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Der Norden So wollen Schulen gegen sexuelle Gewalt vorgehen
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18:58 15.08.2018
Fordert Verhaltenskodex: Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
Hannover

Niedersachsen ist jetzt als zehntes Bundesland Teil einer deutschlandweiten Initiative unter der Überschrift „Schule gegen sexuelle Gewalt“. Der Startschuss fällt am Donnerstag auf einer Fachtagung unter Beteiligung von Johannes Wilhelm Rörig, dem Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, und Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) in Hannover. Ziel ist es nicht nur, sexuelle Übergriffe in Schulen zu verhindern, sondern auch, die Schulen zu Schutzorten für Kinder zu machen, die mit Missbrauch konfrontiert werden.

Im Grunde, sagt Rörig, müsse jede Schule einen Verhaltenskodex ausarbeiten: Ist es okay, wenn Lehrer Schüler nach einem Sportturnier umarmen? Der Missbrauchsbeauftragte meint: im Prinzip ja, eine solche Geste dürfe aber nicht für sexuelle Berührungen genutzt werden. Dürfen Lehrer Schüler zu sich nach Hause einladen? Rörig sagt: im Prinzip ja, es müsse aber fachlich begründet sein und sollte der Schulleitung gemeldet werden, dann gibt es keine Heimlichkeiten. Sind Fotos im Sportumkleideraum erlaubt? Rörig sagt: nein. Und was ist, wenn ein Sportlehrer ein Mädchen unabsichtlich am Po berührt? Entschuldigen, sagt Rörig. Der Schulleitung Bescheid sagen.

Rörig lobt, dass es in Niedersachsen als bislang einzigem Bundesland eine „Anlaufstelle für Opfer und Fragen sexuellen Missbrauchs“ (erreichbar unter Telefon (0511) 120-7120 oder anlaufstelle@mk.niedersachsen.de) gibt. Dort sind im vergangenen Jahr 145 Hinweise wegen möglicher sexueller Übergriffe eingegangen. Nach Angaben des niedersächsischen Kultusministeriums war dies die höchste Zahl an Kontaktaufnahmen zu dem Thema seit Gründung der Anlaufstelle im Jahre 2012.

Rörig selbst ist dem Familienministerium in Berlin angegliedert, aber unabhängig. Lehrer, Eltern und Schüler bräuchten konkrete Handreichungen und Fortbildungen in Sachen Prävention, sagt er. Jede einzelne der 30.000 Schulen in Deutschland soll in die Lage versetzt werden, sexuellem Missbrauch entgegenzutreten.

Geld für Beratung nötig

Lehrer und Eltern müssten Anzeichen für Missbrauch wie plötzliche Aggression oder auch plötzlichen Rückzug von Kindern erkennen können, und sie müssen nachschauen, ob die Schule Tätern Möglichkeiten bietet: Sind etwa die Schülertoiletten abschließbar? Achtet auch jemand auf Übergriffe innerhalb der Schülergruppen? Wichtig sei, offen über das Thema zu diskutieren. Das Schweigen begünstige die Täter (und Täterinnen).

Dem will auch Dorina Kolbe entgegenwirken, die niedersächsisches Mitglied im sogenannten Betroffenenrat ist, der dem Missbrauchsbeauftragten Rörig zur Seite steht. Sie gehört zu den 14 Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben und sich in dem Beirat engagieren, damit Kinder besser geschützt werden.

Dorina Kolbe will besonders darauf achten, dass es nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt und die Politik auch wirklich Geld für die nötigen Fachberatungen und Präventionsworkshops zur Verfügung stellt. Rörig sagt, 5000 Euro pro Schule seien nötig.

Jedes Kind solle am Ende wissen, wo es in der Schule Hilfe und Unterstützung bekommen kann, wenn sich ihm jemand zu sehr nähert, auch wenn das im privaten Bereich stattgefunden hat, sagt Dorina Kolbe. Außerdem sei die Vermittlung von Medienkompetenz extrem wichtig: Mit der Digitalisierung und der Verbreitung von Fotos im Netz steige das Risiko des Missbrauchs. „Ich möchte, dass Kinder geschützt aufwachsen“, so Kolbe.

Von Bert Strebe

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