Die Gefahr ist groß, dass in zwei oder vier Wochen, wenn das Staatsoberhaupt sich Klarheit verschafft hat und seine Entscheidung bekannt gibt, der öffentliche Diskurs sich längst anderen Themen zugewandt hat.
Sarrazin wird dann wieder geschrumpft sein zu einem miesepetrigen, integrationsunwilligen Autor mit dem Nebenberuf Bundesbanker (derzeit vom Dienst freigestellt), die Empörungsdemokraten haben sich dann mutmaßlich alle einmal empört, und am 3. Oktober, dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, wird Christian Wulff erläutern, wie er sich die Zukunft einer bunten Republik Deutschland vorstellt. Es könnte ein Gegenentwurf werden zu den Vorstellungen Sarrazins von einem Deutschland, das sich selbst abschafft.
Alle, die Alarmisten wie die Beschwichtiger, sollten jetzt herunterklettern von den Barrikaden und sich ein paar einfache Wahrheiten vor Augen führen. Wir dürfen nicht blind sein gegenüber dem, was unterschwellig wirkt auf beiden Seiten und was gerade eine liberale und rationale Gesellschaft zu vergiften vermag: die öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung zwischen den populistischen Aufklärern mit ihren mitschwingenden Ressentiments gegen fremde Kulturen und ihren oft nicht weniger engstirnigen Gegnern, die in jedem Ausdruck des Unbehagens einer Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer Minderheit gleich eine Bedrohung von Leben und Glauben der Minderheit sehen. Einfacher, bildhafter gesagt: Was die Begleitumstände des Falles Sarrazin so ärgerlich macht, ist, wie schamlos die Schuld beim jeweils anderen gesucht und gefunden wird.
Wenn E-Mails wirklich die neuen Gradmesser politischer Teilhabe sind, dann haben die politischen Parteien – wohlgemerkt alle, und nicht nur die leidgeprüften Sozialdemokraten – ein erhöhtes Interesse am Thema Integration registriert. Wortmeldungen sind zu Tausenden eingegangen, und die Tendenz ist mehr als eindeutig: Es gibt dieses Unbehagen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber jenem Teil der Zuwanderer, der sich der Gemeinschaft verschließt, tatsächlich. Eine nicht unbeträchtliche Gruppe in der Bevölkerung fühlt sich darüber hinaus von den Politikern unverstanden in ihren Ängsten vor einer fremden Kultur, die sich im eigenen Land breitmacht. Es ist beileibe nicht die selbst auf der Kippe stehende deutsche Hartz-Bevölkerung, es ist die durchaus nachdenkliche Mittelschicht, die sich bedroht und eingeengt fühlt. Das ist nicht nur weltanschaulich, sondern letztlich auch materialistisch zu verstehen: Sie fühlen sich in ihren Wohlstandserwartungen bedrängt von Zuwanderern in das hiesige Sozialsystem – ohne dass bei den Nutznießern eine innere Bereitschaft zu erkennen wäre, dass die Werte dieser Gesellschaft angenommen werden. Das Füreinandereinstehen, also die elementarste Grundlage von Gemeinschaft und Staat, funktioniert ja nur, wenn alle mitmachen und nicht, wenn einige nur entgegennehmen und nichts zurückgeben. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Der größte Fehler als Lehre aus der Sarrazin-Woche wäre Ignoranz gegenüber der gefährlichen Fracht, die dieser Mann vor der Tür der Gesellschaft abgeladen hat. „Wir müssen Schluss machen mit der beobachtenden Gesellschaft, dürfen die Kärrnerarbeit der Integration nicht der Beliebigkeit preisgeben und es bei einem Angebots-Tsunami bewenden lassen“, schreibt Heinz Buschkowsky, der lebenskluge Bürgermeister von Berlin-Neukölln.
Die Leitkulturdebatte vor etlichen Jahren wäre ein Ansatz gewesen darüber nachzudenken, wie wir denn leben wollen in diesem, unserem Land. Sie ist abgewürgt worden von Leuten, die sich davor fürchteten, die Leitkultur könnte zu einer Staatsideologie befohlen werden. Was aber nicht ausgesprochen werden darf, weil es vielleicht politisch nicht opportun ist, kann zu einem gefährlichen Gebräu werden. Es muss raus – siehe Sarrazin. Auch die Aufklärung, auf die wir uns als moderne Gesellschaft so gerne berufen, hat sich nicht verdruckst geäußert gegen die Zwänge des Absolutismus von Thron und Altar. Sie hat den Menschen herausgefordert. Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, muss sagen, von wo sie bedroht wird: von den Aufwieglern und von den Verweigerern gleichermaßen.