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Der Norden Immer mehr Menschen retten Wildtiere, die nicht gerettet werden müssen
Nachrichten Der Norden Immer mehr Menschen retten Wildtiere, die nicht gerettet werden müssen
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09:03 12.04.2019
Nicht einfach einsammeln, sondern vorher Rat holen: Auch dieser Igel ist im Artenschutzzentrum Leiferde untergekommen. Quelle: Christophe Gateau/dpa
Leiferde

Der ältere Herr am Telefon verstand die Welt nicht mehr. Die Vögel seien inzwischen offenbar dumm, sagte er. So dumm, dass sie immer wieder sie aus dem Nistkasten fielen, den er ihnen gebaut habe. Ständig müsse er sie in den Kasten zurückstopfen. „Wahrscheinlich hat er ihnen die Knochen gebrochen“, sagt Rüdiger Wohlers.

Leiferde im Kreis Gifhorn. Am Ortsausgang befindet sich seit fast 40 Jahren in einer alten Molkerei das Artenschutzzentrum des Naturschutzbunds Nabu Niedersachsen. Knapp 500 Tiere sind dort zurzeit untergebracht, ein Buchfink mit verletztem Flügel ist da, eine Eule mit verletzten Augen, außerdem ausgesetzte Schlangen und Schildkröten und kranke Igel und Gänse. Auf dem Schornstein brütet, weithin sichtbar, das Storchenpaar Mai und Fridolin. Bärbel Rogoschik, Leiterin des Nabu-Artenschutzzentrums, graust es vor den kommenden Monaten. Denn dann kommen die Menschen.

Sobald es etwas wärmer werde, erzählen Bärbel Rogoschik und ihre Kollege Rüdiger Wohlers, Biologe beim Nabu-Landesverband, träten wieder die Tierfreunde in Aktion. Selbsternannte Tierfreunde, die meinten, sie müssten hilflose, kranke oder verlassene Wilddtiere retten – dabei seien diese Tiere meist weder hilflos noch krank noch verlassen. Die vermeintlichen Tierretter wüssten bloß nicht, was sie da täten. Und es würden immer mehr.

In einem normalen Jahr werden im Artenschutzzentrum Leiferde um die 2000 Tiere abgegeben. 2017 waren es schon rund 2500. Im vergangenen Jahr, erzählt Bärbel Rogoschik, wurden 3017 Notfälle angeliefert – beziehungsweise: Notfälle und angebliche Notfälle. Zunehmend riefen Leute an, die Tieren helfen wollten, denen gar nicht geholfen werden müsse, sagt die Zentrumsleiterin.

Naturwissen schwindet

Wohlers berichtet von Menschen, die einen tschilpenden Jungvogel fanden und einsammelten. Dabei war das Tier nicht hilflos, sondern tschilpte, weil es auf Nahrung wartete, die es nicht bekommen konnte, weil ein Mensch neben ihm stand und es am Ende auch noch mitnahm.

Und das ist nur ein harmloses Beispiel. Einmal rief ein Mann an und fragte, ob es noch Nachtfrost gebe oder ob er jetzt die Frösche, die er im Herbst gerettet und den Winter über im Eisschrank gelagert habe, im Gartenteich aussetzen könne. Ein Mann, der in einem Bauernhaus lebte, meldete sich und fragte, wo er Fliegen herbekomme. Warum? Er hatten etliche Schwalben mit einem Kescher eingefangen und in seine Scheune gesperrt, damit sie nicht auf dem Flug nach Süden zu Schaden kämen. Eine Dame berichtete, sie habe mehrere Hände voll Marienkäfer eingesammelt und in einen Kissenbezug gepackt, und damit sie es schön warm hätten, habe sie die Tiere am Fußende unter die Bettdecke gelegt. Jetzt aber rieche das alles so seltsam, ob der Nabu die Käfer wohl abholen könne?

Das Wissen über Wildtiere, haben Rogoschik und Wohlers beobachtet, schwinde „dramatisch“. Viele Leute wüssten einfach nicht mehr, dass Jungtiere nicht deswegen still unterm Baum säßen, weil sie einsam seien, sondern damit sie keine Feinde – wie etwa Menschen – auf sich aufmerksam machten.

Dafür wissen sie anderes, oder glauben es jedenfalls. Einmal wurde Bärbel Rogoschik von der Feuerwehr gerufen: Da sitze ein Greifvogel auf einem Fußballplatz. Sie fuhr hin. Auf dem Platz saß ein Fasan – ein Hühnervogel. Ein anderes Mal kündigte jemand an, er bringe eine indische Blindmaus. Was er brachte, war eine gewöhnliche Spitzmaus. Aber er hatte „Maus“ gegoogelt, und seine sah so ähnlich aus wie die aus Indien. Eines Tages meldete jemand aufgeregt den Fund einer Schlange, und seine Frau habe doch solche Angst vor Schlangen. Was er gefunden hatte, war die – zugegeben längliche – Raupe eines Mittleren Weinschwärmers.

„Verstädterung in den Köpfen“

Die Menschen, sagt Rogoschik, säßen am Rechner und vorm Fernsehgerät und gingen nicht mehr in die Natur. Sie seien im Urlaub in der ganzen Welt unterwegs, würden aber den Wald vor ihrer Haustür nicht kennen, ergänzt Wohlers. Er spricht von der „Zeitbombe Naturentfernung“, von einer „Verstädterung in den Köpfen und Herzen“.

Die beiden Nabu-Experten empfehlen mehr Naturbildung, buntere Gärten, Waldspaziergänge. Und sie wünschen sich, dass die Tierfreunde beherzigen, dass man Wildtiere nur dann einsammeln darf, wenn sie deutlich verletzt sind, beispielsweise wenn sie bluten. Am besten sei es, abzuwarten. Und bevor man ein Tier anfasst, soll man sich Rat holen.

Menschen, die Igel vor dem angeblich drohenden Kältetod bewahren wollen, die am Wegesrand Junghasen auflesen, die Eichhörnchen einsperren – es gibt nichts, was es nicht gibt. „Die Natur braucht Freunde“, steht auf einem Nabu-Plakat im Artenschutzzentrum. Solche Freunde, machen Rogoschik und Wohlers deutlich, braucht sie nicht.

Von Bert Strebe

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