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Der Norden Land reaktiviert Bahnstrecken
Nachrichten Der Norden Land reaktiviert Bahnstrecken
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20:04 08.10.2018
Notwendige Brückensanierungen haben die Reaktivierung der Bahnstrecke Einbeck-Salzderhelden verzögert. Quelle: Ilmebahn
Hannover

Das Versprechen steht seit Jahren: 2013 startete die damals rot-grüne Landesregierung ein Auswahlverfahren, um stillgelegte Bahnstrecken in Niedersachsen zu reaktivieren. Am 9. Dezember soll es nun so weit sein: Als Erste geht die gut vier Kilometer lange Verbindung zwischen Einbeck und dem Ortsteil Salzderhelden im Kreis Northeim wieder in den Regelbetrieb. Einer, der sich besonders freut, ist Christian Gabriel, Geschäftsführer der im Ort ansässigen Ilmebahn –sie baut den Fahrweg für die DB Regio und ist gerade mit den letzten Feinheiten an Weichen und Wartehäuschen beschäftigt. „Hier läuft jetzt alles nach Plan“, sagt Gabriel. „Das sind ganz wichtige 4,4 Kilometer.“ Denn mehrmals am Tag werde das 36 Kilometer entfernte Göttingen direkt angefahren – deutlich schneller als mit dem Auto, in nur 30 Minuten.

Zuvor hatte es mehrfach Verzögerungen gegeben, da Brücken über Leine und Ilme von Grund auf saniert werden mussten und auch noch Hochwasser dazwischen kam. Ursprünglich war der Betrieb schon für Dezember 2017 geplant. Ende Oktober will die Bahn mit Probefahrten auf der dann wieder durchgängig befahrbaren Strecke beginnen, dem Regelbetrieb ab Dezember sollte dann nichts mehr im Weg stehen. Nicht zuletzt Pendler und Studenten warten ungeduldig darauf. Eine gute Verbindung wird garantiert. Denn für alle reaktivierten Strecken verpflichtet sich das Land, im Stundentakt eine Anbindung für die nächsten 20 Jahre bereitzustellen.

Nächste Reaktivierung bei Bad Bentheim

Im ersten Halbjahr 2019 soll die mit 28 Kilometer deutlich längere Bahnstrecke von Bad Bentheim über Nordhorn nach Neuenhaus folgen. Sie hatte im Auswahlverfahren des Landes, das grundsätzlich Dreiviertel der Investitionskosten übernimmt, ebenfalls aussichtsreich abgeschnitten. Nach Angaben des Verkehrsministeriums in Hannover waren damals 74 mögliche Strecken gemeldet, 28 davon gründlich und acht besonders umfangreich auf Kosten und Nutzen überprüft worden. Grundsätzlich sei eine Reaktivierung weiterer Strecken möglich, sagt eine Sprecherin von Minister Bernd Althusmann (CDU): „Voraussetzung ist allerdings immer, dass sie wirtschaftlich sinnvoll ist.“

Der Verkehrsclub Deutschland macht verschiedene Vorschläge – etwa eine Verbindung zwischen Eystrup und Syke (Kreis Diepholz). „Wir wollen eine Reaktivierung im Rahmen einer integrierten ländlichen Planung“, sagt Bahnexperte Wolfgang Konukewitz. Die Themen Kultur und Tourismus etwa müssten stärker einbezogen werden, das standardisierte Auswahlprogramm des Landes sei für Ballungsräume geschaffen: „Der ländliche Raum ist vernachlässigt worden.“

Auch Bahnhöfe werden wieder eröffnet

Profitieren können kleine Orte von der Wieder- oder Neueröffnung stillgelegter Bahnhalte, die Teil des Landesprogramms ist. In den kommenden Jahren sollen in Niedersachsen bis zu 32 Stationen eingerichtet werden. Hierbei ist nach Angaben des Ministeriums vor allem Jaderberg an der Strecke Oldenburg-Wilhelmshaven schon sehr weit. In Kirchlinteln (Kreis Verden), das ursprünglich den Anfang machen sollte, kam es zu Verzögerungen, weil die Gemeinde lange vergeblich mit einem Grundstückseigentümer um einen möglichen Parkplatz verhandelte. Der neue Bahnhalt liegt zentraler am Ort als früher. „Inzwischen haben wir einen guten Kompromiss gefunden“, sagt Bürgermeister Wolfgang Rodewald. Bis die Züge zwischen Visselhövede und Langwedel nicht mehr an Kirchlinteln vorbeirauschen, werde es aber wohl noch fünf Jahre oder länger dauern. „Dann können wir in einer knappen halben Stunde am Bremer Hauptbahnhof sein.“

Viele Trassen sind jetzt Radwege

Auf vielen ehemaligen Bahntrassen wurden beliebte Rad- und Fußwege eingerichtet –zum Teil mit Fördergeld der EU. „In der Regel verlaufen sie nur auf einem Teilstück der Strecke“, sagt der Hildesheimer Philipp Herrlich, der sich intensiv mit den stillgelegten Strecken beschäftigt . „An anderen Stellen ist die Bahntrasse überbaut oder abgetragen und die Wege werden von der Trasse heruntergeführt.“ Wenn die Radwege nur einen Teil der Trasse „freihalten“, mache dies Reaktivierungen schwierig. Schöne Beispiele einer Umwandlung in Radwege fänden sich etwa zwischen Lamspringe und Bad Gandersheim mit dem „Skulpturenweg“ und auf der einstigen Bahnstrecke Barntrup-Hameln.

