Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Sonntag Stichwahl um das Bürgermeisteramt
Nachrichten Der Norden Sonntag Stichwahl um das Bürgermeisteramt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:42 28.06.2018
Bürgermeisterkandidat Marcel Fangohr: „Das ist Insel.“ Quelle: Foto: privat
Wangerooge

Diese Geschichte beginnt traurig. Und sie geht nicht unbedingt schön weiter. Aber vielleicht endet sie ja doch noch glücklich. Das entscheidet sich am Sonntag.

Am 22. Januar starb Dirk Lindner, umtriebiger und beliebter Bürgermeister der Insel Wangerooge, 55 Jahre alt, an einem Aneurysma. Er war noch in ein Krankenhaus auf dem Festland gebracht worden, aber das half nichts mehr. Auf der Insel herrschte Fassungslosigkeit. Auch, weil Wangerooge derzeit nicht gerade sorgenfrei dasteht: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, Kita-Plätze fehlen, die Finanzlage ist düster. Das Schwimmbad, die Straßen und die Kanalisation müssten saniert werden. Die Fahrrinne zwischen Festland und Insel müsste vertieft werden. Und regelmäßig fegen die Stürme des Winterhalbjahres den Wangerooger Sandstrand ins Meer, weswegen ebenso regelmäßig für viel Geld neuer Sand herangekarrt werden muss, was kein Dauerzustand sein kann.

Es musste also rasch ein neuer Bürgermeister her. Und damit begann das nächste Dilemma. Denn Wahlkampf, das ist auf Wangerooge keine einfache Angelegenheit.

Eine Flut von Bewerbern ...

CDU und Grüne, die zusammen mit einem Einzelbewerber, dem Inselarzt Fritz Peters, über fünf von zehn Stimmen im Rat verfügen, einigten sich mit der SPD auf eine Bürgermeisterkandidatensuche per Anzeige. Der Aufruf hatte Erfolg, am Ende gab es einen Bewerber: Marcel Fang­ohr, 36, weitgehend auf Wangerooge aufgewachsen, Fachmann für die Optimierung von Verwaltungsprozessen, fand den Beifall der Wangerooger Kommunalpolitiker. Jedenfalls der Politiker von CDU und Grünen. Denn zwischenzeitlich hatte sich der Vorsitzende der örtlichen SPD, Uwe Osterloh, entschieden, selbst seinen Hut in den Ring zu werfen. Um ihn gleich darauf wieder einzusammeln, nachdem eine weitere Kandidatin aufgetaucht war: Beate Grimm, Stellvertreterin des verstorbenen Bürgermeisters, die derzeit die Amtsgeschäfte im Wangerooger Rathaus führt, wollte, nach einigem Hin und Her, doch nicht mehr nur Vertreterin sein. Sie war früher schon mal von der SPD aufgestellt worden, trat jetzt aber parteiunabhängig an.

Das waren jedoch noch längst nicht alle, die Dirk Lindners Sessel gern geerbt hätten. Ein FDP-Mann vom Festland, aus Westerstede, bewarb sich. Ein PR-Mann aus Datteln in Nordrhein-Westfalen, Wange­rooge-Urlauber, bewarb sich. Der schon erwähnte Inselarzt Peters bewarb sich. Der frühere Bestatter auf Wangerooge, jetzt Mineralölhändler, bewarb sich. Und Tina Mißmahl trat an – eine Urwangeroogerin, vor 45 Jahren in Oldenburg geboren, aber gleich drei Tage später von ihrer Mutter auf die Insel gebracht. Ihr Urgroßvater war schon Seenotretter, sie hat auch im Rathaus gearbeitet, ist Verwaltungsfachfrau und Bauingenieurin und kümmert sich derzeit in Bremen um die Schulausbauplanung, während ihr Mann die heimatliche Ferienpension führt.

So weit, so vielfältig. Und mindestens ebenso facettenreich – und heftig – lief der öffentliche Wahlkampf ab. Vor allem Rathaus-Stellvertreterin Beate Grimm wurde mit Vorwürfen und Vermutungen und Häme von Grünen und FDP überschüttet: Sie hefte sich Verdienste ans Revers, die ihr nicht zustünden, außerdem könne sie keine Lösung des Rathausproblems sein, denn sie sei Teil des Problems. Auch anderswo wurde öffentlich und halböffentlich vermeintlich schmutzige Wäsche gewaschen. Tina Mißmahl wurde eine Kontroverse mit Beate Grimm angedichtet, es wurde über eine angebliche Affäre von Beate Grimm getratscht, und von dem CDU-Grünen-Kandidaten Marcel Fangohr erzählte man in Kneipen und auf der Promenade offen herum, er habe eine schwangere Frau sitzengelassen.

Wie kommt es, dass ein Wahlkampf mit solchen Methoden ausgefochten wird? Tina Mißmahl, die sonst nichts auf Wangerooge kommen lässt („Das ist für mich auch ein Stück Bullerbü, und wo sonst kann ich ein dreijähriges Kind allein zum Kindergarten schicken?“) vermutet: „Alles ist sehr intensiv auf der Insel.“

Tatsächlich fallen Auseinandersetzungen in kleinen Gemeinschaften, in denen man dem Gegenüber nicht ausweichen kann, oft heftiger aus als anderswo, damit kennen sich gerade Kommunalpolitiker auf Inseln aus. Beate Grimm erzählt, dass es auf Wangerooge Menschen gebe, die sich für einen Kandidaten entscheiden und die anderen fortan nicht mehr grüßen. Marcel Fangohr hat versucht, das Ganze zu ignorieren: „Das ist Insel. Das muss man abprallen lassen. Da muss man drüber stehen.“

... und ein heftiger Wahlkampf

Die Wahl hat am 17. Juni stattgefunden. 1149 Insulaner waren wahlberechtigt, 818 haben ihre Stimme abgegeben. Mehr als 50 Prozent hat kein Kandidat erreicht, Marcel Fangohr landete bei 45,1 Prozent. Tina Mißmahl kam auf Platz zwei, 17,7 Prozent. Am Sonntag gehen die beiden in die Stichwahl.

Sieben Wangerooger haben ihr Kreuz bei einem Kandidaten gemacht, den es gar nicht mehr gab: Sie stimmten für Uwe Osterloh, den SPD-Chef, der seine Bewerbung wieder zurückgezogen hatte. Allerdings hatte er das so spät getan, dass er trotzdem auf den Wahlzetteln auftauchte.

Die schwangere Frau übrigens, die von Marcel Fangohr verlassen worden sein soll, heißt zwar auch Fangohr. Aber sie ist seine Schwester.

Von Bert Strebe

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bessere Infrastruktur am „Gedenk- und Lernort“: Bund stellt 725000 Euro in den Haushalt ein.

28.06.2018

Krebs ist die zweithäufigste Todesursache in Niedersachsen. So steht es im aktuellen Krebsbericht. Mit dem neuen Krebsregister soll sich die Behandlung verbessern und die Sterberate sinken.

28.06.2018

Bei einem Streit auf einer Autofahrt in Hasbergen ist ein Mann schwer verletzt worden. Eine Frau hat ihren Partner aus dem Fahrzeug gedrängt und Gas gegeben, während sich der 56-Jährige noch am Wagen festhielt.

28.06.2018