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Der Norden Leben nach der Flut
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13:49 30.07.2018
„Wir kannten das nicht mit Hochwasser“: Jürgen Kluge beobachtete vor einem Jahr die Wassermassen vor seinem Haus. Quelle: dpa
Hildesheim

Jürgen Kluge kann wieder lachen – und seine Frau Helga will jetzt auch nicht mehr weg aus Rhüden. „200 Kisten mit meinen gesammelten Mineralien und ganz viele Werkzeuge – alles ist kaputtgegangen“, erinnert sich der 76-Jährige an die Ereignisse vor einem Jahr.

Der kleine Ort im Kreis Goslar stand damals unter Wasser – die Flut hatte schwere Schäden angerichtet. Damals lehnte sich Jürgen Kluge aus einem offenen Fenster und blickte sorgenvoll auf die Wassermassen aus der Nette, die plötzlich durch die Straße direkt vor seiner Haustür flossen. Erst vier Wochen zuvor waren Kluge und seine Frau in das Haus eingezogen. Sie lebten vorher jahrelang in Clausthal-Zellerfeld – ein paar hundert Meter höher als Rhüden.

Tagelanger Regen hatte zuerst im Harz viele kleinere Flüsse über die Ufer treten lassen. Schnell waren Straßen unpassierbar, Keller liefen voll, die Fluten rissen Blumenkübel und Stühle mit. Im Juli 2017 fiel in manchen Orten gut dreimal so viel Niederschlag wie üblich. Rekordmengen hat der Deutsche Wetterdienst in Bad Harzburg gemessen: Dort stürzten 223 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel.

Keller voll, Wohnzimmer fast

Hart traf das Hochwasser auch Goslar. Am 26. Juli 2017 rief der Landkreis Katastrophenalarm aus. Vorher war schon die Innenstadt gesperrt worden. Der sonst kleine Bach Abzucht verwandelte sich in einen reißenden Fluss, der sich plötzlich seinen Weg um die Marktkirche und durch die Altstadt bahnte. Rettungskräfte brachten Touristen aus einem Hotel und Bewohner einer Seniorenresidenz rechtzeitig in Sicherheit. Später verlagerte sich das Hochwasser weiter Richtung Norden und führte zu Überschwemmungen unter anderem in Wolfenbüttel und Hildesheim.

„Wir kannten das nicht mit Hochwasser“, erzählt Kluge, während er vor seinem Haus in Rhüden steht und an der Fassade zeigt, bis wohin das Wasser reichte. Fast wäre es nicht nur in den Keller, sondern auch ins Wohnzimmer gelaufen. Doch an der obersten Stufe der Eingangstreppe stoppten die Wassermassen. „Ich habe mir danach noch einen Einsatz aus Brettern gebastelt, den ich dorthin legen kann, wenn es wieder so weit ist“, sagt er.

Dass er und seine Frau noch einmal ein Hochwasser erleben werden, hält er für wahrscheinlich. „Es passiert ja nichts“, sagt Kluge achselzuckend. Das Flussbett der Nette müsste vertieft oder die Böschung am Fluss erhöht werden, erklärt er. Immerhin: Wertvolle Dinge haben er und seine Frau nicht verloren. Das Paar hat wegen der Schäden keine Soforthilfe des Landes beantragt.

5,5 Millionen Euro ausbezahlt

Andere Betroffene schon. Bereits kurz nach der Flut hatten Betroffene nach Angaben des Umweltministeriums rund eine Million Euro für notwendige Dinge wie Kleidung und Bettwäsche bekommen.

Das Land unterstützte Betroffene später auch bei weitreichenden Schäden. Bisher haben Privathaushalte im Land mehr als 5,5 Millionen Euro überwiesen bekommen, wie ein Sprecher der landeseigenen NBank sagte. Die Bank zahlt die Hilfen im Auftrag der Landesregierung aus. Damit wurden etwa Heizungen, Waschmaschinen und Trockner ersetzt, die in vollgelaufenen Kellern kaputtgegangen waren.

Wohin soll das Wasser fließen?

