Wenn der Münchener Erzbischof die entscheidenden Vorwürfe gegen Mixa „in dessen Interesse“ geheim hält, seinen Sprecher aber in Andeutungen raunen lässt, Mixas „Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ist ein erster Schritt; wir wünschen ihm weiterhin gute Genesung“, dann ist das vernichtend. Welcher Weltkonzern würde einen leitenden Mitarbeiter mit derart abfälligen Worten vor die Tür setzen? Gerade Seelsorger müssten wissen: Wer in eine psychiatrische Klinik geht, braucht keinen Zynismus. Er braucht Hilfe. Man hat – wie dies seit Jahrhunderten in der Kirche üblich ist – allzu lange geschwiegen. Das erklärt die Gewalt, mit welcher der „Fall Mixa“ jetzt ausbricht. Diese Vehemenz ist neu; die Decken, die die katholische Kirche jahrhundertelang über alle internen Fehler hat breiten können, sind innerhalb weniger Wochen fadenscheinig geworden.
Einwände wurden überhört
Schon als der Schrobenhausener Stadtpfarrer Walter Mixa 1996 zum Bischof von Eichstätt erhoben wurde, rieben sich die Schrobenhausener verwundert die Augen über diese erstaunliche Beförderung. Aber sie sagten nichts, weil „man“ traditionell in einer gut katholischen Gegend nichts gegen „den Herrn Pfarrer“ sagt.
Als 2005 Mixas Wechsel nach Augsburg anstand, machten aus dem Eichstätter Priesterseminar Gerüchte über sexuell unziemliche Verhaltensweisen die Runde, aber bis zu den entscheidenden kirchlichen Stellen drangen sie offensichtlich nicht vor, weil „man“ die Weisheit des Vatikans nicht in Zweifel zieht – und weil selbst deutsche Bischofskollegen den Gerüchten damals so wenig nachgehen wollten, wie sie Mixa heute verdammen.
Es mag auch sein, dass höheren Orts irgendwelche Einwände nicht gehört wurden, nicht gehört werden sollten, weil sich der Vatikan in den vergangenen Jahrzehnten systematisch eingeigelt hatte gegen alle Proteste, die Bischofsernennungen betrafen, und weil er – siehe Joachim Meisner in Köln – im Konflikt umso stärker seinen Kandidaten durchdrückte als einem „aufsässigen“ Kirchenvolk nachzugeben. Auf die Weise konnte Mixa immer weiter aufsteigen in der Kirchenhierarchie – obwohl es reichlich Hinweise gab, dass er nicht gerade eine Idealbesetzung für das Bischofsamt war.
Halten konnte sich Mixa dann aber auch eines merkwürdigen politischen Proporzes wegen: Er stand in der Deutschen Bischofskonferenz unter dem Schutz des konservativen Flügels, der seine eigene Schwächung nicht zulassen konnte und wollte. Durch diese Selbstabschirmung ist jetzt alles viel schlimmer geworden. Sie hat nicht nur den Ruf der konservativen Fraktion beschädigt, sondern den der gesamten katholischen Kirche. Das Kirchenvolk unterscheidet nur begrenzt die unterschiedlichen Strömungen in der Bischofskonferenz.
Das bleierne Schweigen endet
Nach dem Aufbrechen des Missbrauchsskandals beendet nun auch der Fall Mixa die Ära bleiernen Schweigens in der katholischen Kirche. Dass sich Bischöfe einen der Ihren vor aller Öffentlichkeit zur Brust nehmen und damit die für die katholische Kirche grundlegende „Einheit des Episkopats“ zerreißen, wäre unter Johannes Paul II. undenkbar gewesen.
Benedikt XVI. lässt es dagegen zu, dass Decken weggerissen werden. Er verteidigt nicht, was nicht zu verteidigen ist; er gibt seiner Kirche einen Kurs der Selbstreinigung vor. Mit den Bischofsernennungen aus seiner Hand ist Deutschland bisher gut gefahren; wenn es nun um die Nachfolge für Mixa geht und nächstes Jahr (altershalber) um die Nachfolge für gleich drei große Figuren im deutschen Episkopat – Karl Lehmann, Joachim Meisner, Georg Sterzinsky -, dann wird sich zeigen, ob das Zufall war oder eben doch die glückliche Hand dieses Papstes.
Welche institutionellen Reformen aber die Selbstreinigung der Kirche nach sich ziehen wird – für das Verfahren von Bischofsernennungen zum Beispiel, für den Dialog mit dem Kirchenvolk oder für den überkommenen Priesterzölibat – dazu gibt dieser Papst bisher keine Antwort. Und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich dies noch ändern könnte. Benedikt XVI. schließt eine Epoche ab. Eine neue fängt er nicht an.
Paul Kreiner
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