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Der Norden Wie Esel und Hahn nach Bremen kamen
Nachrichten Der Norden Wie Esel und Hahn nach Bremen kamen
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00:15 03.03.2019
Die Bronzeplastik des Künstlers Gerhard Marcks ist ein beliebtes Fotomotiv in Bremen. Es soll Glück bringen, die Hufe des Esels anzufassen. Quelle: Bremer Touristik-Zentrale
Bremen

Es waren einmal vier Tiere: ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn. Die hofften auf ein besseres Leben und wollten sich in einer norddeutschen Stadt einen Namen als Musiker machen. Vor genau 200 Jahren nahmen die Brüder Grimm die „Bremer Stadtmusikanten“ in die zweite Ausgabe ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ auf. Seitdem hat sich das populäre Märchen in der ganzen Welt verbreitet. Kinder lieben die „Bremen Town Musi­cians“ auf Englisch, es gibt einen Trickfilm mit den „Bremenskije Musykanty“ in Russland. In Riga in Lettland türmen sie sich als Skulptur ebenso wie im japanischen Osaka.

Bremen feiert ab Sonntag das Jubiläum

Für die Freie Hansestadt Bremen sind die Märchenfiguren ein Wahrzeichen geworden, das scharenweise Touristen anzieht. Zum 200-jährigen Jubiläum feiert Bremen seine tierischen Helden den ganzen Sommer lang. „Die Bremer Stadtmusikanten sind moderner als je zuvor“, sagte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD). „Sie symbolisieren Weltoffenheit, Solidarität, Gastfreundschaft, Kreativität und Aufbruchstimmung.“

Bremen feiert ab 3. März

Mit einem „Stadtmusikantensommer“ feiert die Hansestadt Bremen den 200. Jahrestag der Drucklegung des berühmten Märchens. Am kommenden Sonntag, 3. März, beginnen die Feiern mit einem Konzert in der Kulturkirche St. Stephani. Die Kunsthalle zeigt vom 23. März bis zum 1. September die Schau „Tierischer Aufstand. 200 Jahre Bremer Stadtmusikanten in Kunst, Kitsch und Gesellschaft“. Höhepunkt soll ein Stadtmusikantenfest während der Breminale vom 3. bis 6. Juli sein. Den Auftakt macht ein Fensterkonzert der Bremer Philharmoniker am Domshof in der Innenstadt, zum Finale ist ein Flashmob mit Breminale-Bands, Philharmonikern und interessierten Musikern auf den Weserwiesen geplant. Bei einer musikalischen „Massenkakofonie“, so das Stadtmarketing, soll das Räuberhaus eingerissen werden, ehe die Jubiläumsfeier in einem harmonischen Finale endet.

Dabei sind die Tiere, wenn man die Geschichte genau liest, nie bis Bremen gekommen. Der Esel ist müde vom Säcketragen, der Hund schwach vom Jagen, die Katze soll ersäuft werden, und dem Hahn droht der Suppentopf. So fliehen die vier und erreichen nachts im Wald ein Räuberhaus. Als die betagten Tiere zusammen musizieren, hat das durchschlagenden Erfolg: Die Ganoven fliehen Hals über Kopf. Und auch durch einen Gegenangriff der Räuber lassen sich die Tiere nicht mehr aus ihrer neuen Heimstatt vertreiben. Sie haben ihr Ziel erreicht.

1819 wurde das Märchen erstmals gedruckt: Die Brüder Grimm nahmen es in die zweite Auflage ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ auf. Quelle: Uwe Zucchi/dpa

Die Stadtmusikanten gehörten „zu den bekanntesten Märchen überhaupt der Brüder Grimm“, sagt Bernhard Lauer, Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft in Kassel. Es habe eine sehr menschliche Botschaft: „Auch die Armen, Schwachen, Vernachlässigten können sich mit Witz und Klugheit durchsetzen.“

Warum Bremen?

Der konkrete Städtename in einem Märchen ist aber eine Seltenheit. Warum wollten die Tiere ausgerechnet nach Bremen? „Bremen war eine Stadt der hanseatischen Freiheiten“, sagte Literaturkenner Lauer. „Es hätte natürlich auch Amsterdam oder Hamburg sein können.“ Doch die Menschen, von denen die Brüder Grimm sich das Märchen erzählen ließen, stammten aus Ostwestfalen und Nordhessen. Von dort weserabwärts war Bremen die nächstgelegene freie Hansestadt. Und so kamen die Tiere doch noch nach Bremen bis neben das Rathaus. An der Skulptur des Bildhauers Gerhard Marcks (1889–1981) stehen Touristen Schlange, um sich fotografieren zu lassen. Die Hufe des Esels sind blank gewienert; es soll Glück bringen, sie anzufassen. In den Souvenirläden der Böttcherstraße oder im Bummelviertel Schnoor ist dem Augenschein nach die Hälfte der Andenken den Stadtmusikanten gewidmet. Es gibt die Tierpyramide auf Bechern, Anhängern, T-Shirts und Lutschern, als Holzspielzeug und natürlich das Märchen als Buch.

Kinofilm startet im April

Das Stadtmarketing hat freilich ein wenig in den Originaltext eingegriffen. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“, sagt der Esel zum Hahn im Märchen. Für die Bremer Stadtwerbung wurde die Passage geschönt: „Kommt mit uns nach Bremen, etwas Besseres findet ihr so leicht nirgends“, heißt es dort. Wer es im Jubiläumsjahr nicht nach Bremen schafft, kann auch ins Kino gehen: Am 18. April soll der Animationsfilm „Die sagenhaften Vier“ anlaufen, der an die Bremer Stadtmusikanten angelehnt ist.

Von Friedemann Kohler