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Der Norden Schimpanse Robby wartet auf sein Urteil
Nachrichten Der Norden Schimpanse Robby wartet auf sein Urteil
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10:54 28.09.2018
Klaus Köhler, Direktor des Zirkus "Belly", spielt mit dem Schimpansen "Robby". Seit mehr als 40 Jahren lebt das Tier im Zirkus. Quelle: dpa
Lüneburg

Wo ist der beste Platz für einen Schimpansen, der seit mehr als 40 Jahren ohne Artgenossen lebt? „Robby gehört zur Familie, er ist mein siebtes Kind, für ihn gibt es keinen besseren Platz auf der Welt“, sagt Zirkusdirektor Klaus Köhler. „Robby führt ein trostloses Leben, er wurde vermenschlicht und hatte noch nie adäquate Sozialpartner“, sagt hingegen Yvonne Würz von der Tierrechtsorganisation Peta. Am 8. November entscheiden die Richter des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg über das Schicksal des wohl letzten Menschenaffen in einem deutschen Zirkus.

Seit mehr als 40 Jahren lebt der Schimpanse Robby ohne Artgenossen in seiner Nähe.

Robby erhielt Ausnahmeregelung

Laut einer Leitlinie des Bundesagrarministeriums aus dem Jahr 1990 sind keine Menschenaffen mehr in Zirkussen zu halten. Der für den „Circus Belly“ zuständige Landkreis Celle gewährte über Jahrzehnte für Robby eine Ausnahmegenehmigung. Im Herbst 2015 ordnete die Behörde jedoch an, dass der Affen abgegeben werden muss. Köhler reichte Klage ein. Das Verwaltungsgericht Lüneburg entschied im Frühjahr 2017, dass Robby in einer Auffangstation für gequälte Schimpansen in den Niederlanden das Leben unter Affen lernen soll. „Dort sind geistig kaputte Tiere“, meint Köhler. „Ich empfinde es, als ob mir mein gesundes Kind weggenommen und in eine Nervenheilanstalt gebracht werden soll.“ Mindestens bis zur Entscheidung im Berufungsprozess bleibt der etwa 47-jährige Affe in seiner gewohnten Umgebung.

Über die Jahre haben sich Köhler und Robby äußerlich angeglichen. Beide werden grau und haben am Bauch ein paar Kilo zu viel. „Hallo, mein Schatz! Komm zu Papa!“, ruft der 70-Jährige, als er auf dem Platz in Visselhövede Robbys Wagen betritt. Der 1,50 Meter große und rund 75 Kilo schwere Affe legt seinen Arm um seine engste Bezugsperson, ordnet Köhlers lichtes Haar und versucht, in dessen Nase zu pulen. „Lass das, setz dich auf deinen Stuhl“, ordnet der Tierlehrer an. Robby gehorcht und trinkt seine Milch. Danach darf er noch eine Packung mit Leckerli für Hund Ted öffnen, der ihm täglich mehrere Stunden Gesellschaft leistet.

Peta kritisiert Zirkus

Für Peta ist Robby der Inbegriff eines leidenden Zoo- und Zirkustiers. Sein Wagen und Außengehege seien viel zu klein. 2011 startete die Organisation die Kampagne „Rettet Robby“.

Auch die Bremer Tierärztin Alexandra Dörnath will Robby retten - sie glaubt aber, dass eine Herausnahme aus dem Zirkus sein Todesurteil wäre. „Robby ist unumkehrbar auf den Menschen fehlgeprägt. Er zeigt aber keine Verhaltensstörung und leidet auch nicht“, sagt die Veterinärin, die ihre Doktorarbeit über die Ruhigstellung von Gorillas in Zoos schrieb. Dörnath hat Robby 75 Tage lang an verschiedenen Orten beobachtet. Ihre Forschungsergebnisse stellte sie auf einem internationalen Primatenkongress vor. Die Sachverständigen, auf deren Gutachten das Verwaltungsgerichtsurteil fußt, seien keine Menschenaffenexperten, sagt die Tierärztin.

