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Der Norden Langeoog versteht sich als Radlerinsel
Nachrichten Der Norden Langeoog versteht sich als Radlerinsel
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17:48 11.07.2018
Gabriele Schulte Quelle: E-Mail HAZ
Langeoog

Zwischen den Ostfriesischen Inseln liegen manchmal kaum zwei Kilometer, doch sie unterscheiden sich alle in ihrem Charakter. „Jeder findet für sich die Insel, die zu ihm passt,“ meint Peer Agena. Dorthin ziehe es die Menschen dann immer wieder. Der Fahrradverleiher führt an diesem Vormittag 17 Frauen, Männer und Kinder auf Rädern über den Deichweg und vermittelt an den Haltepunkten etwas von der Seele seiner eigenen Insel.

Peer selbst, der am liebsten geduzt wird, hat nach dem passenden Ort für sich nicht lange suchen müssen: Er ist vor 59 Jahren auf Langeoog geboren. Und er ist geblieben, weil er gerade diese Insel auf keinen Fall missen möchte. „Für mich ist das hier die richtige Mischung aus Spiekeroog und Norderney“, sagt Peer. Ein bisschen wie Dorf, ein bisschen wie Stadt – der Mix kommt auch bei vielen Badegästen gut an.

Langeoog habe sich den traditionell guten Zusammenhalt der Bewohner bewahrt, das erzählen auch andere Insulaner. Wenn jemand krank, arbeitslos oder in Trauer ist, seien gleich Nachbarn als Helfer zur Stelle. Etwas Entscheidendes hat sich seit Peers Kindheit dagegen geändert: Dank einer seit 1976 ausreichend tief ausgebaggerten Fahrrinne ist Langeoog nun mehrmals am Tag unabhängig vom Gezeitenwechsel – und somit regelmäßig – erreichbar. Das können nur noch Borkum und Norderney von sich behaupten. Da die Fahrt von Bensersiel zudem kurz ist, zieht es besonders viele nach Langeoog, die schnelle Erholung vom Alltag suchen. In der Hochsaison leisten manchmal 3000 Kurzbesucher den 10.000 Übernachtungsgästen einen Tag lang Gesellschaft. Wenn bald die nordrhein-westfälischen Ferien beginnen, kann es im Ort durchaus trubelig werden. Doch irgendwo in der Weite von Strand, Salzwiesen und Dünenwegen lässt sich immer Ruhe finden.

Auf der langgestreckten Insel Langeoog ist das Fahrrad ein beliebtes Verkehrsmittel.

Schon die Fahrt nach Langeoog entspannt

Markus Zimmermann aus Oldenburg hat schon alle sieben Inseln erkundet. Der Farbengroßhändler hat in Langeoog seinen persönlichen Favoriten gefunden und schwärmt vor allem vom breiten Strand. „Auf dem Weg zur Insel fängt die Entspannung schon an“, sagt der 41-Jährige. Auf den vergleichsweise kleinen Fähren der Schiffahrt Langeoog habe er noch keine ausgefahrenen Ellenbogen beim Kampf um die besten Plätze erlebt. Im Ort angekommen, steigt Zimmermann am liebsten sofort aufs Fahrrad. Er ist nicht der Einzige.

Schon der Name verrät, dass Langeoog lang ist. Weil sich die Insel besonders gut mit dem Rad erkunden lässt, ist die Dichte an Fahrradverleihern enorm. 19 Mitstreiter teilen sich dieses Geschäft mit Peer Agena, der selbst zwei Radläden besitzt und bald einen weiteren übernimmt. E-Räder werden immer beliebter, der elektrische Antrieb erleichtert das Strampeln gegen den Wind. Langeoog versteht sich als Fahrradinsel, doch der Radverkehr schafft auch Probleme. Nicht selten kommt es zu Kollisionen, ab und zu muss sogar der Rettungshubschrauber Verletzte zum Festland bringen. Die autofreien Inseln verbindet, dass Verkehrsregeln dort gern ignoriert werden. Peer, nie um einen Spruch verlegen, spitzt es für Langeoog zu: „Viele lassen anscheinend ihr Gehirn in Bensersiel.“ Da nützt es offenbar nur begrenzt, dass die Kurverwaltung auf der Fähre Broschüren mit dem Appell „Rettungswege freihalten!“ für die Radfahrer auslegt.

Langeooger Ordnungsamt greift durch

Peer hält seine Tourteilnehmer dazu an, auf Straßen rechts zu fahren und bei den Stopps ihre Räder nicht mitten auf dem Weg stehen zu lassen – auf der Insel keine Selbstverständlichkeit. Bis vergangene Woche durften Radfahrer sogar die Fußgängerzone befahren; das allerdings ist nun vorbei. „Es gab viele Beschwerden von Eltern, die wegen der Radfahrer Angst um ihre Kinder hatten, und von älteren Menschen, die sich mit dem Rollator unsicher fühlten“, sagt Katrin Wildenheim vom Langeooger Ordnungsamt. Zusammen mit einer Kollegin hält sie am Anfang der Fußgängerzone Radler an, um auf das Verbot hinzuweisen. Noch gibt es nur eine Verwarnung, ab kommende Woche sollen Uneinsichtige 15 Euro Bußgeld zahlen.

