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Der Norden Abgeschobene Gazale Salame ist zurück in Niedersachsen
Nachrichten Der Norden Abgeschobene Gazale Salame ist zurück in Niedersachsen
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10:53 04.03.2013
Gazale Salame ist acht Jahre nach der umstrittenen Abschiebung wieder in Niedersachsen. Quelle: dpa
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Hannover

Sonntagmorgen, es geht auf 1.30 Uhr zu, vor knapp zehn Minuten ist Gazale Salame gelandet. Zurückgekehrt im Flieger aus Izmir. Eigentlich ist ihr Mann Ahmed Siala ein Baum von einem Mann. Aber jetzt, kurz vor dem Wiedersehen, macht er sich klein. Den Rücken rund gebogen, seine kräftigen Hände tief in den Taschen der Jeans vergraben, so steht der Fleischer aus Schellerten-Dinklar (Kreis Hildesheim) in der Ankunftshalle des Flughafens in Langenhagen. Neben ihm seine Töchter Armina (16) und Nura (14), in Tränen aufgelöst, dazu ein Pulk von Fernsehteams und Fotografen. Gleich wird Gazale durch die Tür kommen. Mit Ghazi, seinem siebenjährigen Sohn, den er noch nie traf. Und mit Shams, seiner neunjährigen Tochter. Ein Wiedersehen nach acht Jahren. Ahmed Siala weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll.

Es gibt Angehörige der damals schwanger in die Türkei abgeschobenen 33-Jährigen, die es in diesem Minuten leichter haben als ihr Ehemann. Gazale Salames drei Schwestern zum Beispiel. Sie sind mit ihrer Mutter aus Hamm nach Hannover gekommen, warten schon seit einer Stunde. Sie sei noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen wie heute, lässt Salames Mutter Menci einen ihrer Schwiegersöhne übersetzen. Alle großen deutschen Medien haben über den Abschiebefall berichtet. Ohne die Artikel und Filme wäre dieser Tag noch nicht da, meint die Familie. Und erträgt es vielleicht auch deshalb, jetzt nur in der letzten Reihe zu stehen.

Tränen der Freude nach Jahren der Trennung: Nach ihrer umstrittenen Abschiebung ist die Kurdin Salame wieder in Niedersachsen mit Mann und Kindern vereint. Ihr Schicksal stand für eine inhumane Ausländerpolitik.

Es ist kurz nach halb zwei, als Gazale Salame durch die Tür ins Blitzlichtgewitter tritt. Sie strahlt, hat ihren Arm um ihren Sohn gelegt, Tochter Shams geht lächelnd hinterher. Dann fallen sich Gazale Salame und ihre beiden in Deutschland gebliebenen Töchter weinend in die Arme. Ahmed Siala hat seine großen Hände aus den Hosentaschen gezogen. Legt sie Ghazi und Shams auf die Schultern, drückt den Sohn an sich. Und seine Tochter, die ein Jahr alt war, als die Polizei in Dinklar vorfuhr und sie mit ihrer Mutter zum Flughafen brachte.

Was in den folgenden 30 Minuten passiert, hat wenig Privates. Und doch schafft es Gazale Salame, alle zu umarmen. Ihre Schwestern und Schwager, ihre Mutter, ihre Unterstützer aus Hildesheim. Lange liegt sie dem evangelischen Superintendenten Helmut Aßmann im Arm, Pastor Gerjet Harms und seiner Frau. Schließlich Kai Weber, dem Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen. Seit 2006 haben sie an jedem Jahrestag der Abschiebung demonstriert, haben an Hildesheims Landrat Reiner Wegner und Innenminister Uwe Schünemann appelliert, doch noch ein Einsehen zu haben.

Jetzt stürzt sich Niedersachsens neuer Innenminister Boris Pistorius mit einem Blumenstrauß ins Gedränge. Die Szenen seien ihm nahe gegangen, sagt er später. Er verspricht, dass er sich in der Innenministerkonferenz für eine humanere Flüchtlingspolitik einsetzen werde. „Ich hoffe, dass es mir gelingt, solche Fälle in Zukunft auszuschließen. Jeder, der solche Entscheidungen fällt, sollte diese Bilder vor Augen haben.“

Diese Bilder, das sind auch die unter Tränen vorgetragenen Worte der Heimkehrerin. All die Jahre, die Hoffnungslosigkeit und die Enttäuschungen haben Gazale Salame krank gemacht. „Ich habe meine Stärke verloren, ich muss sie für meine Kinder wiederfinden“, sagt sie. Ob Ahmed, ihr Mann, ihr dabei helfen kann, ist ungewiss. Er will es versuchen. Er hat für die Rückkehr gekämpft und ist gerade deshalb nicht in die Türkei gereist, obwohl ihn seine Frau mehr als einmal darum bat. Es hätte für die Familie eben kein Zurück gegeben.

„Gazale komm, lass uns nach Hause fahren“, sagt er schließlich und bugsiert seine Frau und die Kinder aus dem Licht der Öffentlichkeit. Nach Hause, das heißt vorerst zwei getrennte Wohnungen. Salame wird mit ihren jüngeren Kindern in Hildesheim leben, in einer Wohnung, die der Unterstützerkreis für sie organisiert hat und für ein Jahr bezahlt.

Die Familie bricht am Sonntagmorgen gemeinsam zum Empfang in das Paul-Gerhardt-Gemeindehaus auf. Gazale Salame hofft, dass sie schon in der kommenden Woche viel Zeit mit ihren großen Mädchen verbringen kann.

Christian Wolters

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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