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Der Norden So marode ist die Bundeswehr-Ausrüstung in Niedersachsen
Nachrichten Der Norden So marode ist die Bundeswehr-Ausrüstung in Niedersachsen
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00:30 27.02.2018
Mechaniker an einem Leopard-2-Panzer in Munster: Wie kann die Truppe durchhalten, wenn das Gerät nicht funktioniert? Quelle: AFP
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Hannover

An manchen Tagen ist es auch aus kilometerweiter Entfernung noch zu hören: das tiefe Grollen der Kampfpanzer Leopard auf den Truppenübungsplätzen der Bundeswehr inmitten der Lüneburger Heide. Jedem Schuss aus den Glattrohrkanonen folgt ein Schlag – so dumpf und erschütternd, dass es auch aus der Ferne noch bedrohlich klingt. Die Luft scheint kurz still zu stehen. Dann das Nachbeben. Die Kampfpanzer, jeder 60 Tonnen schwer, lassen die Erde vibrieren – wenn sie denn überhaupt einsatzbereit sind.

Der Leopard 2 zählt neben dem Schützenpanzer Marder zu den Hauptwaffensystemen der in Munster stationierten Panzerlehrbrigade  9. Seit einigen Wochen stehen die Soldaten in der Pflicht, einen Auftrag zu erfüllen, der ihnen ein neues Maß an Durchhaltefähigkeit abverlangt: 

Die Bundesregierung hat der Nato zugesagt, dass die Bundeswehr für einen Zeitraum von drei Jahren einen Teil der Speerspitze der Allianz bilden wird. Seit Anfang des Jahres muss die zur 1. Panzerdivision gehörende Panzerlehrbrigade aus Munster nun Soldaten und Gerät für die schnellste Eingreiftruppe der Nato, die „Very High Readiness Joint Task Force“ (VJTF) auf Abruf bereithalten.

Aber können die Soldaten leisten, was ihnen da abverlangt wird? Daran bestehen erhebliche Zweifel.

Es fehlen Ersatzteile

Wie unlängst bekannt wurde, waren Anfang Januar bei der Panzerlehrbrigade nur neun von insgesamt 44   Leopard-2-Panzern einsatzbereit, die zunächst für die Nato-Aufgabe vorgesehen sind. Am Dienstag dieser Woche dann veröffentlichte der Wehrbeauftragte des Bundes­tages, Hans-Peter Bartels, seinen jährlichen Bericht, der die krasse Mangelwirtschaft bestätigte. Von 244 Leopard 2 im gesamten Heer seien im November 2017 nur 95 einsatzbereit gewesen. Ursache sind vor allem fehlende Ersatzteile.

Dem Wehrbeauftragten zufolge sind auch die Scharfschützengewehre G22 und G82 bei der 1. Panzerdivision Mangelware, ebenso die Panzerabwehrwaffe Milan. Beim Schützenpanzer Marder sorge die Umrüstung auf die neue Panzerabwehrlenkwaffe Mells für Probleme. Auch bei den Logistikern gebe es Schwierigkeiten. So verfügten die sechs Logistikbataillone der Streitkräftebasis nur über 30 Prozent der Sollausrüstung. „Wie damit der deutsche Beitrag zur VJTF sichergestellt werden soll, bleibt fraglich“, schreibt der Wehrbeauftragte in seinem Bericht an den Deutschen Bundestag vom 20. Februar.

Die Aussage ist von höchster Brisanz. Die Aufstellung der schnellen Nato-Eingreiftruppe VJTF war im Jahr 2014 von den Nato-Staaten beschlossen worden. Insbesondere vor dem Hintergrund russischer Aggressionen gegen die Ukraine und einer möglichen Bedrohung der baltischen Nato-Partner. Die Speerspitze funktioniert nach einem rollierenden System mit unterschiedlichen Bereitschaftszeiten für die beitragenden Nationen. Auf dem Höhepunkt ihrer Bereitschaft im Jahr 2019 werden den Soldaten aus Munster nur 48 bis 72 Stunden Vorbereitungszeit für eine Verlegung ihrer Einheiten in Krisenregionen bleiben. Die Bundeswehr hat dann auch das Kommando für die VJTF.

Die Teilnahme am neuen Nato-Verband sei „eine der anspruchsvollsten Aufgaben für das deutsche Heer nach Ende des Kalten Krieges“, sagte der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, unlängst dem Fachmedium „Newsletter Verteidigung“. Auch der Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 in Munster, Brigadegeneral Ullrich Spannuth, betonte: „Es ist kein 5000-Meter-Lauf, sondern ein Halbmarathon.“ Es komme hier auf die Durchhaltefähigkeit der Truppe an. Aber wie durchhalten, wenn auf das Gerät kein Verlass ist? 

Von den derzeit 60 665 Soldaten des Deutschen Heeres unterstehen der 1. Panzerdivision rund 20 000 und damit fast ein Drittel der Heeres-Soldaten. Die 1. Panzerdivision ist eine von derzeit zwei Panzerdivisionen der Bundeswehr und die älteste deutsche Heeresdivision. Aufgestellt wurde sie 1956.

