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Der Norden „Ich lasse mir Moral nicht absprechen“
Nachrichten Der Norden „Ich lasse mir Moral nicht absprechen“
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00:17 04.08.2018
„Ich habe über Monate nicht über diese Zeit sprechen können und wollen“: Elke Twesten. Quelle: Foto: Konstruktiv PR/privat
Hannover

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr mischte eine Landtagsabgeordnete aus Rotenburg die niedersächsische Landespolitik auf: Am 4. August 2017, es war ein heißer Freitagmorgen, erklärte Elke Twesten auf einer eilends einberufenen Pressekonferenz ihren Wechsel von den Grünen zur CDU-Fraktion. Durch den Seitenwechsel verlor die rot-grüne Regierung von Ministerpräsident Stephan Weil ihre Ein-Stimmen-Mehrheit, die Christdemokraten sahen nach vier Jahren das Ende ihrer Oppositionsrolle gekommen.

Weil sprach sich für baldige Neuwahlen aus. Auf Twesten, die die Motive für ihren Wechsel nur hektisch und in Andeutungen begründete, prasselten in den sozialen Netzwerken Hasstiraden hernieder. Die eher konservative Abgeordnete hatte beklagt, dass die Grünen sie nicht erneut als Kandidatin für ihren Wahlkreis aufstellen wollten.

Kritiker sprachen von „Verrat“ – ein Vorwurf, der den Wahlkampf kräftig anheizte. Die SPD gewann am 15. Oktober knapp vor der CDU, Weil blieb Ministerpräsident, diesmal als Regierungschef einer rot-schwarzen Koalition. Sein damaliger Herausforderer, der heutige Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, bewertet Twestens Übertritt im aufkommenden Wahlkampf rückblickend als Fehler. Twesten selbst konnte für die Landtagswahl von der CDU nicht mehr aufgestellt werden. Die heute 55-Jährige zog sich aus der Öffentlichkeit zurück – mit der HAZ sprach sie jetzt exklusiv über die turbulenten Tage des vergangenen Sommers.

Frau Twesten, vor einem Jahr sind Sie als Landtagsmitglied von den Grünen zur CDU übergetreten und haben damit ein Erdbeben ausgelöst. Ihr Wechsel hat den Regierungswechsel in Hannover bewirkt und das Ende von Rot-Grün. Wie beurteilen Sie ihren Schritt im Rückblick?

Mein Parteiwechsel war natürlich eine Eruption. So etwas macht man ja nicht alle Tage. Aber es war das Ergebnis eines langen, inneren Konfliktes. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, doch als sie gefallen war, fiel mir dieser Schritt leicht. Im Rückblick würde ich möglicherweise manches anders machen, denn hinterher ist man immer schlauer.

Hinterher ist man immer schlauer – bereuen Sie Ihren Schritt?

Heute geht es mir mit dieser Entscheidung immer noch gut. Aber nach der Pressekonferenz, die ich damals sofort nach dem Übertritt in der CDU-Fraktion gab, hieß es, ich würde wie eine Trophäe vorgeführt. Aus heutiger Sicht hätte ich den Medien alleine gegenübertreten sollen, um deutlich zu machen, dass der Übertritt meine ganz persönliche Entscheidung gewesen ist – und keineswegs von der CDU veranlasst. Aber der Blick in die Zukunft ist für mich wichtiger als der Blick zurück.

Herr Weil hat damals nach Ihrem Übertritt erklärt, sie seien aus völlig eigennützigen Motiven gewechselt, in den sozialen Medien war von Verrat die Rede …

Dazu müsste Herr Weil erst einmal erklären, was er mit Eigennutz meint. Mit meinem Austritt begann damals sofort in Niedersachsen der Landtagswahlkampf, und Stephan Weil hat versucht, in dieser Situation für sich das Beste herauszuholen. Das ist Politik, das gehört zum Handwerk. Natürlich war ich enttäuscht, dass man mich in einem Job ausgebremst hat, den ich zu 150 Prozent gerne gemacht habe. Ich war stets politischen, inhaltlichen Projekten verpflichtet und fühle mich in erster Linie meiner Region verpflichtet. Eigennutz, Eitelkeit und verletzter Stolz hätte im Übrigen nie ausgereicht, denn ich war immerhin 20 Jahre Parteimitglied bei den Grünen.

