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Der Norden Schlachthof-Mitarbeiter stirbt an Tuberkulose
Nachrichten Der Norden Schlachthof-Mitarbeiter stirbt an Tuberkulose
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21:37 14.12.2018
Ein Arzt zeigt einen Tuberkulose-Fall anhand eines Röntgenbildes. Quelle: dpa
Cloppenburg

In einem Schlachthof in Emstek (Landkreis Cloppenburg) sind mehrere Mitarbeiter an Tuberkulose (TBC) erkrankt. Von aktuell drei Betroffenen sei ein Patient, ein 41 Jahre alter Mann, bereits gestorben, teilte der Landkreis am Freitag mit. Von dem im Betrieb verarbeiteten Fleisch gehe nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse kein Infektionsrisiko aus, erklärte die Behörde. Dennoch habe der Betreiber Vion entschieden, zur Erhöhung der Produktsicherheit eine Pflicht zum Tragen von „Astrohauben“ mit Mundschutz einzuführen. TBC ist eine weltweit verbreitete, ansteckende Erkrankung. Alle betroffenen Arbeiter sind nach Angaben des Landesgesundheitsamtes Rumänen. Auch bei einem anderen Schlachtbetrieb im Kreis Cloppenburg gibt es nach Angaben des Landkreises den Verdacht auf Tuberkulose.

Bereits im Februar dieses Jahres hat es, wie jetzt bekannt wurde, in dem Betrieb in Emstek einen Tuberkulosefall gegeben. „Der Patient wurde adäquat behandelt und ist aus dem Krankenhaus direkt nach Rumänien ausgereist“, sagte Landkreissprecherin Sabine Uchtmann der HAZ. Die derzeitige Situation stehe damit offenbar nicht im direkten kausalen Zusammenhang.

Acht Wochen „diagnostische Lücke“

Die aktuellen drei Fälle wurden dem Gesundheitsamt des Landkreises im September und Oktober gemeldet. Zwei Patienten kamen ins Krankenhaus, der dritte war nur leicht erkrankt und konnte ambulant behandelt werden. Es sei unverzüglich eine sogenannte Umgebungsuntersuchung durchgeführt worden, potenziell Betroffene in dem Unternehmen wurden erfasst. „Hierbei ist wichtig zu wissen, dass man eine Latenzzeit von acht Wochen abwarten muss, eine diagnostische Lücke, bevor man weitergehende Untersuchungen einleiten kann“, sagte Uchtmann. Insgesamt wurden demnach 96 Personen getestet, 55 positive Befunde wurden mitgeteilt, bei zwölf Testen fehlt noch der Befund. „Die 55 positiv Getesteten werden in der kommenden Woche durch einen Facharzt untersucht und, wenn erforderlich, weiter betreut“, erläuterte die Kreissprecherin. Positiv getestet bedeute aber nur, dass jemand irgendwann im Laufe seines Lebens mit dem Erreger in Kontakt gekommen sei und Antikörper gebildet habe.

Die Krankheit sei allerdings nicht so ansteckend wie andere Erkrankungen, betonte Florian Feil vom Landesgesundheitsamt. „Das Ergebnis bedeutet nicht, dass alle 55 ansteckend sind“, sagte er. Es seien weitere Untersuchungen erforderlich, um eine aktive Tuberkulose auszuschließen. Auch das Landesgesundheitsamt erklärte, dass es jetzt in Cloppenburg keine Gefahr gebe. Problematisch sei das Auftreten von Tuberkolose etwa in Rinderaufzuchtbetrieben, weil die Krankheit auch auf Rinder übertragen werden kann. Von Mensch zu Mensch werde Tuberkulose nur bei mehrstündigem intensivem Kontakt mit einem Erkrankten übertragen.

Hunderte Fälle von Tuberkulose in Niedersachsen

Das niedersächsische Landesgesundheitsamt hatte im Jahr 2017 landesweit 348 Tuberkulosefälle registriert. Die Krankheit ist meldepflichtig. Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Oldenburg machte die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie mit verantwortlich für das Wiederaufleben der in Deutschland lange als besiegt geltenden Krankheit. „Die Leute werden ohne jede Gesundheitsprüfung über Subunternehmer rekrutiert“, sagte er der HAZ. In ihren osteuropäischen Heimatländern sei die bakterielle Erkrankung noch weit verbreitet.

Die Arbeitsbedingungen in den deutschen Schlachthöfen begünstigten dann den Ausbruch der Krankheit, meinte Brümmer, denn das Immunsystem werde durch Kälte und Stress geschwächt. „Außerdem ist die Unterbringung weiterhin vielerorts skandalös“, sagte er; die Enge in den Mehrbettzimmern verstärke die Ansteckungsgefahr. Der Gewerkschaftsvertreter forderte, wieder regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen für Mitarbeiter von Schlachthöfen einzuführen, wie es sie bis in die 1990er Jahre gegeben habe: „Zurzeit gibt es nur noch ganz zu Anfang eine einfache Gesundheitseinweisung.“ Arbeiter, die ernsthaft erkrankten, müssten um ihre Stelle fürchten und würden oft rücksichtslos vor die Tür gesetzt.

Kritik an Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen

Auch die Grünen im Landtag kritisierten die Bedingungen in der Fleischindustrie. „Der Todesfall des Wanderarbeiters ist eine Tragödie, die sich nicht wiederholen darf“, sagte die Fraktionsvorsitzende Anja Piel. Am Umstand, dass osteuropäische Wanderarbeiter mit schlechteren gesundheitlichen Voraussetzungen bei uns ankommen, könne Niedersachsen nichts ändern: „Was diese Landesregierung aus CDU und SPD aber ändern kann, sind die Rahmenbedingungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Wohnsituation dieser Menschen.“

Noch vor der Immunschwächekrankheit Aids ist Tuberkulose nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiterhin die tödlichste Infektionskrankheit der Welt. 1,6 Millionen Menschen starben 2017 an Tuberkulose, wie die WHO in ihrem neuesten Jahresreport berichtet.

Lesen Sie auch: Der aufwendige Kampf gegen Tuberkulose

Von RND/Gabriele Schulte

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