Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Dorfbewohner mussten Rollfeld weichen – und jetzt kommt das A380-Aus
Nachrichten Der Norden Dorfbewohner mussten Rollfeld weichen – und jetzt kommt das A380-Aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 01.03.2019
Hinter dem Triebwerk eines Airbus A380 auf dem Werksflughafen in Hamburg-Finkenwerder ist die Kirche des Dorfes Neuenfelde zu erkennen. Quelle: dpa
Neuenfelde

Wenn Manfred Hoffmann heute vom Deich aus auf sein Dorf blickt, kann der Senior sogar einen Witz machen. „So schön konnten wir früher nie auf unsere Kirche blicken“, sagt er, lächelt ein wenig und zieht die Schultern hoch. Als wollte er sagen: Wir können schon wieder lachen in Neuenfelde am Rande des Alten Landes. Dabei kann einem das Lachen hier im Halse stecken bleiben: Denn die Kirche ist nur deswegen so schön zu sehen, weil zwischen ihr und der Elbe jetzt eine Flugzeuglandebahn von Airbus liegt anstelle der Apfelbaumplantage.

Die musste weichen, als das Airbus-Werk vor mehr als zehn Jahren seine Start- und Landebahn um 589 Meter auf 3273 Meter verlängerte – für eine Frachtversion des A380. 20 Hektar Obstbäume wurden gefällt, damit der Riesenflieger dort starten konnte. Die Plantage war nicht das Einzige, was verschwand. Aus Angst vor Klagen gegen Fluglärm kaufte die Stadt Hamburg ab 2002 einen ganzen Straßenzug im Ortskern von Neuenfelde auf. 67 Gebäude standen anschließend fast 15 Jahre lang leer, im Ortskern entstand eine Geisterstraße.

„Für die Entwicklung des Stadtteils war das eine Tragödie“: Manfred Hoffmann (oben), Sprecher der Bürgervertretung, in der Hasselwerder Straße, wo bis vor Kurzem viele Häuser leer standen. Quelle: Carolin George

„Tristesse, Empörung, Zorn“

Dabei wäre das alles gar nicht nötig gewesen, wie die Neuenfelder heute wissen. Denn die Frachtversion für den A380 ist niemals gebaut worden. Und laut einem Gutachten aus dem Jahr 2011 überschreitet der Fluglärm gar keine Grenzwerte. Die 200 betroffenen Neuenfelder hätten also in ihren Häusern wohnen bleiben können. Deshalb ist Manfred Hoffmann auch nicht häufig nach Lachen zumute, wenn er hier nahe der Airbus-Werkseinfahrt am Deich steht und zu seiner Kirche blickt. „Für die Entwicklung des Stadtteils war das eine Tragödie“, sagt er. „Beziehungen und Nachbarschaften lösten sich auf, Lebensplanungen mussten korrigiert werden. Es kam zu Tristesse, zu Empörung und Zorn.“

Manfred Hoffmann ist Sprecher der Bürgervertretung Neuenfelde-Francop-Cranz und hat jahrelang mit anderen gegen die Verlängerung der Startbahn gekämpft. Erfolglos.

Die Wunden von damals, so sagt Hoffmann, seien wieder aufgerissen, als vor Kurzem bekannt wurde, dass Airbus die A380-Produktion einstellt. 2021 soll das letzte Riesenpassagierflugzeug von Neuenfelde aus abheben. „Natürlich sind die Menschen entschädigt worden und haben sehr gute Preise für ihre Häuser und Grundstücke bekommen“, sagt Hoffmann. „Aber bei denen, die wegziehen mussten, ersetzt der materielle Wert die psychischen und physischen Opfer nicht.“

Bei den anderen geht es weniger um Gefühle von Wehmut und Traurigkeit, sondern eher um Wut. „Wir als Bürgervertretung haben damals schon gesagt, dass eine weitere Verlängerung der Start- und Landebahn nicht notwendig ist“, sagt Hoffmann. Man habe eine fachlich qualifizierte Stellungnahme ans Rathaus gegeben. „Sie wurde entgegengenommen.“ Und mehr eben nicht.

Gegen Airbus hat niemand in Neuenfelde etwas

Gegen Airbus, das sagen hier viele im Ort, habe niemand etwas. Wegen der Arbeitsplätze und weil man natürlich auch vom Werk profitiert: von der Zimmervermietung an Pendler, von den großzügigen Zuschüssen zu Projekten wie zum Beispiel dem Dorfgemeinschaftshaus.

