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Der Norden Mehr Geld für „Euthanasie“-Forschung
Nachrichten Der Norden Mehr Geld für „Euthanasie“-Forschung
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16:09 12.09.2018
„Wir sensibilisieren mit Geschichte“: Carola Rudnick leitet die Gedenkstätte in Lüneburg.         Quelle: Carolin George
Lüneburg

Es ist kein Anziehungspunkt für Touristen, das Projekt ist noch nicht einmal sonderlich bekannt. Doch die Arbeit, die in diesem Haus geleistet wird, ist in Deutschland einmalig. Deswegen wird die „Euthanasie“-Gedenkstätte in Lüneburg jetzt mit der Unterstützung zahlreicher Förderer um ein Gebäude reicher. Der Spatenstich für das geplante Seminarhaus auf dem Gelände der Psychiatrie ist für Anfang kommenden Jahres geplant.

NS-Mord an mehr als 300 Kindern

Die Gedenkstätte ist die einzige Einrichtung bundesweit, die sich explizit mit der Kinder-„Euthanasie“ während der Nazi-Herrschaft beschäftigt. In der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg wurden etwa 300 bis 350 Kinder von Ärzten und Pflegepersonal getötet, weil sie eine Behinderung hatten oder in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren. Heute ist die ehemalige Anstalt die Psychiatrische Klinik der Stadt, und in dem ehemaligen Badehaus erzählt eine Ausstellung von den Opfern der Kinder-„Euthanasie“. Erzählt werden aber auch die Geschichten erwachsener Patienten, die aufgrund von Behinderungen oder vermeintlichen psychischen Erkrankungen umgebracht oder im Zuge der sogenannten „Aktion T4“ in die Tötungsanstalten Hadamar und Pirna-Sonnenstein verlegt wurden.

Motor und Seele des Projekts ist Carola Rudnick. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin leitet die Gedenkstätte seit 2012, und seither hat sich die Teilnehmerzahl an pädagogischen und wissenschaftlichen Seminaren vervielfacht: von ungefähr 30 Teilnehmern auf mehr als 800 im vergangenen Jahr. Die Historikerin bietet Fortbildungen an für Schüler von Pflegeschulen, für Mitarbeiter von Pflegediensten, für Pädagogen und andere Interessierte. Dabei arbeitet sie barrierefrei, besucht Förderschulen und arbeitet kontinuierlich mit inklusiven Gruppen sowie Jugendlichen mit geistiger Behinderung zusammen. „Das alles macht unser Konzept aus“, sagt die Projektleiterin. „Wir sensibilisieren mit Geschichte für Schieflagen in der Gegenwart, machen anhand des Nationalsozialismus deutlich, wie wenig selbstverständlich Menschenrechte für Minderheiten sind.“

Seit Jahren schon ist das Interesse an den mehrtägigen Seminaren überregional so groß geworden, dass die Räumlichkeiten der Gedenkstätte im ehemaligen Badehaus der Klinik nicht mehr ausreichen. Gemeinsam mit dem Trägerverein, der Psychiatrischen Klinik und einer interdisziplinären Expertenkommission hat Carola Rudnick daher ein bis ins Jahr 2023 reichendes Konzept für Neugestaltung und Ausbau entwickelt.

Für insgesamt rund 1,7 Millionen Euro soll zunächst ein neues Bildungszentrum als Seminarhaus entstehen, später die bestehende Ausstellung neu gestaltet und zu einem Dokumentationszentrum erweitert werden.

Sonderausstellung in der Gedenkstätte

Über die rund 200 weiblichen Opfer der sogenannten „Aktion T4“ informiert eine Sonderausstellung in der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg. Geöffnet ist sie bis zum 21. Oktober auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik, Am Wienebütteler Weg 1, jeden 3. Sonnabend im Monat von 11 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei. Für Schülerinnen und Schüler gibt es Zusatzmaterialien.

Informationen zum Besuch der Ausstellung und der Teilnahme an pädagogischen Seminaren gibt Carola Rudnick unter Telefon (04131) 60 88 372. Außerdem erforscht sie weiter die Biografien der Opfer der Lüneburger NS-„Euthanasie“ und gibt Angehörigen, wenn möglich, Auskünfte.

Für das Seminarhaus ist kein Neubau geplant, sondern die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes auf dem Klinikgelände. „Auf den ersten Blick sieht es zwar ziemlich verwahrlost aus“, sagt Carola Rudnick. „Aber für unsere geplante Nutzung ist es ideal.“ Das verfallene Haus mit den verbretterten Fenstern und dem hinabfallenden Putz wurde 1832 als erste Königlich-Preußische Baumschule errichtet und wird seit fast 30 Jahren nicht genutzt. Es steht unter Denkmalschutz, und das macht das Projekt doppelt interessant: Nicht nur die geplante inhaltliche Arbeit überzeugte diverse Fördermittelgeber, sondern auch die Sanierung eines Baudenkmals.

Insgesamt mehr als 700.000 Euro hat Rudnick für Sanierung, Umbau und Ausstattung eingeplant. Den größten Anteil mit 220.000 Euro übernimmt die Psychiatrische Klinik selbst, weitere Geldgeber sind die Hermann Reemtsma Stiftung, die Klosterkammer Hannover, die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, das Landesdenkmalamt, die Gesundheitsholding Lüneburg, die Niedersächsische und die Lüneburger Sparkassenstiftung sowie die VGH-Stiftung. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz entscheidet Anfang 2019 über den Antrag, der Landkreis Lüneburg am 24. September.

„Es wird Wirklichkeit“, sagt Carola Rudnick. „Wenn alles gut geht, können wir den Spatenstich Ende Januar, Anfang Februar 2019 feiern.“ Nach Abschluss der Sanierung im Jahr 2020 beginnt dann Projektteil zwei: Die derzeitige Ausstellung soll für rund eine Million Euro erweitert und erneuert, bis 2023 zu einem Dokumentationszentrum ausgebaut werden.

Hierfür entwickelt Carola Rudnick zurzeit gemeinsam mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ein Finanzierungskonzept aus Bund und Land. Das Land Niedersachsen könnte über die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten 500.000 Euro geben, die andere Hälfte wird im Sommer 2019 bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien beantragt.

Von Carolin George

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