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Der Norden Auf Juist holen Pferde sogar den Müll ab
Nachrichten Der Norden Auf Juist holen Pferde sogar den Müll ab
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00:16 13.07.2018
Pferde haben auf Juist Tradition: Sie transportieren nicht nur Gäste und Gepäck, sondern auch Müll, Lebensmittel und sogar Möbel. Quelle: Juist Marketing
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Juist

Trapp-trapp, trapp-trapp. Die Pferdehufe klappern weit hörbar durchs Dorf – so still ist es hier. Kutscherin Hilke Nanninga lässt ihre beiden schweren Warmblüter vorschriftsmäßig im Schritt zuckeln. So schaffen Molly und Lady in der Stunde gerade mal fünf Kilometer. Das Tempo passt zu Juist, vielleicht besser noch als das der Radfahrer, die das Gespann überholen.

Pferde wie Kutscherin lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. „Manche Gäste denken, auf einer autofreien Insel müssen sie gar nicht auf den Verkehr achten“, sagt die sonnengebräunte 41-Jährige, ohne den Blick vom gepflasterten Weg zu wenden. Als die Kutsche leicht über einen Gully rumpelt, klingt selbst das wie Lärm.

Das Bild der besonders ruhigen Insel Juist wird nicht zuletzt durch Kutschen geprägt.

Auf der Rückbank der Vis-a-Vis-Kutsche im Nostalgiestil hat Franz Müller mit seiner Frau Annelie Platz genommen. „Wer Ruhe sucht, ist auf Juist richtig“, meint der Rentner aus Datteln. Er hat Enkelin Leandra eine einstündige Runde spendiert. Die Sechsjährige klettert neben Hilke Nanninga auf den Kutschbock.

„Gegenverkehr!“ ruft die junge Pferdeliebhaberin während der Fahrt freudig erregt. Da die Vierbeiner auf Juist nicht nur Gäste und Gepäck, sondern auch Müll, Lebensmittel und sogar Möbel transportieren, kommen immer wieder Gespanne entgegen. Der ältere Gast auf der Rückbank fühlt sich an seine Kindheit erinnert: „Man denkt, die Zeit ist hier stehen geblieben.“

Pferde haben auf Juist Tradition. Schon im 16. Jahrhundert gab es eine Pferdezucht. Rund 50 Gespanne und 100 Pferde gibt es zurzeit. Zu den Alltagspflichten der Bewohner gehört es, deren Hinterlassenschaften von der Straße zu fegen; zusätzlich beschäftigen die Fuhrunternehmer gemeinsam einen Reinigungsdienst. Doch Veränderung gibt es auch auf der Insel.

Im Fuhrunternehmen Schwips, das Nanningas Lebensgefährten gehört, lenken mittlerweile genauso viele Frauen wie Männer die Kutschen und Pferdewagen. Weniger erfreut ist die gebürtige Insulanerin darüber, dass gleichzeitig bei den Inselgästen der Anteil derer gestiegen ist, die den Kutschbetrieb kritisch sehen. „Die rufen dann: ,Die armen Pferde!´“, berichtet sie.

„Dabei sind das doch Arbeitstiere.“ Die Tierschutzauflagen seien innerhalb der letzten zehn Jahre erheblich gestiegen. „Früher kam der Amtstierarzt gelegentlich zur Kontrolle zu uns auf den Hof. Jetzt müssen wir einmal im Jahr auf einer Wiese alle Gespanne vorführen,“ sagt die Kutscherin. Und dann schallen plötzlich – völlig unerwartet – die ersten Takte des „Töwerland-Juist“-Lieds aus dem Handy in ihrer Westentasche. Hinter dem Klingelton steckt ihr Partner, der eine Frage zur Tour hat.

Juist nennt sich „Töwerland“

„Töwerland“ bedeutet Zauberland, Juist schmückt sich mit diesem Namen, der auf einen Seemannsreim zurückgeht. Von Juist gern verzaubern lassen sich solche Urlauber, die sich von im Vergleich zu den anderen Inseln etwas höheren Preisen nicht abschrecken lassen.

„Unter den Gästen sind viele Professoren“, fasst es – durchaus positiv gemeint –Stefan Erdmann zusammen. Der Insulaner ist langjähriger Alleinredakteur der Inselzeitung, die er von seinem Wohnzimmer aus inzwischen als „Juist Net News“ im Internet erscheinen lässt. So weiß er immer, was seine Heimatinsel beschäftigt. Im Gemeinderat werde gerade diskutiert, ob ein Zirkus die Insel besuchen soll, berichtet er.

Häufiger Thema sind die kleinen Schritte zum großen Ziel, „Klimainsel“ zu werden. In Informationsheften der Kurverwaltung werden Urlauber beispielsweise angehalten, mit der Bahn zum Fährhafen Norddeich anzureisen –und wenn es doch das Auto sein müsse, zum Ausgleich vielleicht in einen ökologischen Fonds einzuzahlen. Nicht wenige kommen dennoch sogar per Linienflug von Norddeich zur Insel. Dort liegt der Flughafen weit im Osten. „So haben wir zum Glück keinen störenden Fluglärm“, sagt der Inselreporter.