Entscheidung im November

Dörnath will auch die OVG-Verhandlung am 8. November verfolgen. Peta-Fachreferentin Würz hofft darauf, dass die Entscheidung der ersten Instanz, Robby aus dem Zirkus zu holen, bestätigt wird. „Ich kämpfe weiter für Robby, ich schöpfe alles aus“, sagt Köhler dazu. Er fragt sich, warum die Richter nicht selbst vorbeikommen, um sich ein Bild zu machen. „Ich habe das Vertrauen in die Richter verloren“, sagt das Oberhaupt der Zirkusfamilie, die seit 350 Jahren mit ihren Tieren umherzieht.

Lamas, Kamele, Pferde, Schlangen und Alligatoren sind es derzeit. Seine Löwen und Tiger hat Köhler 2017 abgegeben. Der Deutsche Tierschutzbund fordert seit Jahren ein generelles Wildtierverbot in Zirkussen. Der Bundesrat forderte zuletzt 2016 die Bundesregierung auf, dieses in vielen EU-Ländern bereits bestehende Verbot, per Verordnung umzusetzen.

Im Küchenwagen, wo Waltraud Köhler für Kinder und Enkel kocht, stehen gerahmte Fotos der Vorfahren und der Familie mit ihren sechs Kindern. Neben einem Bild von Klaus Köhler und dem jüngsten Enkel steht ein Foto von Robby und Köhler beim Malen. Dörnath hatte Fingerfarben und Pinsel mitgebracht, um dem Schimpansen eine weitere Beschäftigung anzubieten. Robby zieht den Pinsel vor. Er sei sehr reinlich, betont sein Besitzer. Der Schimpanse schöpft gern aus einem Eimer Wasser und wäscht sich sorgfältig Gesicht und Hals.

Robby hat auf Auftritte keine Lust

„Er war ein ganz guter Akrobat“, erinnert sich der Zirkuschef. Bei den Vorstellungen trat Robby früher im Anzug auf, machte Handstand, lief auf Stelzen und auf einer Kugel. Zuletzt düste er auf einem Roller durch die Manege und spielte Basketball mit Zuschauern. Kurzzeitig hatte das Veterinäramt Celle ein Auftrittsverbot ausgesprochen. Der Schimpanse dürfe nicht mehr zur Schau gestellt werden, hieß es. Mittlerweile ist dieses Verbot aufgehoben - wohl auch weil die Begegnungen mit Menschen dem ohne Artgenossen lebenden Affen Abwechslung bieten. Doch bei den Vorstellungen ist Robby zurzeit nicht dabei. Nach Köhlers Überzeugung hat er darauf im Moment keine Lust, zwingen könne man ein Tier zu gar nichts.

Der Schimpanse wurde in einem Zoo geboren und mit der Hand aufgezogen. Laut Circus Belly kam er 1975 als Vierjähriger in die Familie und saß bis zum Alter von etwa 20 mit den eigenen Kindern am Küchentisch. Die Lebenserwartung eines Schimpansen in Gefangenschaft liegt bei etwa 50 Jahren. Robby ist nach Zirkusangaben jetzt 47.

Ist der Schimpanse zu alt, um sich an Affen zu gewöhnen?

Der vom Gericht beauftragte Gutachter sieht für Robby gute Chancen für seine Vergesellschaftung mit anderen Schimpansen. Peta zufolge hat die erfahrene niederländische Auffangstation AAP bereits zahlreiche Tiere aus Zirkusbetrieben in Sozialgruppen integriert. Die Tiere würden behutsam aneinander gewöhnt, betont Würz. Der Wildtierarzt und Direktor des Zoos Osnabrück, Michael Böer, hat Robby auch begutachtet und meint dagegen, dass der kastrierte Menschenaffe nicht mehr an Artgenossen zu gewöhnen sei.

Robby sitzt an diesem stürmischen Tag in seinem Wagen und betritt das Außengehege nicht. Ihm sei es zu windig, sagt Köhler. Der Affe hockt vor den Gitterstäben, beobachtet den Aufbau des großen Zeltes und schaut, was sich bei den Kamelen und Ponys tut. Als Köhlers Schwiegertochter vorbeikommt, dreht Robby ihr den Rücken zu. „Kraul mich!“, heißt das. Der Zirkusdirektor legt sich in eine Hängematte - hier hält er manchmal seinen Mittagsschlaf. Robby nimmt seine Hand und schaukelt ihn.

Von RND/dpa

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