Eine umfangreiche, nach Bundesländern gegliederte Übersicht findet sich auf der Internetseite von Achim Bartoschek. Der Leverkusener meint: „Bei der geografischen Verteilung der Bahntrassenradwege Niedersachsens fallen zwei Schwerpunkte im Nordwesten und Südosten ins Auge.“ Zwischen Leer und der Nordseeküste bei Esens-Bensersiel wurde der Großteil einer Kleinbahnstrecke zum heutigen Ostfrieslandwanderweg. Dies sei mit knapp 70 Kilometern einer der längsten Bahntrassenwege Deutschlands, verstehe sich allerdings mehr als Wanderweg. Im Umland des Harzes gibt es zahlreiche, meist kürzere Wege - unter anderem von Wulften in Richtung Duderstadt.

Einer der wichtigsten innerstädtischen Bahntrassenwege Deutschlands befindet sich in Braunschweig. Das Ringgleis beschreibt einen Bogen um den Norden und Westen des Stadtzentrums und soll es in einigen Jahren unter Einbeziehung bahnparalleler Abschnitten komplett umschließen.

Nicht jeder Gewinner des Auswahlverfahrens um Strecken hat indes Interesse an einer erneuten Bahnverbindung. Salzgitter, das für eine gut zwei Kilometer lange Verbindung zwischen Lebenstedt und Fredenberg den Zuschlag bekam, winkte dankend ab. „Das hätte viel Aufwand bei zu wenig Nutzen gebracht“, erläutert eine Stadtsprecherin. Die Stadt habe statt dessen die Busverbindung zwischen den dicht nebeneinander liegenden Ortsteilen verbessert.

Lüneburg gibt Gutachten in Auftrag

Dagegen hat sich die Sache in Lüneburg anders herum entwickelt. Dort hatte man ursprünglich abgelehnt, als sowohl die Bahnstrecke nach Bleckede wie auch die über Amelinghausen nach Soltau im Gespräch waren. Der damalige Landrat argumentierte mit Kostengründen. Mittlerweile ist der Wunsch nach Reaktivierung aber sogar so stark gewachsen, dass der Landkreis sogar gerade ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben hat. Zuvor hatten Eisenbahnfreunde mit einer Probefahrt demonstriert, was möglich ist. Ein Arbeitskreis zur Bahnreaktivierung wurde gegründet. „Hier weht ein beeindruckender neuer Wind“, meint der Erste Kreisrat Jürgen Krumböhmer. Grund seien nicht zuletzt Probleme mit dem Autoverkehr in den engen Altstadtstraßen. Allerdings haben sich auch bereits Anlieger gemeldet, die mit einer Reaktivierung von Strecken nicht einverstanden sind.

Der Landkreis hat angeregt, über die bisherige standardisierte Bewertung hinausgehende Komponenten – etwa die künftige Siedlungsentwicklung – zu untersuchen. Durch die Landesnahverkehrsgesellschaft ist das Land in dieses Bewertungsverfahren eingebunden und begleitet den Prozess über einen Lenkungskreis. Gleichzeitig verfolgt das Verkehrsministerium mit Interesse die Entwicklung in Hessen, das gerade an neuen Standards für Bahnstrecken im ländlichen Raum arbeitet. „Hiervon und von einem Gutachten des Bundesverkehrsministeriums erhofft sich Niedersachsen weitere Impulse für mögliche ergänzende Bewertungsmaßstäbe“, sagt Althusmanns Sprecherin: „Realistisch gesehen kann davon ausgegangen werden, dass ein solches abgestimmtes modifiziertes Bewertungsverfahren in etwa zwei Jahren vorliegt.“ Auf dieser Grundlage wäre dann eine breiter angelegte zweite Untersuchung möglicher Strecken für die Reaktivierung möglich.

Probleme durch Bauarbeiten?

Doch zunächst Einbeck-Salzderhelden. Der Fahrgastverband Pro Bahn, der die Reaktivierung unterstützt, fürchtet bei aller Freude nun eins: Die versprochenen durchgängigen Züge nach Göttingen könnten gleich im kommenden Jahr monatelang den Bauarbeiten an der parallelen ICE-Strecke Hannover-Göttingen zum Opfer fallen. Zwischen Mitte Juni und Mitte Dezember nämlich will die Bahn Fernzüge auf die jetzt schon gut ausgelastete alte Strecke durchs Leinetal umleiten. „Ein Teil der Regionalzüge wird deshalb ausfallen“, sagt Pro-Bahn-Vorsitzender Björn Gryschka.

Von Gabriele Schulte

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