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Der Norden Das sind die GIs von Osterholz-Scharmbeck
Nachrichten Der Norden Das sind die GIs von Osterholz-Scharmbeck
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02:15 24.09.2017
Von Gabriele Schulte
Vertreibt sich die Wartezeit im Trainingsraum: US- Soldat Christopher Stinson. Quelle: Villegas
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Garlstedt

Ein Schiff soll kommen. Aber wann? „Diesen Sonntag vielleicht“, meint Michael Glatz. „Vielleicht Montag.“ Der Kommandant der Kaserne Garlstedt übt sich in Geduld. Der Nachschub für die amerikanischen Truppen in Polen hätte längst im nahen Bremerhaven eintreffen sollen; ein Hurrikan nach dem anderen am Auslaufhafen in Texas und auf dem Weg rund um Florida hat den Zeitplan allerdings gehörig durcheinandergebracht. Die Fracht, die bei der Abschreckung der Russen zum Einsatz kommen soll, lässt seit fast drei Wochen auf sich warten. In der Kantine der Bundeswehr im Kreis Osterholz-Scharmbeck aber sind schon jetzt wieder Hamburger und Cheeseburger besonders gefragt, und es wird wieder Englisch gesprochen. Rund 100 amerikanische Soldaten, ein Viertel davon Frauen, bereiten zurzeit am Rande des 1000-Einwohner-Dorfes Garlstedt einen Wachwechsel an der Nato-Ostgrenze vor und verändern nebenbei über Wochen den Alltag in der Kaserne.

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So wohnt die US-Army in Garlstedt

Kaserne seit 1992 deutsch

Eigentlich war der Kalte Krieg längst zu Ende. Das jahrzehntelang eisige Verhältnis mit der Sowjetunion hatte dazu geführt, dass die US-Armee sich ab 1975 in Garlstedt nah am feindlichen Ostblock eine Kaserne baute und 1978 eine Brigade aus Texas dorthin verlegte. Auf den niedersächsischen Ort war die Wahl wegen der Nähe zum Seehafen Bremerhaven gefallen. 1992 schien der Spuk vorbei, die Entspannungspolitik hatte sich durchgesetzt, der Ostblock sich aufgelöst. Die Lucius-D.-Clay-Kaserne wurde von Deutschland übernommen und unter demselben Namen zu einer Logistikschule gemacht.

Globales Säbelrasseln 

Gewöhnlich bildet die Bundeswehr in der Kaserne Fahrlehrer und Spezialpioniere aus. Nur Kleinigkeiten wie die Viertelmeilen-Markierung auf dem Sportplatz erinnerten dauerhaft an die amerikanischen Erbauer. Doch nun hat das globale Säbelrasseln wieder begonnen und die Amerikaner kehren schwer bewaffnet nach Garlstedt zurück - diesmal als Gäste der Bundeswehr, zweimal im Jahr für mehrere Wochen. Denn Deutschland hat seit Anfang 2017 die Aufgabe, den Nato-Partner USA bei seinem alle neun Monate vorgesehenen Truppen- und Materialaustausch Richtung Ostfront zu unterstützen.

Panzer-Konvoi

Im Januar wurden Konvois mit 90 Panzern von hier aus auf den Weg gebracht. Dieser Tage nun soll wieder ein Schiff in Bremerhaven ankommen, dessen Fracht in Garlstedt verladen wird. Diesmal hat es außer militärischen Ersatzteilen vor allem Verpflegung an Bord - nicht zuletzt Plastikflaschen mit Wasser. „Wir bringen immer unser Wasser mit zu unseren Einsätzen“, sagt William Freiberg, Chef der amerikanischen Unterstützungskompanie, die seit Anfang September in Garlstedt auf das Schiff wartet. Aus Prinzip und nicht etwa, weil Wasser aus Amerika besser wäre. Die regelmäßig aus den USA herbeigeschafften Flaschen stammen aus Europa, sie wurden aus Quellen in Italien gespeist.

Warten in Garlstedt

Noch sind die Manöver an der Nato-Ostgrenze fern, das Warten in Garlstedt hat etwas von einer Atempause. Christopher Stinson aus Pennsylvania hat sich eine Wasserflasche in den Fitnessraum mitgenommen. Der Tanklastwagenfahrer genießt den Luxus der - auch für Bundeswehrverhältnisse - besonders gut ausgestatteten, frisch modernisierten Lucius-D.-Clay-Kaserne. „Super Möglichkeiten“, schwärmt Stinson. „Ich trainiere hier jeden Tag an die zwei Stunden.“ Wie etliche seiner Kameraden stählt sich der 36-Jährige am liebsten an den Kraftgeräten. Konflikte mit den deutschen Soldaten gebe es daher auch in den Stoßzeiten nicht, erzählt Dana Patz, Chefin der Soldatenbetreuung. „Die Deutschen interessieren sich mehr für die Ausdauer.“