Der Stab sitzt seit 2016 in Oldenburg. Zuvor befand er sich in Hannover. Divisionskommandeur ist Brigadegeneral Markus Laubenthal.

Von 2018 bis 2020 ist die 1. Panzerdivision Leitdivision für den andauernden Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Die Division steht somit in der Pflicht, besonders erfahrene Soldaten als Berater für die afghanische Armee abzustellen. Zudem war geplant, dass die Division von Mitte 2019 an in der Verantwortung für die deutsche Beteiligung an den Ausbildungsmissionen in Somalia sowie im Nord-Irak steht. Allerdings ist derzeit offen, ob und in welchem Umfang die Bundesregierung diese Einsätze fortsetzen wird.

Geliehene Ausrüstung

Bereits 2015 hatte Generalleutnant Vollmer im Hinblick auf die große Aufgabe gefordert, jeden Verband mit dem auszustatten, was im Einsatz tatsächlich benötigt wird. „Materialbewegungen“ in einer Größenordnung wie im Jahr 2015 könne sich das Heer in Zukunft „nicht mehr leisten“, heißt es in der vom Förderkreis Heer veröffentlichten Vorlage einer Rede, die Vollmer während eines parlamentarischen Abends in Berlin hielt. Später wurde bekannt, dass sich das Panzergrenadierbataillon 371 aus dem sächsischen Marienberg für die damalige Teilnahme an einer ersten VJTF-Testphase 15 000 Ausrüstungsgegenstände bei 56 anderen Bundeswehrverbänden hatte ausleihen müssen. 

Wie lang die Liste diesmal ist, dazu schweigt das Kommando Heer. Klar ist, dass der Inspekteur des Heeres seinen Soldaten weiterhin wird zumuten müssen, sich mit Improvisation und Verschiebepraxis innerhalb der Truppe zu behelfen. 

Die Politik hat den Ernst der Lage grundsätzlich erkannt. Die geschäftsführende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat in der vergangenen Legislaturperiode verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht, um beim Thema Rüstung eine Kehrtwende zu erreichen. Das bescheinigt ihr auch der Wehrbeauftragte des Bundestages. Nur ist von den Ergebnissen in der Truppe bisher kaum etwas zu spüren. Die sogenannte Vollausstattung der Bundeswehr ist erst für das Jahr 2030 angestrebt. 

Mitte der Woche äußerte sich nun der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, öffentlich zur Rüstungssituation und den damit verbundenen Problemen für die Soldaten der VJTF. 

Auf den letzten Drücker

Ein seltener Vorgang für den ranghöchsten deutschen Soldaten, der Kameras und Mikrofone recht konsequent meidet. Seine Zusage: Bis zum 30. Juni werde die 1. Panzerdivision das benötigte Material erhalten. Anders formuliert: auf den allerletzten Drücker. Unmittelbar nach diesem Stichtag wird es ernst für die Soldaten aus Niedersachsen. Sie müssen sich auf eine Zertifizierung durch die Nato vorbereiten. Im Rahmen einer großen Übung wird die Allianz überprüfen, ob die deutschen Soldaten den Anforderungen gerecht werden können – und ihr Gerät auch im Zusammenspiel mit den Soldaten der Partnernationen auf den Punkt beherrschen.

Die Anschaffung von Rüstungsgütern ist in Deutschland mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden. Der Weg führt immer über das zivil geführte Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr – ein Behördenkoloss mit 11000 Mitarbeitern. So ist es in Artikel 87b des Grundgesetzes festgelegt. Für Verzögerungen sorgt nach Angaben des Bundesamts vor allem das geltende Vergaberecht – alle Aufträge und langwierigen Verfahren sind von der Behörde mit Sitz in Koblenz auszuschreiben.

Ist ein Auftrag erteilt, vergehen häufig weitere Monate, bis das Material die Truppe erreicht. „Bei Ersatzteilen handelt es sich häufig um handgefertigte Einzelteile, für deren Produktion die Industrie mitunter ein ganzes Jahr Vorlaufzeit benötigt“, sagt Dominik Wullers, Sprecher des Bundesamtes. Nach dem Ende des Kalten Krieges seien die Bestände in den Depots der Bundeswehr konsequent heruntergefahren worden, um Kosten zu senken. Das erweise sich angesichts der Rückbesinnung auf Landesverteidigung nun als Nachteil.

Derzeit fehlen vor allem Teile für den Kampfpanzer Leopard 2, davon betroffen ist auch der Standort Munster. Wenn es zwei Jahre dauere, um ausgemusterte Panzer zu modernisieren und wieder in Dienst zu stellen, dann sei das „kein Beleg für problembewusstes Rüstungsmanagement“, heißt es im Bericht des Wehrbeauftragten des Bundestages. Bis 2023 sollen 100 solcher Panzer der Truppe zur Verfügung stehen. „Schlicht zu lange“ dauere das, urteilt der Wehrbeauftragte.

Von Vivien-Marie Bettex

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