Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Spiekeroog hat das schönste Dorf, aber zu wenige Wohnungen
Nachrichten Der Norden Spiekeroog hat das schönste Dorf, aber zu wenige Wohnungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 12.07.2018
Alte Inselkirche Quelle: NSB Spiekeroog
Spiekeroog

Wer das Hotel „Zur Linde“ betritt oder verlässt, muss sich vorsehen. Ein dicker Ast versperrt den oberen Bereich der Eingangstür. Nils-Uwe Ahsendorf bückt sich unter ihm durch. „Das mache ich immer automatisch“, sagt der Gastwirt schmunzelnd. Stolz blickt er zu seinem mehr als 220 Jahre alten knorrigen Baum hoch. Dabei ist die Linde in vielerlei Hinsicht unbequem. Nicht nur muss zurzeit zweimal am Tag klebriger Blütenstaub – im Herbst Blätter –von der Hotelterrasse gefegt werden; sogar das „erst“ 160 Jahre alte Gebäude wird der raumgreifenden Krone immer wieder angepasst. Aber die Gäste –und der Denkmalschutz –verbeugen sich gern. Schließlich ist die „Linde“ das älteste Gasthaus auf Spiekeroog. Und der Baum trägt dazu bei, dass das Dorf von Bewohnern wie Besuchern zu Recht als „idyllisch“ beschrieben wird.

„Das Haus ist um die Linde herum gebaut“, erzählt Ahsendorf. Der Pächter zeigt alte Fotos von der ursprünglichen Gastwirtschaft und verschiedenen Anbauten – alle gruppieren sich um den Baum. Ahsendorf selbst hat vor einigen Monaten eine Veranda abreißen und ein Stück nach hinten versetzt neu bauen lassen, weil die Linde ans Dach gestoßen war und mehr Platz brauchte.

Spiekeroog hat neben Strand und Dünen ein besonders schönes Inseldorf zu bieten.

Gebaut wurde natürlich im Winter. Der Winter ist auf den Inseln nicht nur die Zeit, in der unumgänglicher Lärm erlaubt ist. Er ist für die Bewohner auch Zeit zur Erholung. Die Sommerferien fangen später an als im übrigen Niedersachsen und sind um zwei Wochen verkürzt, weil die mit den Touristen beschäftigten Eltern in der Hauptsaison wenig Zeit haben. Dafür fallen die Winterferien länger aus. „Anfang Januar ist die Insel fast menschenleer“, erzählt der „Lindenwirt“. Den 50-Jährigen, der auf Spiekeroog aufwuchs, zieht es dann meist in den Süden.

Jennifer Kösters, sie wohnt ein paar Fußminuten entfernt gegenüber vom Inselkino, macht dann lieber Skiurlaub; Schnee fällt auf den Inseln schließlich selten. Die Apothekerin ist vor neun Jahren aus dem Ruhrgebiet mit ihrer Familie nach Spiekeroog gezogen. Sie liebt die Insel nicht zuletzt der Überschaubarkeit wegen. Tochter Frieda wird im August mit nur sechs weiteren Erstklässlern eingeschult, die werden in der Inselschule mit ebenso wenigen Zweitklässlern im selben Raum unterrichtet.

Schüler können auf Spiekeroog sogar Abitur machen

Dem Kindergarten wird Jennifer Kösters aber ein wenig nachtrauern: Die Erzieherin sei „super engagiert“, schwärmt die 40-Jährige, die auch ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte ist. Seit einiger Zeit würden die Kinder drei Mal die Woche auch nachmittags betreut. An Spiekeroog schätzt die Mutter besonders, dass Schüler – dank der privaten Hermann-Lietz-Schule – dort sogar Abitur machen können und nicht wie Kinder von anderen Inseln dafür nach Esens auf dem Festland ins Internat ziehen müssen. Die Dorfschule und das in den Dünen gelegene Privatgymnasium arbeiten in der Mittelstufe zusammen, damit der Übergang nicht so schwer fällt.