Aber ein Resultat Ihres Austrittes war, dass die SPD plötzlich ein emotionales Thema hatte und mit dem Verrats-Vorwurf stärkste Fraktion im niedersächsischen Landtag wurde. Letztlich auch durch Ihren Parteiübertritt kam es zu veränderten Machtverhältnissen in Niedersachsen und schließlich zu einer rot-schwarzen Koalition in Hannover …

Der Erfolg der SPD ist sicherlich auf das Klappern von Stephan Weil und auf seine Wahlkampfauftritte zurückzuführen. Mich hat es tief verletzt, vom 4. August bis zur Landtagswahl beschimpft und als Person dargestellt zu werden, der jegliche Moral fehle oder die nur aus persönlicher Eitelkeit gehandelt habe. Das war schon sehr bitter, denn ich lasse mir auf keinen Fall absprechen, ein moralischer Mensch zu sein. Ich habe über Monate nicht über diese Zeit sprechen können und wollen. Aber ich will jetzt einen Strich ziehen und nach vorne schauen.

Was machen Sie jetzt? Sind Sie in Ihre frühere Tätigkeit zum Zoll zurückgekehrt?

Ja, ich arbeite seit Mai wieder bei meinem alten Arbeitgeber in der Abfertigungsleitung beim Zollamt Waltershof in Hamburg und habe dort unter anderem mit dem hochaktuellen Thema Strafzölle zu tun. Wir haben die einzige stationäre Containerprüfanlage Deutschlands bei uns auf dem Gelände. Wir überprüfen Falschanmeldungen, identifizieren nicht angemeldete Waren oder entdecken auch Drogen oder Waffen. Das ist ein vielfältiges und spannendes Arbeitsgebiet.

Sie sind zwar keine Berufspolitikerin mehr, arbeiten aber immer noch ehrenamtlich?

Ja, ich sitze in dritter Legislatur im Kreistag Rotenburg/Wümme, jetzt in der CDU-Fraktion.

Sind Sie, die 20 Jahre Mitglied der Grünen waren, in der CDU heimisch geworden? Die Kulturen zwischen diesen Parteien sind doch sehr unterschiedlich ...

Sicherlich sind die Kulturen unterschiedlich. Aber ich fühle mich in der CDU sehr gut aufgehoben, nicht zuletzt durch die Unterstützung meiner Kreistagskolleginnen und -kollegen. Wir machen hier Frauenstrukturpolitik – und immerhin gibt es hier sogar eine Frauen-Union auf Kreisebene, wo der Frauenanteil in der Politik ganz oben auf der Agenda steht.

Wollen Sie wieder zurück in die Berufspolitik?

Es ist nichts ausgeschlossen. Ich betrachte meine Situation mit Mitte 50 als eine Chance, noch einmal durchzustarten. Derzeit konzentriere ich mich aber auf meinen Beruf und meine ehrenamtlichen Tätigkeiten, zu denen auch die Arbeit im Vorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zählt, mit dem viele Reformprojekte anstehen, zum Beispiel die Neugestaltung des Volkstrauertags.

Wenn Sie von Rotenburg die Arbeit der derzeitigen Regierungskoalition betrachten: Sind Sie als Christdemokratin zufrieden?

Anfangs hat es ja noch ziemlich gerappelt, aber jetzt scheint die Koalition Tritt zu fassen. Ich finde es spannend, was sich in Hannover abspielt.

Von Michael B. Berger

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