Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Wie aus einem Hof eine Aktiengesellschaft wird

Aktionäre unterstützen Biobauern Wie aus einem Hof eine Aktiengesellschaft wird

Verbraucher gründen eine Aktiengesellschaft, mit der sie einem Familienhof aus der Insolvenz helfen - und wollen weitere Biobetriebe unterstützen. Allein in diesem Jahr werden die 230 Aktionäre 600.000 Euro in Betriebe der regionalen Land- und Lebensmittelwirtschaft investieren.

Voriger Artikel
3500 Jahre alter Bronze-Dolch gefunden
Nächster Artikel
28-Jähriger tötet Vater im Streit

Hof Koch: Aktionäre wollen helfen, Ländereien zurückzukaufen.

Quelle: Samantha Franson

Glüsingen. So ganz gehört ihm der Laden nicht mehr - doch Junglandwirt Lennart Koch ist froh, dass es den Hof Koch in Glüsingen bei Lüneburg überhaupt noch gibt. „Hier zu arbeiten, morgens die Hühner beobachten, dann auf den Acker, das macht mich glücklich“, sagt der 25-Jährige. 2013 war der Familienbetrieb durch Schulden, die Kochs Großvater gemacht hatte, in die Insolvenz geraten. Gerettet hat ihn jetzt eine neue Aktiengesellschaft, die vorwiegend aus Biokunden besteht: die Regionalwert AG Hamburg. Die engagierten Verbraucher wollen ihr Modell, Betriebe durch Kauf zu erhalten und zu vernetzen, auf weitere Höfe in Niedersachsen ausweiten. Allein in diesem Jahr sollen 600 000 Euro in Betriebe der regionalen Land- und Lebensmittelwirtschaft investiert werden.

„Hof Koch passt perfekt zur Regionalwert-Idee“, sagt Ulf Schönheim, Vorstand der 2014 gegründeten Bürger-Aktiengesellschaft. Der Glüsinger Familienbetrieb, seit 1972 ökologisch bewirtschaftet, sei zwischen Lüneburg und Hamburg durch seine Marktstände bekannt. Dort bieten Kochs Mutter Andrea und ihr Team unter dem Bioland-Siegel außer Eiern vor allem Gemüse an: Salat, Spinat, Tomaten und Kräuter. Viele der zurzeit 230 Aktionäre, die knapp 2000 Aktien zu je 500 Euro halten, kaufen bei Kochs ein. So stärken sie das Unternehmensziel der nachhaltigen regionalen Land- und Lebensmittelwirtschaft und gleichzeitig ihre Aktien. Nach und nach soll über die „Regionalwert“-Plattform ein Netzwerk aus Handel, Verarbeitern und Gastronomen entstehen, in dem die von der AG unterstützten Betriebe zusammenarbeiten.

Eine 2014 gegründete Aktiengesellschaft rettete Lennart und Andreas Koch Familienbetrieb. So sieht der Alltag der beiden Landwirte also weiterhin aus.

Zur Bildergalerie

In Glüsingen wollen die Aktionäre dabei helfen, die Ländereien von Hof Koch zurückzukaufen. Angesichts hoher Pachtpreise und günstiger Rückerwerbskonditionen sei das wirtschaftlich, meint Vorstand Schönheim. Der 44 Jahre alte Soziologe ist oft auf dem Hof zu Gast und packt auch mal mit an, wenn ein Bottich selbst gekochter Gemüsebrühe oder etwas anderes Schweres zu tragen ist. Der AG-Vorstand entscheidet seit der Übernahme in Abstimmung mit der Familie mit. So wurden die Schafe abgeschafft, die zum Minusgeschäft geworden waren. Unerwünschte Einmischung erlebe er nicht, sagt Landwirt Koch: „Ich bin mein eigener Chef.“ Hätte er Bankkredite in Anspruch genommen, hätte er ebenfalls Rücksprache halten müssen.