Juist trennt schon sehr lange den Müll

Manchem Inselbewohner geht das kommunale Klimaprogramm etwas weit. Doch das Grundverständnis ist da. Lange bevor es anderswo in Deutschland üblich wurde, hat Juist Müll getrennt sammeln und verwerten lassen und versucht, ihn möglichst zu vermeiden. Schließlich muss alles für viel Geld mit Schiffen von der Insel geholt und weggeschafft werden.

Natürlich hat sich Juist auch dem von Umweltinitiativen ins Leben gerufenen „Fishing-for-litter“-Programm nicht verschlossen. Urlauber helfen bereitwillig beim Sauberhalten des 17 Kilometer langen feinsandigen Strandes, wenn dort Reste von Fischernetzen oder andere Plastikteile angespült werden.

Fischer gibt es auf Juist nicht. Viele Bewohner haben aber Motorboote im Yachthafen liegen, um unabhängiger von der Fähre zu sein. Die nämlich verkehrt nur ein bis zweimal am Tag zwischen Insel und Festland – ausreichend gutes Wetter vorausgesetzt.

Juist ist die tideabhängigste der Ostfriesischen Inseln. „Ort und Hafen liegen nicht wie bei den anderen Inseln im westlichen Teil, wo es mehr Tiefwasser gibt, sondern in der Inselmitte“, erläutert Erdmann, der außer als Zeitungsmacher auch als Hafenmeister arbeitet. Das Wattenmeer sei dort so flach, dass die Flut jeweils nur ein Zeitfenster von zwei Stunden für die Fähre freigibt. Leichtere Privatboote könnten das Hochwasser länger nutzen.

Der Juister Hafen verschlickt sehr schnell

„Wir Insulaner fahren zum Beispiel mit dem Boot zum Festland, wenn wir da einen Facharzttermin haben“, erzählt Olaf Weers. Er ist Vorsitzender des Segelklubs und findet in dieser Eigenschaft am Juister Hafen nur eingeschränkt Freude.

Der verschlickt nämlich so schnell, dass er sich nur für Boote mit wenig Tiefgang eignet. Ebenso wie der Fährhafen muss der Yachthafen regelmäßig von einem Spezialboot gereinigt werden; demnächst soll zusätzlich eine verlängerte Hafeneinfahrt etwas Abhilfe schaffen.

Der Juister Yachthafen dürfte trotzdem der ruhigste der Ostfriesischen Inseln bleiben. Bei Ebbe liegen die Boote im Schlamm, und wegen der ungünstigen Tide tut sich viele Stunden am Stück an den Anlegern gar nichts.

„Viele Gäste, die mit eigenem Boot angereist sind, wissen gerade diese Ruhe zu schätzen“, meint Weers. Auch die eingeschränkten Fährzeiten hätten ihr Gutes: Sie führen dazu, dass sich nur sehr selten Tagesgäste nach Juist aufmachen – ein entscheidender Grund für die Ruhe, die über der Insel liegt.

Fast wäre es vor ein paar Jahren doch ein klein wenig lauter geworden. Eigentlich dürfen dort nur die beiden Ärzte, Feuerwehr und Rettungsdienst sowie die Deichbauer motorbetriebene Fahrzeuge nutzten. Als 2013 ein Spediteur Elektrokarren beantragen wollte, wandten sich mehr als 4000 Insulaner und Gäste mit ihren Unterschriften dagegen. Es blieb bei den Pferdewagen.

Juist

Mit nur 500 Metern Breite ist Juist die schmalste der Ostfriesischen Inseln. Von erhöhten Standorten aus, etwa auf der Düne am Meerwasserbad, ist es möglich, den Blick vom Nordseestrand bis zur Wattseite schweifen zu lassen. Die 17 Kilometer lange Insel wird besonders gern mit dem Fahrrad erkundet, ansonsten prägen Kutschen das Ortsbild. Auf Juist leben rund 1700 Menschen.

Eine Besonderheit ist der inmitten von Dünen gelegene Hammersee, ein Süßwassersee. Durch die sogennante Petriflut von 1651 war die Insel zunächst in zwei Teile getrennt. Zwischen 1770 und 1877 wurde der etwa zwei Kilometer lange Durchbruch zunächst an der Südseite nach und nach zugeschüttet. Erst ab 1928 wurde die zur See liegende Nordseite mit einem Sanddamm geschlossen. Bei einer Sturmflut brach das Wasser 1932 durch den Deich, auf dem überfluteten Gelände entstand der Hammersee.

Die Fähren der Reederei Frisia brauchen von Norddeich aus etwa 90 Minuten. Der Schiffsverkehr nach Juist ist stark tideabhängig, so dass es an manchen Tagen nach Mittag kein Zurück mehr aufs Festland gibt. Eine Ausweichmöglichkeit bieten die Inselflieger.

Ab auf die Insel

Die neue HAZ-Serie „Ab auf die Insel“ nimmt Sie mit in den hohen Norden. Unsere Autorin Gabriele Schulte besucht alle sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln – und berichtet von Strandaktivitäten, beschaulichen Dörfern und quirligen Städtchen, von geruhsamer Fortbewegung mit Kutsche, Fahrrad und Inselbahn sowie den Sorgen der Insulaner um Deiche, Dünen, Häfen und bezahlbaren Wohnraum. Hier lesen Sie alle Teile der HAZ-Serie

Von Gabriele Schulte

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