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Der Norden Brauern geht das Leergut aus
Nachrichten Der Norden Brauern geht das Leergut aus
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00:24 26.07.2018
Hohe Nachfrage, höherer Preis: Bier ist teurer geworden. Quelle: dpa
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Hannover

Der unerwartet große Durst der Deutschen bringt die Bierbrauer an ihre Grenzen. Erst hatte nur die kleine Privatbrauerei Moritz Fiege aus Bochum ihre Kunden aufgerufen, leere Kisten möglichst schnell zurückzubringen – nun klagen auch größere Konkurrenten wie Veltins oder König-Pilsener über Knappheit beim Leergut. „Einige Brauer können bestimmte Sorten schon nicht mehr abfüllen“, sagte Niklas Other, Herausgeber des Branchenmagazins „Inside“.

Mehr Bier trotz WM-Aus

Wegen der Fußball-WM hätten sich die Bierbrauer auf eine höhere Nachfrage eingestellt, heißt es in der Branche. Doch dann sei der Absatz trotz des frühen Ausscheiden der Nationalelf noch stärker gestiegen als erwartet – dank des außergewöhnlich warmen Sommers. Selbst dann sei der Bestand von drei bis vier Milliarden Bierflaschen hierzulande eigentlich ausreichend, erklärte der Deutsche Brauer-Bund am Montag. Schwierig werde es jedoch, wenn Leergut „für längere Zeit dem Kreislauf entzogen werde“.

Schuld an der akuten Knappheit beim Leergut seien jedoch nicht nur die Biertrinker, die vor der Fahrt in den Urlaub ihre leeren Kisten nicht zurückbringen, sagte Andreas Vogel, Vorstand des Verbandes des Deutschen Getränke-Einzelhandels. Wegen des harten Konkurrenzkampfes könnten es sich die Brauereien nicht leisten, zuviel Leergut vorzuhalten: „Kaum einer investiert in Kapazitäten, die er nur zu Spitzenzeiten benötigt.“

Darüber hinaus macht der Branche ihr Marketing zu schaffen: Früher habe es nur zwei Typen von Bierflaschen gegeben, sagte Vogel – eine bauchige und die schlankere „NRW-Pils-Flasche“. Inzwischen gehe der Trend zu von Brauerei zu Brauerei unterschiedlichen Glasformen, um sich vom Wettbewerb abzusetzen: „Das verkompliziert dann natürlich die Leergut-Ströme“. Auf den Höfen mancher Großhändler sollen sich Hunderte Kisten stapeln, weil diese mit dem Sortieren nicht mehr nachkommen.

Das Einbecker Brauhaus kennt diese Probleme nicht. „Wir kennen uns mit dem extremen Saisongeschäft gut aus und sind entsprechend vorbereitet“, sagte Vorstandssprecher Lothar Gauß. Der mit 130 Mitarbeitern und einem Umsatz von knapp 32 Millionen Euro eher kleine Hersteller hat sich auf Bockbiere spezialisiert, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten gefragt sind. Deshalb sei es wichtig, dann auch lieferfähig zu sein, sagte Gauß. Mit anderen Worten: Am Leergut wird in Einbeck nicht gespart.

Bier ist teurer geworden

Die Gilde-Brauerei in Hannover zeigt sich ebenfalls entspannt – wegen des zuletzt gestiegenen Absatzes habe man sich nach der vergangenen Sommersaison entsprechend bevorratet, sagte eine Unternehmenssprecherin. Noch gebe es deshalb keine Engpässe beim Leergut.

Unterdessen ist sich die Branche sehr bewusst, dass sie einen Ausnahme-Sommer erlebt. Dass der Durst der Deutschen auf Bier auf längere Sicht wieder wächst, gilt als unwahrscheinlich. Seit Anfang der Neunzigerjahre ist der Pro-Kopf-Verbrauch von 143 auf heute 106 Liter im Jahr gesunken.

Im vergangenen Jahr haben die Hersteller mit 93,5 Millionen Hektolitern so wenig Bier wie noch nie seit der Wiedervereinigung verkauft. Die Preise hingegen sind zuletzt gestiegen: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist Bier im Juni im Jahresvergleich 4,1 Prozent teurer geworden.

Von Jens Heitmann

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