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Stefan Koch
Stefan Koch zu Politik und Bundeswehr

Zwei Versager

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Die beinahe tägliche Veröffentlichung immer neuer Einzelheiten rund um den Luftangriff in Kundus vom 4. September hat bislang vor allem Verwirrung gestiftet. Dennoch gibt ein positives Zwischenergebnis.

Die Debatte über den Afghanistan-Einsatz ist in Deutschland endlich dort angekommen, wo sie hingehört: im Bundestag, in den Medien, bei den Menschen, die sich am Arbeitsplatz oder am Küchentisch unterhalten.

Schon seit dem Jahr 2001 sind die Deutschen am Hindukusch. Nie zuvor wurden so viele Bundeswehrsoldaten in ein so gefährliches Land verlegt wie beim Beschluss der damaligen rot-grünen Regierung. Innerhalb der aktuellen Obergrenze von 4500 Soldaten werden seither ständig junge Männer und Frauen nach Afghanistan beordert; 73 000 Deutsche in Uniform waren inzwischen schon mal da. Und doch herrschte mit Blick auf Afghanistan in der deutschen Öffentlichkeit eine seltsam distanzierte Grundhaltung: Man redete nicht darüber. Jetzt aber, nach einem Luftangriff, der 142 Tote und Verletzte hinterlassen hat, ist das Thema plötzlich da. Und viele reden darüber, als entdeckten sie eben erst, dass die Deutschen in einen Krieg verwickelt sind.

Der Krieg kam zu den Deutschen

Im UN-Mandat war viel vom Neuaufbau staatlicher Strukturen die Rede und von dessen Absicherung. Anfangs wurden die Deutschen von fähnchenschwenkenden Einheimischen begrüßt, denen sie hier und da tatsächlich beim Brunnenbohren halfen. Dazu aber braucht man keine Armee. Die Verantwortlichen wussten von Anfang an, dass der Kern des Problems ein anderes ist: die Taliban. Wie sollen die westlichen Truppen vorgehen gegen gut vernetzte, im Land verwurzelte Terroristen, für die es zum Alltag gehört, immer neue Selbstmordattentäter auf ihren letzten Marsch zu schicken und sogar Mitarbeiter der Welthungerhilfe auf offener Straße niederzuschießen?

Weder zivile Aufbauerfolge noch die Präsenz auswärtiger Truppen aus rund 50 Staaten haben bisher ausgereicht, die Taliban zu besiegen. Das energische Vorgehen der Amerikaner im Süden führte dazu, dass die Aufständischen noch aktiver wurden und eine zweite Front eröffneten, nicht gegen die Amerikaner oder Briten, sondern ganz im Norden, dort, wo die Bundeswehr zuständig ist. Aus deutscher Sicht könnte man sagen: Nicht die Bundeswehr änderte ihre Strategie, sondern der Krieg kam zu den Deutschen.

Es ist ein Versagen der deutschen Politik, dass sie diese Lageänderung ihren Bürgern nicht mitgeteilt hat. Nur verdruckste und schwer verständliche Hinweise aus den Reihen der Bundesregierung drangen hier und da an die Öffentlichkeit. Auf einen veritablen Krieg aber, in dem es theoretisch sogar vorkommen kann, dass man sich entscheiden muss zwischen 142 Toten und Verletzten auf der eigenen oder auf der anderen Seite, war niemand ausreichend vorbereitet, die Politik noch weniger als die Bundeswehr.

Vertuscher? Held? Oder beides?

Und so haben jetzt beide versagt, ein Stück weit jedenfalls. Sollte sich bewahrheiten, dass Oberst Georg Klein Ermittlungen behindern wollte, gehört er abgelöst. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kann dann nicht mehr daran festhalten, er wolle Klein „nicht fallen lassen“. Was aber, wenn sich zugleich bewahrheitet, dass eine Taliban-Offensive gegen das deutsche Lager unmittelbar bevorstand? Dann hätte Oberst Klein es mit seinem Luftangriff unzähligen Deutschen erspart, Opfer eines großen Terrorangriffs zu sein. Ist Klein ein Vertuscher, ein Held – oder beides? Mit Schwarz-Weiß-Bewertungen sollte man sich zurückhalten. Kennzeichnend für Kriegssituationen ist eher die Grauzone.

Deshalb war Guttenbergs demonstrative erste Beurteilung des Luftschlags als „militärisch angemessen“ wohl genauso falsch wie die 180-Grad-Kurve, die er danach beschrieb. Peinlich ist es zudem, wenn sich bewahrheitet, dass die Kanzlerin sich Kritik am Luftschlag verbat, obwohl im Verteidigungsministerium bereits Berichte kursierten, die zu Kritik Anlass gegeben hätten. Der Untersuchungsausschuss muss klären: Wurden diese Berichte der Kanzlerin bewusst vorenthalten? Oder folgte Merkel damals einfach derselben distanzierten Grundhaltung, die sie auch bei der Masse der Deutschen wahrgenommen hatte: kein Interesse an Details der Kämpfe in Afghanistan?

Die Zeit der Halbherzigkeiten geht jetzt zu Ende. Das Interesse ist gewachsen, die politisch Verantwortlichen stehen im Rampenlicht. Die Regierung wird den Afghanistan-Einsatz in den kommenden Monaten in neuer, überzeugender Weise begründen müssen. Noch schweigt Merkel. Doch sie ahnt: Das ist Chefsache.

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