Spiekeroogs Gemeinderat kennt keine Parteien. Kösters engagiert sich dort nicht zuletzt gegen die Wohnungsnot. Wohnraum ist auch auf anderen Inseln knapp, doch in einem so kleinen Dorf macht sie sich besonders bemerkbar. „Wohnraum ist hier das Reizthema schlechthin“, sagt die Apothekerin. „Und das spitzt sich weiter zu.“ Der Grund: Eigentümer verdienen wesentlich mehr, wenn sie an Feriengäste vermieten; etliche Häuser werden zudem von betuchten auswärtigen Besitzern als Ferienwohnung genutzt und stehen monatelang leer.

So suchen Gastronomen und andere Arbeitgeber oft vergeblich nach Unterkünften für ihre Angestellten. Pendeln vom Festland aus kommt nicht infrage, denn die Fähre fährt der Gezeiten wegen unregelmäßig –und wetterbedingt manchmal gar nicht. Weil er die Mitarbeiter nicht unterbringen konnte, hat der Betreiber eines Restaurantschiffs am Hafen die Insel sogar vor einigen Monaten ganz verlassen. Sein Schiff liegt mittlerweile in Leer.

Auf Spiekeroog sind Wohnungen sehr schwer zu finden

Im unregelmäßig erscheinenden „Inselboten“ finden sich viele Wohnungsgesuche, aber kein Angebot. Ein Haus zu erwerben, wenn denn mal eins zum Verkauf steht, ist den meisten wegen astronomisch hoher Preise so gut wie unmöglich. Jennifer Kösters hatte das Glück, dass ihr Mann als Mitarbeiter der Kurverwaltung eine Dienstwohnung erhielt. 100 Quadratmeter, rundum Garten – ,,für Spiekerooger Verhältnisse ein Schloss“, sagt sie. Wenn der Arbeitgeber gleichzeitig der Vermieter ist, wie auf Spiekeroog üblich, hat das indes einen Haken: Im Prinzip muss ausziehen, wer die Stelle wechselt oder in Rente geht. Schließlich wird die Wohnung für den nächsten Angestellten gebraucht.

Hinter dem „Inselboten“ baut die Gemeinde zurzeit vier Häuser mit 16 Wohnungen. Sie sollen arbeitgeberunabhängig bezogen werden – und sind bereits alle vergeben. Die Möglichkeit eines weiteren Wohngebiets am Dünenrand wird geprüft, doch der Platz auf der Nationalpark-Insel ist endlich. Wer viel Geld für ein Eigenheim ausgibt, finanziert dies oft über eine Ferienwohnung im Haus. „Das würde ich auch in Kauf nehmen“, sagt Kösters. „Das Leben auf der Insel ist teuer.“

Trotzdem wird sie nicht müde, von ihrer beschaulichen Wahlheimat zu schwärmen: „Man fällt aus der Haustür in die Natur.“ Es gebe wenig Ablenkung durch Konsum. „Und man bekommt nicht das Gefühl, ständig irgendwo anders hin zu müssen.“ In den vergangenen Jahren habe es mehrere junge Familien nach Spiekeroog gezogen, ebenfalls „ökologisch angehaucht“ und interessiert an einer intakten Dorfgemeinschaft. So sei das einzig Zeitaufwändige auf der Insel das Einkaufen, scherzt die Apothekerin: „Da muss man immer eine halbe Stunde länger einplanen, für den Plausch auf der Straße.“

Spiekeroogs Dorfgemeinschaft ist ausgezeichnet

Auch Heimatvereinsvorsitzender Dieter Mader, der ein paar Gärten weiter Kaffeegäste zu seinem 73. Geburtstag erwartet, beschreibt das Zusammenleben als ausgezeichnet. „Jeder, wird herzlich aufgenommen“, sagt er. Man dürfe sich bloß nicht verschließen. Der Insulaner ist auf Spiekeroog so etwas wie ein wandelndes Lexikon. Gern führt er Besucher, die mehr als den unverbauten Strand sehen wollen (und das sind auf dieser Insel die meisten), durch die schmalen Gassen mit den dunkelgrünen Giebeln und liebevoll bemalten Türen. Besonders gern erzählt er die Geschichten von Insulanern, die früher Schiffbrüchigen mit Ruderbooten aus Seenot halfen: „Meine Urgroßvater und Großvater waren dabei.“