Auch sonst gibt es in Garlstedt wenig Berührungspunkte. „Wir sehen die Amerikaner, haben aber nichts mit ihnen zu tun“, erzählen deutsche Soldaten auf Nachfrage. Während die Bundeswehrangehörigen Fußball und Volleyball spielen, hält sich die Partnernation mit Basketball fit. Gegen die Deutschen Fußball zu spielen, trauten sie sich nicht, scherzt US-Befehlshaber Freiberg: „Die sind uns viel zu gut.“

Schützennadel und Oktoberfest

Auf dem Standortübungsplatz, beim Schießen auf Zielscheiben, findet man gelegentlich zueinander. Nach zwei intensiven Übungstagen können sich die erfolgreichen Teilnehmer mit der Deutschen Schützennadel schmücken; das Thema Krieg kommt hier schon ein bisschen näher. Ins Gespräch gekommen sind junge Männer und Frauen beider Nationen auch beim Oktoberfest in der weiß-blau geschmückten Kantine. Und nicht nur das, wie die amerikanische Zugführerin Catherine Castonguay am nächsten Tag beim Mittagessen berichtet: „Wir haben zusammen getanzt.“ Es spielte keine Blaskapelle auf, sondern ein DJ.

Was das Essen betrifft, hat sich die 22-Jährige mit den Weißwürsten beim Oktoberfest ebenso an Neues gewagt wie mittags im Speisesaal: Kartoffelknödel, Aprikosenquark - beides war ihr unbekannt und hat ihr geschmeckt. Viele der Amerikaner hätten die Klöße aber zurückgehen lassen, erzählt Silke Jung, die Chefin der Truppenküche. Auch die ungewohnten Rouladen hätten nicht bei allen Anklang gefunden. Die Kantinenzeiten in Garlstedt sind für die Gäste erweitert worden.

Die Dankbarkeit der Gäste für die gastfreundliche Aufnahme ist insgesamt groß. Zimmer mit Fernsehgerät und Kühlschrank, sagt US-Kompaniechef Freiberg, seien seine Untergebenen nicht gewohnt: „Wir schlafen oft in Mannschaftszelten.“ Auch am Stationierungsstandort Polen sei das so. Dorthin sind in den vergangenen Tagen schon rund 350 Soldaten aus Kansas mit Bussen gebracht worden, die nach ihrer Landung am Flughafen Hamburg drei Tage in Garlstedt Station gemacht hatten.

Verspätung kommt gelegen

William Freiberg, der mit seiner 100-köpfigen Unterstützungskompanie länger in Niedersachsen ausharrt, stört es nicht, dass sich die Ankunft der Nachschubschiffe wegen der karibischen Wirbelstürme um Wochen verzögert. Vielen seiner Untergebenen geht es ebenso. „Hier komme ich endlich dazu, meine Uniformen zu waschen“, sagt etwa im Waschsalon Patrick Jarvis, Feldwebel aus Missouri. Organisierte Busausflüge nach Bremerhaven und zu einem Einkaufsmarkt in Bremen sind bei den amerikanischen Gästen beliebt.

Der Bundeswehr macht es unterdessen nicht nur das Wetter schwer, sich zeitlich auf die Gäste einzustellen. Auch die Deutsche Bahn hat den mühsam ausgearbeiteten Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie teilte, wie Kasernenchef Glatz berichtet, kurzfristig mit, dass wegen Gleisbauarbeiten bei Bremen keine überbreiten Armeefahrzeuge transportiert werden könnten. „Auch auf der Autobahn wird parallel gebaut“, sagt der Kommandant. Die US-Armee habe deshalb schon eins der drei für Bremerhaven vorgesehenen Schiffe mit Geländewagen und Militärlastwagen nach Danzig umgeleitet. So werde den Soldaten leider die Chance genommen, quer durch Deutschland das Fahren im Konvoi zu üben - manch staugeplagten Autofahrer dürfte das allerdings freuen.

Die dieser Tage in Bremerhaven erwarteten Container sollen von einer Spedition nach Bergen im Kreis Celle gebracht und dort auf Eisenbahnwaggons geladen werden. Anders als im Januar, als eine Sitzblockade von Rüstungsgegnern in Bremerhaven den Abtransport behinderte, werden keine Proteste erwartet. Oberstleutnant Glatz gehört schon von Berufs wegen zu denen, die eine Verlegung der Truppen an die Ostgrenze der Nato für nötig halten. Er wünsche sich eigentlich die Zeit der Entspannung zwischen Ost und West zurück, sagt der 55-Jährige. Aber auf Russlands Provokationen müsse Abschreckung folgen. Frieden sei wichtig, meint der Kasernenchef. „Aber deshalb würden wir Polizei oder Feuerwehr ja auch nicht abschaffen.“

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