll nur die SPD mit Gelben und Schwarzen koalieren dürfen, den Grünen aber dieselbe Option verwehrt sein?

Renate Künast und Jürgen Trittin wollen in diese Debatte nicht allzu tief eindringen. Denn der damit drohende Streit könnte bei den Grünen nur unwillkommene Turbulenzen verursachen. Derzeit aber hat man es sich sehr bequem eingerichtet auf der demoskopisch ungemein komfortablen Flughöhe von mehr als zwölf Prozent. Nicht nur die Kanzlerin probiert derzeit einen stillen Weg zurück zur Macht. Auch Jürgen Trittin und Renate Künast versuchen es. Beide wissen: Dies ist ihre letzte Chance, noch einmal Bundesminister zu werden; bis 2013 wird eine neue Generation von Grünen ihre Führungsansprüche anmelden.

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