Selbstverständlich weiß Mader auch, warum es der Linde beim Hotel „Zur Linde“ schon so lange so gut geht. Das habe nichts damit zu tun, dass eine frühere „Lindenwirtin“ Stamm und Äste mit Wasser und Bürste schrubbte - vor dem Zweiten Weltkrieg eine nicht unübliche Art der Baumpflege. Vielmehr liege es an den Salzwiesen, auf denen der Ort gebaut worden sei: „Der fruchtbare Boden gibt unseren Bäumen die Kraft.“ Unter der Straße verlaufen zudem Regenwassersickerkanäle, die für ausreichend Wasser sorgen.

Auch Nils-Uwe Ahsendorf rechnet sich für seinen Baum eine lange Zukunft aus. Der Gastwirt klingt sehr überzeugt, als er sagt: „Die Linde wird mich auf jeden Fall überleben.“ Verletzt hat sie im Übrigen seines Wissens noch keinen.

Spiekeroog

Spiekeroog hat das schönste Dorf der Ostfriesischen Inseln zu bieten. Das liegt vor allem daran, dass der etwas erhöht liegende Ort seit 1570 nie aufgrund einer Sturmflut verlegt werden musste. Schmale Gassen, denkmalgeschützte Häuser und die kleine Inselkirche von 1696 verleihen Spiekeroog, das nur knapp 800 Einwohner zählt, seinen beschaulichen Charakter.

Für Besucher gibt es ein anspruchsvolles Veranstaltungsprogramm mit Konzerten, Lesungen und Vorträgen. Das renovierte Inselkino zeigt ganzjährig Klassiker und neue Filme.

Die autofreie Insel weist in puncto Verkehrsmittel eine Besonderheit auf: Scharen von Radfahrern sind nicht erwünscht. Deshalb gibt es auf der Insel keinen Fahrradverleih; der Transport eigener Räder mit der Fähre wird bewusst teuer gehalten. Auch für die Bewohner gelten in der Saison Radfahrbeschränkungen. Auf diese Weise können sich Spaziergänger ganz ungestört auf der Insel bewegen. Sie finden neben 15 Kilometern Strand auch eine abwechslungsreiche Dünenlandschaft und kleine Wäldchen vor.

Die drei Fahrgastschiffe nach Spiekeroog verkehren ab Neuharlingersiel (Kreis Wittmund) mehrmals täglich, die Zeiten sind abhängig von der Tide. Die Überfahrt dauert etwa 45 Minuten. Vom Anleger auf der Insel sind es zu Fuß nur wenige Minuten zum Dorf. Für den Gepäcktransport gibt es Bollerwagen.

Ab auf die Insel

Die neue HAZ-Serie „Ab auf die Insel“ nimmt Sie mit in den hohen Norden. Unsere Autorin Gabriele Schulte besucht alle sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln – und berichtet von Strandaktivitäten, beschaulichen Dörfern und quirligen Städtchen, von geruhsamer Fortbewegung mit Kutsche, Fahrrad und Inselbahn sowie den Sorgen der Insulaner um Deiche, Dünen, Häfen und bezahlbaren Wohnraum. Hier finden Sie alle Teile der HAZ-Serie

Von Gabriele Schulte

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zwei Elbfähren im Landkreis Lüchow-Dannenberg haben wegen extremen Niedrigwassers ihren Betrieb eingestellt. Derzeit liegt der Pegel der Elbe in Neu Darchau bei 85, in Gorleben lediglich bei 72 Zentimetern.

09.07.2018

Ein 19-Jähriger aus Barsinghausen ist im Schaumburger Land mit einem Auto vor der Polizei geflüchtet. Die Verfolgungsjagd in der Nacht zu Montag endete in Stadthagen mit einem Unfall.

09.07.2018

„Über Stunden kein Zug“: Seit mehreren Wochen führen zahlreiche Krankheitsfälle von Lokführern in Südniedersachsen zu Zugausfällen. Betroffen ist unter anderem die Regionallinie Göttingen-Nordhausen.

09.07.2018