Für seine Hühner, Vertreter ruhiger brauner Rassen, die - anscheinend zufrieden - neben den Gewächshäusern nach Würmern picken, hat Koch mobile Ställe aus Holz gebaut. „Eine Eigenkonstruktion“, erzählt er stolz. „Die leeren Ställe kann ich mit dem Frontlader hochheben und auf der Wiese weiterschieben.“ So finden die Tiere stets frisches Gras vor, wenn Koch ihnen morgens die Türen öffnet. Den Aktionären gefällt die Hühnerhaltung in Glüsingen so gut, dass sie bereits auf 1400 Tiere erweitert wurde.

Eine Form solidarischer Landwirtschaft

Die Bürger-Aktiengesellschaft Regionalwert AG versteht sich als eine Form solidarischer Landwirtschaft. Ziel ist es, Betriebe, die Lebensmittel nachhaltig herstellen oder verarbeiten, von Markt und Krisen unabhängiger zu machen. Die Betriebe verpflichten sich zu ökologischen und sozialen Kriterien – etwa die Einstellung von Auszubildenden – und dazu, eng zusammenzuarbeiten. Zu den Aktionären in Hamburg zählen außer Privatkunden Unternehmen wie Budnikowski und Voelkel sowie Stiftungen wie Greenpeace. Vorbild ist die 2006 gegründete Regionalwert AG in Freiburg. Anders als Genossenschaftsanteile sind Aktien nicht kündbar.

Mit Vereinsmitgliedschaften verfolgt bundesweit ein 2011 gegründetes Netzwerk „Solidarische Landwirtschaft“ vergleichbare Ziele. So wird etwa das Gut Adolphshof in Hämelerwald bei Hannover von rund 100 Mitgliedern gestützt. Die privaten Kunden zahlen Mitgliedsbeiträge und tragen das Ernterisiko mit. Ist der Spinat verhagelt, bekommen sie keinen. Gedeiht mehr Salat als üblich, werden Überschüsse an die Mitglieder verteilt. 

Andrea Kochs Marktstände wurden schon zuvor aus der Insolvenzmasse zurückgekauft. „Wir hatten Zettel ausgelegt“, erzählt die quirlige 53-Jährige. „Die meisten Stammkunden waren sehr erschrocken, wie schlecht es dem Betrieb ging und wie dramatisch das war.“ Viele seien daraufhin Aktionäre geworden.

Mit der ebenfalls in Hamburg ansässigen Aktiengesellschaft KTG Agrar, die gerade Insolvenz beantragt hat, sei die Regionalwert AG nicht zu vergleichen, sagt Schönheim. Regionalwert sei nicht börsennotiert, die Aktien würden von namentlich bekannten Aktionären gehalten - allein mit deren Eigenkapital werde gearbeitet, es gebe weder Spekulationen noch zu verzinsende Anleihen. Die Hamburger Regionalwert AG will nun zusätzliche Aktien ausgeben, weiteren Höfen finanziell unter die Arme greifen und anderen helfen, einen Nachfolger zu finden: Als Nächstes stehen in Niedersachsen ein Ackerbaubetrieb mit Backstube bei Stade, ein Betrieb mit Mutterkuhhaltung im Wendland und ein Obsthof im Alten Land auf ihrer Liste.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Der Norden

Finden Sie, dass es momentan zu viele schlechte Nachrichten gibt? Das möchten wir gerne ändern, und zwar mit Ihrer Hilfe. Gemeinsam mit dem NDR, den Kieler Nachrichten, der Ostsee-Zeitung in Rostock und dem Hamburger Abendblatt sammeln wir die guten Nachrichten der Leser und Hörer. Teilnehmer können einen exklusiven Besuch der Elbphilharmonie in Hamburg gewinnen.  mehr

So schön ist Niedersachsen aus der Luft

Von Harz über Heide bis zur Nordsee: Die schönsten Luftaufnahmen von Niedersachsen.

Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
Ein Haus voller Weihnachtsbäume

110 Weihnachtsbäume, 130 Lichterketten und 16 000 Christbaumkugeln: Das Haus von Familie Jeromin in Rinteln im Landkreis Schaumburg erstrahlt in der Adventszeit als kunterbunte Weihnachtswelt.