Aber von der Politik fühlen sich viele in Neuenfelde noch immer getäuscht. Sauer stieß ihnen auf, dass Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann den A380 eine „Erfolgsgeschichte“ für den Standort Hamburg nannte, unmittelbar nach der Nachricht über das Ende des Riesenfliegers. „Die für den A380 getätigten Investitionen sind nachhaltig und kommen auch den anderen Produktionslinien zugute“, erklärte Westhagemann. Hamburg sei weltweit die Nummer eins in der Produktion des A320 und damit Teil des wachsenden Luftverkehrsmarktes. Die Zahl der Airbus-Mitarbeiter gibt ihm recht, sie wuchs von 7800 im Jahr 2000 auf jetzt 12 700.

20 Hektar Obstbäume mussten weichen: Vorbereitungen für die Verlängerung der Landebahn im Jahr 2006 – im Vordergrund das Dorf Neuenfelde. Quelle: Foto: ReGe/dpa

Was die Neuenfelder bis heute wurmt, das ist das Gefühl der Ohnmacht. „Man hat uns nicht gehört damals“, sagt Manfred Hoffmann. „Und das werden die Menschen hier nicht vergessen.“

Aber es gibt auch die, die vergessen wollen. Einer von ihnen ist Cord Quast. Er ist der Bauer, der als Letzter seine Unterschrift unter den Verkauf seines Landes für die Start- und Landebahn gesetzt hatte. „Sicher hat das einigen nicht gepasst“, sagt der 68-Jährige heute über seine Entscheidung. „Aber der Druck war einfach zu groß.“ 15 Jahre später sieht Quast die Flieger von seinem Wohnzimmer aus über die Kirche hinwegfliegen, an die 35-mal am Tag. Er hat sich daran gewöhnt. Und die Dinger würden schließlich auch mit kürzerer Landebahn fliegen.

Böse Worte, sagt er, habe er von seinen Nachbarn auch damals nie gehört. Vielleicht auch deswegen, weil er ein so kluger Bauer ist. Denn genau das sagt man über ihn im Dorf. Der Obstbauer hat nämlich nicht nur eine erkleckliche Summe für seine vier Hektar Land bekommen und 7,5 Hektar von der Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft seines Betriebes kaufen können.

17 Häuser wurden abgerissen

Er hat Hamburg auch einen 19 Punkte umfassenden Forderungskatalog abgerungen: Unter anderem verpflichtete sich die Hansestadt zur Wiederbelebung des verödeten Straßenzugs im Ortskern. Mit Erfolg. Mittlerweile hat das städtische Wohnungsunternehmen Saga die meisten Gebäude an der Hasselwerder Straße, im Rosengarten, im Organistenweg und im Arp-Schnitger-Stieg wieder vermietet. 17 Häuser an der „Geisterstraße“ wurden abgerissen, auf den Grundstücken sollen Reihen- und Mehrfamilienhäuser entstehen.

Dass hier endlich wieder Leben einzieht, das ist in Neuenfelde das wichtigste Thema derzeit, ob mit A380 oder ohne. „Wir wünschen uns ein ehrliches, friedliches Nebeneinander“, sagt Manfred Hoffmann. Doch eines lässt ihm keine Ruhe. Er will, dass die Stadt eine Kosten-Nutzen-Analyse aufstellt. „Was hat das Ganze eigentlich gebracht?“, will er wissen.

Von Carolin George

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Niedersachsen will die Rechte von Paketboten stärken. Dafür hat das Landeskabinett eine Bundesratsinitiative beschlossen.

01.03.2019

Der Restaurantführer Guide Michelin gilt vielen Feinschmeckern als Wegweiser zu den besten Köchen des Landes. Jetzt wurden die Neuigkeiten der Ausgabe 2019 präsentiert – in Niedersachsen hat sich kein Restaurant einen neuen Stern erkocht.

26.02.2019

Ein aggressiver Hund hat sich in Bremerhaven in einer Hündin festgebissen. Nur unter großer Mühe konnten Passanten die Tiere trennen. Die Hündin ist lebensgefährlich verletzt. Ein Tierarzt schläferte den Staffordshire Bullterrier ein. Der Halter wird noch immer gesucht.

26.02.2019