Sandsack um Sandsack stapelten Ernst Pahl, sein Schwager und ein Helfer vor einem Jahr, als das braun gefärbte Wasser der Nette über das Grundstück des alten Bauernhofs in Rhüden stürzte. Sie konnten verhindern, dass das Wasser in ihre Wohnung eindrang. „Drei Stufen führen ins Haus, und dieser Abstand hat uns gerettet“, schildert Pahl. Der Rhüdener steht in seinem Vorgarten und schaut auf einen Bauzaun, der am Rand des Grundstücks steht. Dort sollte seit Mitte April eine etwa ein Meter hohe Hochwasserschutz-Mauer stehen. Die Nachbarn sind nun aber besorgt, dass Wassermassen künftig woanders hinfließen könnten, erklärt der 66-Jährige. Seitdem ist der Bau gestoppt.

„Unser Grundstück liegt viel tiefer als andere Gebäude im Ort, weil unser Hof mehr als 250 Jahre alt ist“, sagt Pahl. Seine Frau Dagmar zeigt auf ihrem Smartphone Fotos und Videos vom Ausmaß des Hochwassers und der Wucht der Wassermassen. Auf der Wiese hinter dem Haus, wo jetzt gemächlich ein paar Schafe grasen, stand das Wasser fast einen Meter hoch. Die Terrasse der Familie war kaum noch zu sehen. Er würde sich für Rhüden aufeinander abgestimmte Schutzmaßnahmen wünschen, sagt Pahl. Irgendwo müsse das Wasser ja fließen.

Das Thema Hochwasserschutz treibt viele Orte schon seit Jahren um. Einige haben sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen, um Konzepte zu erarbeiten. Das Land will in diesem Jahr 83 Projekte in Niedersachsen finanzieren. Aber einen flächendeckenden Schutz vor Hochwasser kann es kaum geben.

In Hildesheim sollen schnell Überflutungsflächen südlich der Domäne Marienburg geschaffen werden. Der Kulturcampus der Universität Hildesheim hatte dort massive Schäden an den alten Gebäuden zu beklagen. Studierende und Mitarbeiter mussten lange Zeit in provisorischen Containern arbeiten und lernen. Jetzt soll der ursprüngliche Zustand der Gebäude wiederhergestellt werden – dafür und für mehr Hochwasserschutz gibt das Land mehrere Millionen. Unter anderem sollen Fußböden und Wände abgedichtet und installierte Technik umverlegt werden.

Auch Konzepte für Rettungseinsätze passen die Städte immer wieder an. So hat etwa Wolfenbüttel ein Frühwarnsystem entwickelt, das schon Stunden vorher die Entstehung eines Hochwassers in Plänen und Luftbildern anzeigt. So sollen sich Helfer früher auf den Gefahrenfall einstellen können, heißt es aus der Stadt. Dort war vor einem Jahr unter anderem das Wasser in eine Schule mitten in der Innenstadt geflossen. Gerade wird an dem Gebäude die Fassadenhülle erneuert und hochwassersicher abgedichtet.

Auch in Goslar laufen immer noch Reparaturen. Dort hatte das Hochwasser Millionenschäden angerichtet. In einer Straße im Ortsteil Vienenburg habe ein Loch so groß wie drei Autos wieder aufgefüllt werden müssen, heißt es von der Stadtverwaltung.

Auf dem Marktplatz tummeln sich jetzt, ein Jahr später, am Mittag wieder viele Touristengruppen. Damals schossen hier die Wassermassen durch das Zentrum des historischen Ortes. Das Wasser stand bis kurz unter dem Stromkasten im Keller der Pizzeria „Amaretto“. „Der modrige Geruch im Keller blieb für Monate“, sagt Michele Pantaleo.

Die zentrale Einkaufsstraße wirkte vor einem Jahr selbst wie ein reißender Strom. Inhaber von Läden und Cafés verbarrikadierten die Eingangstüren zu den Geschäften und mussten schließen. „Immer wenn ein Auto vorbeifuhr, kam ein richtiger Schwall Richtung Tür“, erinnert sich Simone Niermann. Sie arbeitete an dem Tag in der Buchhandlung und konnte den Laden damals nur noch mit Gummistiefeln verlassen. Angst vor neuem Hochwasser und Schäden hat sie nicht. „Das sind Naturgewalten. Das ist einfach so.“

Von Kristina Wienand