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Der Norden Ein Sauenhalter gibt auf
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19:50 03.01.2019
Jens und Nicole Metterhausen geben die Schweinehaltung auf. Quelle: Samantha Franson
Esperke

 Das Schild ist blass geworden. Vor ein paar Jahren hat der Verein zur Förderung der bäuerlichen Veredelungswirtschaft, eine Einrichtung zur Beratung von Landwirten, zwei süße Ferkel im Stall von Jens Metterhausen fotografieren lassen, für eine Imagekampagne. Als Gegenleistung hat der Bauer das Foto als Schild bekommen, und er hat es neben dem Hofeingang an die Scheunenwand geschraubt. Der Familienname steht drauf, Metterhausen, und der Ort, Esperke. Mittlerweile aber haben Sonne und Regen die Farbe weitgehend weggeätzt. Das Foto wirkt blutleer, die Schweinchen sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Und das hat beinahe was Prophetisches.

„Die letzte Sau ferkelt am 22. Februar“, sagt Jens Metterhausen. „Die Ferkel bleiben noch vier Wochen bei ihr, dann kommen fünf Wochen Aufzucht. Von der ersten Maiwoche an ist der Stall leer.“

Esperke gehört zu Neustadt am Rübenberge. Das Dorf hat 700 Einwohner und eine schnurgerade Dorfstraße, auf der manchmal nachts irgendwelche Idioten ungeachtet der Tempo-30-Schilder mit 140 langbrettern.

Der letzte im Ort gibt auf

Und ab Mai hat Esperke keinen Schweinehalter mehr. Jens Metterhausen gibt auf. Er war ohnehin der letzte im Ort. Im Oktober hat er sich entschlossen, keine neuen Sauen mehr einzustallen. Der Stall läuft jetzt leer, das Maß war voll: Zu wenig Verdienst, zu viel Arbeit, zu schlechte Zukunftsaussichten. Und außerdem wird man als Schweinehalter in der Öffentlichkeit immer als potenzieller Tierquäler angesehen. Das nagt an einem. Jens Metterhausen mag nicht mehr.

Das imposante Fachwerkbauernhaus der Metterhausens steht seit 1807 in Esperke, die Familie, die es ursprünglich gebaut hat, ist in die USA ausgewandert und hat es an Jens Metterhausens Vorfahren verkauft. Als er vier war, gab es 14 Kühe in dem Betrieb, dann entschied sich Vater Metterhausen für die Spezialisierung auf die Sauenhaltung. Erst waren es 60 Tiere, dann 85, dann entstand ein neuer Schweinestall auf dem Hof für 120 Sauen. 1998 kam ein weiterer Stall dazu, ein bisschen entfernt, von da an hatten die Metterhausens 250 Sauen. Bis vor Kurzem. Und nun werden es immer weniger.

Bauern reden nicht übers Aufhören. Wenn Bauern ihre Höfe zumachen müssen, weil ihnen die Arbeit überm Kopf zusammenschlägt und die Einnahmen sinken und die Banker schmallippig werden und die Frau wegläuft, dann empfinden sie sich als Versager. Sie denken: Ich habe es nicht geschafft, ich habe die Vorfahren verraten, ich bin es, dem die Familientradition zwischen den Fingern zerbröselt. Sie müssen nicht mal schuld sein, das ändert nichts an Scham, Wut und Trauer. Und Scham, Wut und Trauer sind Gefühle. Bauern reden über Traktormotoren und Milchpreise und Pacht pro Hektar, nicht über Gefühle.

Er bleibt Bauer

Jens Metterhausen hat sich entschlossen, über die Aufgabe der Sauenhaltung zu sprechen, weil er mal erzählen wollte, wie das so ist als Landwirt, wenn man von allen Seiten angefeindet wird und gleichzeitig der Staat immer mehr Auflagen macht, während die Erlöse sinken. Er hat den Vorteil, dass er nicht den ganzen Betrieb aufgeben muss: Er besitzt noch 40 Hektar Ackerland, das von landwirtschaftlichen Lohnunternehmen bewirtschaftet wird, plus ein bisschen Grünland, plus ein bisschen Wald. Er bleibt Bauer, auch wenn er sich ab Mai irgendwo einen Job sucht.

Und die Familie macht keinen Ärger. Jens Metterhausens Vater arbeitet immer noch mit auf dem Hof und kann ja auch rechnen und hatte selbst schon gefragt, wie das denn weitergehen solle. Beide, Vater und Sohn, kennen da ganz andere Fälle, Tiere weg, Hof weg, die Alten im Clinch mit den Jungen, Familie zerbrochen, keiner redet mehr mit keinem.

Und Jens Metterhausen hat noch einen weiteren Vorteil. Dieser Vorteil heißt Nicole. Seit 2005 sind die beiden verheiratet, haben einen Sohn. Nicole Metterhausen ist keine Bäuerin. Sie stammt aus Hannover, sie ist Siebdruckerin und hat einen Job in der Stadt. Das gibt zum einen einen gewissen finanziellen Rückhalt, wenn es schlimm kommen sollte. Zum anderen steht Nicole Metterhausen, so zierlich sie ist, felsenfest an der Seite ihres Mannes. Das sieht man in den Blicken, die die beiden tauschen, und in den Haltungen ihrer Körper: Sie sind einander zugewandt, selbst dann, wenn sie gar nicht direkt nebeneinander stehen oder sitzen.

