Roher Naturstein, von langen Grashalmen umwuchert, in einem kleinen Mauerkarree – so schmucklos, schlicht und bescheiden ist die Ruhestätte des legendären Kurdenführers Mustafa Barzani hoch über dem Barzan-Tal, in dem seine Familie bis heute herrscht. So wie sein Sohn Massud Barzani als Präsident über die ganze „Autonome Region Kurdistan“ im Irak.
Das Grab ist eine wahre Pilgerstätte für die Kurden. Sie verehren Mustafa Barzani (1903–1979) nicht nur als Freischärler, der gegen Saddam Hussein kämpfte, sondern auch als politischen Strategen, der dem Diktator erste Schritte zur Kurdenautonomie abtrotzte. Und für viele Kurden geht es um noch viel mehr. Davon zeugt wuselige Bautätigkeit gleich neben der Ruhestätte: Drei große Pavillons sind dort den Kurden gewidmet, die jenseits des Iraks in Syrien, der Türkei und dem Iran das harte Leben einer unterdrückten Minderheit fristen.
Die emporwachsende Heldengedenkstätte ist damit der steingewordene Anspruch des Barzani-Clans, mehr als nur die Kurden im Irak zu repräsentieren. Das bestätigt der freundlich lächelnd am Grab stehende Scheich Abdallah Barzani, ein Neffe Mustafa Barzanis. Dabei leben im Irak nur vier Millionen Kurden. Im Iran kommt eine ähnliche Anzahl hinzu, in Syrien leben zwei Millionen und in der Türkei sogar mehr als elf Millionen Kurden. Kein Wunder, dass in Behörden und Parteibüros oft Landkarten der Region hängen, auf denen Kurdistan um große Teile der Südosttürkei sowie Teile Syriens und des Irans vergrößert ist – und der restliche Irak in einen sunnitischen und einen schiitischen Kleinstaat zerfällt.
Politiker in den Nachbarländern, die nichts von Minderheitsrechten wissen wollen, erblicken darin eine Bestätigung für ihre Ängste vor einer angeblich von den Kurden ausgehenden separatistischen Gefahr. Sie wissen oft recht gut, dass der Anspruch auf kurdische Eigenstaatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg sogar im Vertrag von Sèvres völkerrechtlich anerkannt, dessen Umsetzung aber durch militärische Intervention des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk verhindert wurde.
Sind diese Kurden, die dem Nordirak bald zwei Jahrzehnte Stabilität und relativen Wohlstand beschert haben, mit jenen PKK-Aktivisten gleichzusetzen, die für viele in Europa das Negativbild der Kurden prägen? Wer die Elite in Politik und Medien des Nordiraks fragt, findet weder dafür Bestätigung noch für großkurdische Ansprüche. „Wir haben aus freien Stücken gewählt, zu diesem Land zu gehören“, sagt voller Bescheidenheit Jula Haji, Parlamentarierin in Bagdad. „Deshalb dürfen wir als Kurden aber auch nicht ignoriert werden.“ Für Iraks Kurden, sagt Kemal Kirkuki, Parlamentspräsident in der Regionalhauptstadt Erbil, gehe es jetzt nur um einen Richtungskampf: „Wir müssen dafür kämpfen, dass der ganze Irak stabil und demokratisch wird wie die Region Kurdistan – und dagegen, dass diese Region wird wie derzeit der übrige Irak.“ Und Bahajad Hirori, Chefredakteur der Zeitung „Evro“ („Heute“), glaubt, man werde auch in den Nachbarländern „Feinde in Freunde verwandeln“, wie dies durch Minderheitenrechte für Nichtkurden in der irakischen Kurdenregion schon gelungen sei...
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