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Mit Hubschraubern und Tränengas in die Schlacht

Anti-AKW-Protest Grohnde Mit Hubschraubern und Tränengas in die Schlacht

Vor 40 Jahren bildete sich ein Widerstand gegen den geplanten Bau des Atomkraftwerks in Grohnde. Bis zu 30.000 Demonstranten reisten aus ganz Deutschland an, um ein Zeichen gegen Atomkraft zu setzen. Allerdings eskalierte die Situation. Polizisten und AKW-Gegner bekämpften sich auf brutale Weise.

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30.000 Demonstranten waren zum Protest angereist.

Quelle: Archiv

Grohnde. Tränengasschwaden, Hubschraubergetöse, Schreie von Verletzten, militärische Befehle – „Das war wie Krieg, da hatte man richtig Angst“, sagt Klaus O., ehemals Ingenieur im Kernkraftwerk Grohnde. Der frühere Preußenelektra-Mitarbeiter meint jene Auseinandersetzungen, die als „Schlacht von Grohnde“ sowohl in die Annalen der Anti-AKW-Bewegung als auch in die Polizeiakten eingegangen sind. Eine Ausstellung in Hameln, die am Freitagnachmittag um 17 Uhr im Hamelner Münster eröffnet wird, beleuchtet noch einmal jene Auseinandersetzungen, die nicht nur um ein Baugelände geführt wurden, sondern um die Zukunft der Kernkraft in Deutschland.

Die Schlacht zwischen Polizisten und Demonstranten am Atomkraftwerk Grohnde ging in die Geschichte ein.

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Grohnde im Weserbergland war in jenen Tagen noch nicht Zielpunkt der sich immer stärker organisierenden Anti-Atomkraft-Bewegung, die damals auch von zahlreichen K-Gruppen unterstützt wurde. Doch bei den K-Gruppen standen eher die Bauplätze Brokdorf in der Wilstermarsch oder Wyhl im Badischen im Visier.

Gewalt von beiden Seiten

So hatte es in Brokdorf bereits am 13. November 1976 eine Auseinandersetzung am Baugelände gegeben, zu der 30 000 Demonstranten aus der gesamten Bundesrepublik angereist waren und die gleichermaßen von Gewalt der Demonstranten wie von Polizeiattacken aus Hubschraubern gekennzeichnet war. „Grohnde hatte damals eine Art Mauerblümchendasein“, meint der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom, der die etwas textlastige Ausstellung mit zahlreichen Augenzeugenberichten und Fotos zusammengestellt hat. Bei der ersten symbolischen Besetzung des Baugeländes Ende Februar 1997 überreichten die Demonstranten – zumeist aus örtlichen Initiativen – den Beamten sogar noch Blumen, bevor sie nach zwei Stunden vom Gelände an der Bundesstraße 83 verschwanden.

Das sollte sich am 19. März 1977 ändern. „Die Polizei hat sich anfangs im Vergleich zu Brokdorf relativ zurückgehalten, auch wenn einige Beamte, vor allem aus dem Hamburger Raum, wegen der Auseinandersetzungen dort eine unheimliche Wut mitgebracht haben“, sagt der 74-jährige Historiker Gelderblom. Er hat versucht, ein rundes Bild von jenen Tagen zu liefern – mit einer „grundsätzlichen Sympathie für den friedlichen Widerstand“. Doch zu diesem Bild gehört auch, dass einige der 20 000 Demonstranten gezielt versuchten, den schweren eisernen Bauzaun um das Gelände des geplanten Atomkraftwerks einzureißen – was schließlich auch trotz des Einsatzes von 17 Wasserwerfern und Hunderten von Rauch- und Tränengasbomben der Polizei gelang.

Mit Ankern, Tauen, Zangen, Stangen und Rohrsägen gelang es den zum Teil gut trainierten Demonstranten, den damals für 1,8  Millionen D-Mark errichteten Zaun auf einer Länge von mehreren Metern einzureißen. „Die Angreifer, die in dichten Tränengasschwaden standen, jubelten“, berichtet der Reporter der „Hannoverschen Allgemeinen“, Dieter Tasch, an jenem Tag. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht bezeichnete diese Demonstranten nur noch als „Verbrecher“.

Auch wenn die „Schlacht“ um die Kernkraft nach Fukushima entschieden ist – die alten Narben sind noch nicht geheilt. So mag Ingenieur O., der seit 1976 in der Weserregion lebt, seinen vollen Namen nicht nennen, weil seine Kinder wegen der Arbeit in Grohnde ziemliche Repressalien erlebt hätten. Die große Masse der Demonstranten, sagt der Mann von der Gegenseite, sei aber friedlich geblieben – „bis auf den harten Kern“.  „Die Bandbreite des Widerstandes war damals viel breiter als man sich das heute vorstellen kann“, sagt Peter Dickel, der nicht nur wegen des Kampfes gegen Brokdorf sein Jurastudium abgebrochen hat und noch heute gegen Atomanlagen im Norden streitet – ob sie nun Brokdorf oder Schacht Konrad heißen. „Für uns war wichtig, dass mit der ,Schlacht von Grohnde’ klar war, dass man nicht einfach Bauplätze für neue Kernkraftwerke schaffen konnte“, sagt Dickel, der die Ausstellung mitorganisiert hat. Sie gibt auch in zahlreichen Augenzeugenberichten das Entsetzen wieder, mit dem völlig friedliche Demonstranten auf die „Schlacht“ starrten, in die sie hineingezogen wurden und in der zahlreiche Demonstranten wie auch Polizisten verletzt worden sind.

Die Genehmigung 
erlischt Ende 2021

Das Kernkraftwerk Grohnde nahm am 1. Februar 1985 seinen kommerziellen Betrieb auf und darf bis zum 31. Dezember 2021 Strom produzieren. Dann endet seine Betriebsgenehmigung. Grohnde liegt von den nächsten beiden Großstädten Hannover und Hildesheim 50 beziehungsweise 39 Kilometer entfernt. Atomkraftgegner fordern immer wieder seine vorzeitige Abschaltung und weisen auf mehr als 200 meldepflichtige Ereignisse hin, die Abweichungen vom normalen Betrieb signalisieren.
Derzeit ist das Kernkraftwerk in der alljährlichen Routine-Revision und wird auf Herz und Nieren überprüft. Ende vergangener Woche musste das Kraftwerk überraschend geräumt werden, weil ein indisches Verkehrsflugzeug ohne Funkkontakt in den Luftraum eingeflogen war. Der Alarm konnte nach eineinhalb Stunden aber wieder aufgehoben werden. Grohnde gehört der Preußenelektra.     

   

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  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
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  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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