Jens Metterhausen hat in seinen Jahren als Vollerwerbslandwirt Jungsauen gekauft und eingestallt und künstlich besamt, sie haben getragen und die Ferkel geworfen, die dann bei ihm in den Ställen blieben und bis 28 Kilo gefüttert wurden. Anschließend hat er sie an Mäster verkauft, die sie weitergefüttert haben bis zur Schlachtreife. Er hat das alles gern gemacht, er war stolz, ein Landwirt zu sein, sein eigener Herr zu sein. Aber in den letzten zwei Jahren häuften sich die Probleme.

Das Oberverwaltungsgericht Magdeburg entschied 2016, dass die Kastenstände, in denen Sauen stehen, breit genug sein müssen zum Hinlegen und zum Ausstrecken der Läufe in Seitenlage, und dieses Urteil wurden vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt. Heißt: Kosten. Dann kommt die Regelung zur Betäubung bei der Ferkelkastration, Metterhausen fürchtet, es werde aufwendig werden, so, wie Berlin das haben will, mit Vollnarkose. Heißt: Kosten. Dann haben sich seine Mäster, mit denen er zusammenarbeitet, mit dänischen Ferkeln eingedeckt, weil die billiger sind. Heißt: weniger Einnahmen. Inzwischen verliert er Geld durch seine Arbeit, statt welches zu verdienen, zehn Euro pro Ferkel, und manche Tiere muss er für zu wenig Geld bis nach Frankfurt verkaufen, was wegen des langen Wegs auch nicht gut ist für die Tiere.

Der Landwirt am Pranger

Und dann das Internet. Die Kommentare, bei „Focus online“, bei „Spiegel online“, zu jedem landwirtschaftlichen Thema hat jeder eine Meinung, und von 18 Kommentare seien 16 negativ, sagt Metterhausen. Immer der Landwirt am Pranger. Es macht keinen Spaß mehr.

Er sei ja kein Agrarindustrieller, sagt er, keiner wie die in den Niederlanden oder im Raum Cloppenburg oder Ostdeutschland, aber er sei derjenige, der kaputtgehe mit seinem Geschäft. Die Leute redeten immer, Tierschutz, Bio, aber sie kauften nicht beim Hofschlachter, sie kauften das Billigfleisch aus den Kühltheken. Nicole Metterhausen beugt sich vor und sagt: „Bequemlichkeit. Wenn man bei Rewe Milch und Kekse holt, geht man nicht mehr extra zum Metzger.“ Und dann lächelt sie ein bisschen traurig und fügt hinzu: „Dafür können sie dann dreimal in Urlaub fahren. Und das neue iPhone kaufen.“ Sie hört auf zu lächeln. Sie macht eine kleine Pause. Sie sagt: „Geiz.“

Lieber jetzt als später, hat sich Jens Metterhausen gedacht, lieber jetzt aufhören mit den Schweinen, als dass hinterher der ganze Betrieb draufgeht. Lieber noch die Chance nutzen, den Außenstall zu verpachten. Er ist 46, da kriegt man noch was auf dem Arbeitsmarkt.

Was wird er ab Mai machen? Weiß er nicht, irgendwas, Landwirtschaftsberatung, Schädlingsbekämpfung, fast egal: Es soll vernünftig bezahlt sein. Und die Arbeitszeit soll nicht, wie bisher oft, von 7 Uhr bis 21 Uhr gehen. Und mal in Urlaub! In den letzten sieben Jahren ist immer nur Nicole Metterhausen mit dem Sohn weggefahren, Jens Metterhausen ist dann für die Wochenenden dazugestoßen, aber der Urlaubsort durfte nur so weit weg sein, dass er in zwei Stunden zurück sein konnte.

Das ändert sich jetzt. „Das ist das einzig Gute“, sagte Nicole Metterhausen.

Also ist es insgesamt schon sehr bitter, oder? Jens Metterhausen guckt einen Moment starr geradeaus. Man kann die Anspannung sehen, in den Augen, hinter der Stirn, um die Mundwinkel herum, in den Schultern. „Richtig“, sagt er.

Mehr sagt er nicht. Bauern reden über Traktormotoren und Pacht pro Hektar. Er atmet ein, er atmet aus. Seine Frau schaut zu ihm hinüber.

Immer mehr Sauenhalter geben auf

Im Jahr 2010 gab es 3400 Sauenhalter in Niedersachsen mit zusammen gut 565 000 Tieren. 2018 waren es noch 1800 Halter mit rund 458 000 Tieren.

Allein in der Region Hannover, wo noch 27 Sauenhalter arbeiten, wollten fünf demnächst aufgeben, berichtet der hannoversche Landvolk-Vorsitzende Volker Hahn. Er spricht von „tiefer Frustration“ seiner Berufskollegen. Auch bei denen, bei denen es finanziell gut laufe, sei die psychische Belastung durch das vielfach negative öffentliche Ansehen des Berufsstands und die unklaren Zukunftsaussichten erheblich.

Bundesweit,hat dieInteressengemeinschaft der Schweinehalter Deutschland e.V. ermittelt, will die Hälfte der Sauenhalter in den kommenden zehn Jahren aufhören: Der Umfragewert lag bei 52,1 Prozent. Jeder sechste Betrieb soll schon innerhalb der kommenden zwei Jahre geschlossen werden. 73,5 Prozent der Tierhalter nennen die hohe Zahl der behördlichen Auflagen als Grund.

Von Bert Strebe

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