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Der Norden 200 Besucher bei Gottesdienst mit plastinierter Leiche
Nachrichten Der Norden 200 Besucher bei Gottesdienst mit plastinierter Leiche
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19:47 08.07.2018
„Betrachten Sie seine Erhabenheit“: Gottesdienst mit präparierter Leiche als Fackelträger in der Osnabrücker Marienkirche. Quelle: epd
Osnabrück

Jahrelang haben die Kirchen die Körperwelten-Ausstellungen des Plastinators Gunther von Hagens mit guten Gründen kritisiert: Sie seien nicht mit dem Respekt vor den Toten und der Totenruhe vereinbar, der Kommerz stehe im Vordergrund. Am Wochenende nun hat der Pastor der Osnabrücker Marienkirche einen solch präparierten Körper in das Gotteshaus geholt und zum Thema seiner Predigt gemacht.

Rund 200 Kirchenbesucher sahen den plastinierten Mann, der – seiner Haut beraubt, damit Sehnen, Muskeln und Knochen sichtbar sind – direkt unterhalb der Kanzel platziert war. „Betrachten Sie seine Beine, seinen Kopf, seine Erhabenheit“, forderte Pastor Frank Uhlhorn die Teilnehmer des Gottesdienstes auf. Niemand brauche sich zu gruseln, weil dieses Plastinat einmal ein lebendiger Mensch gewesen sei. Gott allein behüte die Menschen und „lässt alle auferstehen, die jemals gestorben sind“.

Der Pastor hatte seine publikumswirksame Aktion im Vorfeld angekündigt und dafür Kritik geernetet – von Teilen des Kirchenvorstands und von der hannoverschen Landeskirche. In seiner Predigt betonte er, er achte die Meinung der Kritiker. Jeder, der ethisch-moralische Bedenken habe oder emotional überfordert sei, dürfe die Kirche wieder verlassen. Niemand folgte dem Angebot.

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Dem umstrittenen Plastinator Gunther von Hagens, dessen Ausstellungen weltweit 45 Millionen Besucher gesehen haben, war das Spektakel so wichtig, dass er mit Sohn Rurik und Frau Angelina Whally aus Heidelberg anreiste, um dabeizusein. Der Pastor sprach in seiner Predigt davon, dass der Umgang mit Tod und Ewigkeit immer einem Wandel unterworfen gewesen sei. Im Mittelalter habe die Kirche verboten, Leichen zu sezieren. Noch in den 60er Jahren habe die evangelische Kirche sich gegen Urnenbestattungen gewehrt. Lehrmeinung sei damals gewesen, der Mensch könne dann in seinem Körper nicht auferstehen, so Uhlhorn. Den Vorwurf, die Menschen, die Plastinate betrachteten, seien oberflächlich und schaulustig, weist der Pastor zurück. Niemand dürfe sich derart über andere erheben. „Eine solche Haltung wäre arrogant.“

Kirchenvorsteherin Petra Jeska zeigte sich erleichtert, dass der Gottesdienst ruhig und ohne Störungen verlief: „Es hätte ja auch Proteste in und vor der Kirche geben können.“ Sie hat Uhlhorn unterstützt. Kirche müsse insgesamt mutiger und frischer werden, findet sie. Das klingt dann doch fast komisch – angesichts der Leiche unter der Kanzel.

Von Martina Schwager