Zum Loog unten beim Ortsstrand dürfen die Radler aber fahren. Dort sind im vergangenen Jahr die Bunten Buden als neuer Blickfang entstanden: Ladengeschäfte mit Holzfassaden in knalligen Farben erinnern an Helgoland und an Fischerhäuser in Schweden. Peer, der gelernter Maurer ist, hat hier kräftig investiert. Nicht nur als Radverleiher, auch als Bauherr spielt der Vater von sechs Kindern auf Langeoog eine bedeutende Rolle.

„Als wir die Idee der bunten Giebel präsentiert haben, stand manchem Ratsmitglied der Mund offen“, erinnert er sich. Inzwischen sei der Neubau eine Attraktion, von der Langeoog-Gäste zuhause erzählen. Früher hatte Peer als Rettungsschwimmer viel mit dem in den Sechzigerjahren entstandenen Vorläufergebäude am Hauptbad zu tun. Der Unternehmer erzählt stolz, dass er sich mit seiner Idee gegen viel Konkurrenz durchgesetzt hat: „Vierzehn Interessenten hatten sich auf die Ausschreibung der Inselgemeinde gemeldet.“

Susanne hat ihr Langeooger Goldschmiedegeschäft einer Nachfolgerin überlassen und gibt jetzt in einer Bunten Bude wöchentlich Kurzkurse ins Bernsteinschleifen. Die laufen so gut, dass die 42-Jährige in der Saison immer wieder Zusatztermine anbietet. Auch ein kleines Bernsteinmuseum wird dort bald entstehen. Susanne nimmt einen goldgelben Klumpen aus einem der Körbe, das Baumharz liegt leicht und warm in ihrer Hand. Besonders fasziniert die gebürtige Rheinländerin, dass Fundstücke bis zu 54 Millionen Jahre alt sein können.

Schatzsucher haben auf Langeoog gute Chancen

„Auf Langeoog haben Schatzsucher gute Chancen, Bernstein zu entdecken“, sagt sie. Besonders bei kräftigem Nordostwind lösten sich Stücke von einem der Insel vorgelagerten Riff. Das Material wird immer mehr zum Schatz – durch chinesische Aufkäufer, die auf die heilende Wirkung von Bernstein setzten, habe sich der Preis innerhalb der vergangenen zehn Jahre verzehnfacht.

Peer hilft bei den Bernsteinschleifkursen mit. Auf den Ostfriesischen Inseln begnügen sich viele Bewohner nicht mit nur einer beruflichen Tätigkeit. Wo es wenige Einwohner gibt, müssen manche auch einfach mehrere Aufgaben übernehmen. Der Vater von sechs Kindern ist eine Art Hansdampf in allen Gassen –und strahlt dabei eine große Gelassenheit aus. Susanne und Peer teilen auch die ausgesprochene Sangesfreude der Langeooger – beim bunten Inselabend stehen sieben Prozent der Langeooger als Chorsänger auf der Bühne. Susanne hat den Gospelchor mit gegründet. Peer ist am Abend vor der Radtour mit dem Shantychor De Flinthörners vor 350 Zuhörern im Haus der Insel als Tenorsolist aufgetreten. Auch einige Teilnehmer seiner geführten Radtour haben ihn dort gesehen: Als Frau verkleidet, mit Netzstrumpfhose.

Langeoog

Auf der autofreien Insel Langeoog stehen der Strand und das Naturerleben im Vordergrund. Mehr als zwei Drittel der Inselfläche stehen als Nationalpark unter Naturschutz. Entsprechend vielfältig ist das naturtouristische Angebot. Im Frühling und Herbst rasten Scharen von Zugvögeln auf der Insel. Langeoog ist zudem ein besonders beliebtes Brutgebiet für Möwen und Gänse.

Rund 1700 Menschen leben auf Langeoog. Bei nur knapp 20 Quadratkilometern Fläche hat die Insel einen 14 Kilometer langen Sandstrand zu bieten. Es gibt 35 Kilometer Rad- und Wanderwege. Die Seebäderschiffe der Schiffahrt Langeoog verkehren mehrmals täglich tideunabhängig von Bensersiel (Kreis Wittmund) aus. Die Fahrt mit Schiff und Inselbahn bis zum Inseldorf dauert eine Stunde.

Ab auf die Insel

Die neue HAZ-Serie „Ab auf die Insel“ nimmt Sie mit in den hohen Norden. Unsere Autorin Gabriele Schulte besucht alle sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln – und berichtet von Strandaktivitäten, beschaulichen Dörfern und quirligen Städtchen, von geruhsamer Fortbewegung mit Kutsche, Fahrrad und Inselbahn sowie den Sorgen der Insulaner um Deiche, Dünen, Häfen und bezahlbaren Wohnraum. Hier finden Sie alle Teile der HAZ-Serie

Von Gabriele Schulte

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