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Das Opfer, 
das die Frauen quälte

Fall Höxter Das Opfer, 
das die Frauen quälte

Täter? Opfer? Im Fall von Angelika W. aus Höxter verschwimmen diese Kategorien. Sie lockte mit ihrem Ex-Mann Frauen in ihr Haus und misshandelte sie. Ihr Anwalt rät ihr zu schweigen, 
doch sie schildert gegenüber den Ermittlern emotionslos all ihre Verbrechen. Einblicke in eine abgründige Beziehung.

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"Geh nach oben und mach was": In diesem Haus in Höxter-Bosseborn hat Angelika W. die Opfer gequält und misshandelt. Die Eigentümer wollen es nun abreißen lassen.

Quelle: Jonas Güttler/dpa

Bielefeld. Nur Frieden, so scheint es, war da anscheinend nie. Zeiten, in denen niemand geschlagen, getreten, misshandelt wurde. Für Angelika W., die Frau, die in manchen Zeitungen längst nur noch die "Hexe von Höxter" heißt, gab es demnach in den vergangenen 17 Jahren im Grunde nur zwei Arten von Tagen. Die Tage, in denen jemand im Haus war, den sie quälte. Und die anderen Tage, in denen niemand sonst im Haus war, nur sie und ihr, nun ja, Ex-Mann, Partner, Komplize, Peiniger Wilfried W. "Dann hat er gleich wieder auf mich Maß genommen", so schildert es Angelika W. gegenüber den Ermittlern.

Wobei "Maß nehmen" vieles heißen konnte. Würgen zum Beispiel, einen heißen Duschstrahl auf den Körper richten, in den Unterleib treten. Oder auch die Hand auf eine glühende Herdplatte drücken, das konnte es auch heißen.

Je mehr sie litt, desto stärker quälte sie selbst

Ist es so gewesen? So, wie es die 47-jährige Angelika W. in den Vernehmungen gegenüber der Polizei schildert? Vieles spricht dafür, dass ihre Angaben auch in diesem Punkt verlässlich sind. Mehr als 100 Seiten füllen ihre Aussagen inzwischen. Sie erzählen von 17 Jahren, in denen die herkömmlichen Kategorien von Verbrechen zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Opfer? Täterin? Angelika W. war offenbar beides. Und je mehr sie litt, desto stärker quälte sie selbst.

Die Geschichte von Wilfried W. und Angelika W. ist eine verstörende Geschichte. Weil die beiden, der Kioskbesitzer und die Gärtnerin, so kaltblütig die Arglosigkeit und Bedürftigkeit ihrer späteren Opfer ausnutzten. Hunderte von Kontaktanzeigen gab W. in den vergangenen 17 Jahren auf, um Frauen dann zu sich zu locken, festzuhalten und zu misshandeln. Von acht geschädigten Frauen weiß die Polizei bislang. Zwei starben an den Torturen.

Die Geschichte verstört auch, weil sie sich mitten in der biederen ostwestfälischen Provinz zutrug, in einem unscheinbaren Siedlungshaus in Höxter-Bosseborn, Saatweg 6. Und sie wird nur noch abgründiger, wenn Angelika W. schildert, was in jenem Haus geschah. Was die 47-Jährige gegenüber den Ermittlern der Mordkommission "Bosseborn" ebenso ausführlich wie schonungslos tut.

Verteidiger: "Sie redet sich alles frei von der Seele"

Als geradezu "redselig" beschreibt sie ihr Pflichtverteidiger Peter Wüller. Wüller, ein erfahrener Anwalt, hat ihr anfangs geraten zu schweigen. Niemand, so erklärte er ihr, müsse sich selbst belasten. Doch Angelika W. hörte nicht auf ihn. "Sie redet sich alles frei von der Seele, sie taktiert nicht ansatzweise", sagt Wüller. Ohne ihre Schilderungen etwa wüsste die Polizei wohl längst noch nicht von der ersten Toten, deren Asche sie 2014, mit Splitt vermischt, an Landstraßen verstreuten.

Woher diese Offenheit kommt? "Sie war 17 Jahre kaserniert", sagt Wüller. "Und aus diesem Gepferch ist sie jetzt raus." Die Festnahme Ende April, so schildert er es, war für sie eine Befreiung. Wilfried W. schweigt. Sie aber redet. Irgendjemanden zu schonen, das war für Angelika W. offenbar nie eine Option, weder sich noch andere.

Angelika W. gibt sich die Schuld für ihre Misshandlungen

Es sind, so scheint es, zwei verschiedene Angelika W.s, die den Ermittlern und ihrem Anwalt in den Schilderungen begegnen. Nur ist die eine, das Opfer, zunächst nicht leicht zu entdecken. "W. hat mich geschubst", das ist so ein Satz, den sie in den Vernehmungen immer wieder sagt. Geschubst, das klingt nach einem Streit auf dem Schulhof.

Was sich dahinter verbirgt, müssen die Polizisten mühsam erfragen. Immer wieder, so beschreibt sie es, rammt er sein Knie in den Unterleib. Beißt ihr in die Brust. Drückt ihren Kopf in einen mit Wasser und Schrot gefüllten Eimer. Verbrüht ihren Oberarm mit heißem Wasser.

Und dann gibt es noch das, was er "Decken-Alte" nennt. Dabei wirft er ihr eine Wolldecke über den Kopf und drückt zu. Manchmal nimmt er ein Kissen und setzt sich auf ihren Kopf, bis sie ohnmächtig wird. Die Anlässe? Nichtigkeiten. Dass sie ihm einmal bei einer Antwort nicht in die Augen sieht, endet in stundenlanger Diskussion und Schlägen. Doch Angelika W. scheint jedes Selbstbewusstsein zu fehlen, mit dem sie sich ihm entgegenstellen könnte. Im Gegenteil, sie gibt sich selbst die Schuld. Sie habe die Gewalt provoziert, erklärt sie in den Befragungen. "Hätte ich das gemacht, was er von mir wollte, wäre das nicht passiert."

Angelika W.: "Er hat mich dressiert"

Wann die Misshandlungen begannen? Sie wisse gar nicht, ob das Misshandlungen waren, antwortet sie. "Jedenfalls schon vor der Hochzeit."

Das ist die eine Seite der Angelika W., die Opferseite. Nur führt sie nicht dazu, dass sie auch Mitleid gegenüber ihren eigenen Opfern zeigt. Sie ist es, die die Frauen, die in das Haus in Höxter kommen, genauso foltert, wie sie selbst gefoltert wurde. "Es gibt keinen Zweifel, dass sie selbst der aktive Part bei den Misshandlungen war", erklärt ihr Anwalt.

Nicht mal eine direkte Anweisung brauchte sie dazu. "Geh nach oben und mach was", habe W. zu ihr gesagt, wenn ein Opfer Alarm schlug. Das genügte. "Er hat mich dressiert", erklärt sie bei den Befragungen. Was Angelika W. dann tat, schildert sie Ermittlern und Verteidiger in kalter Offenheit, detailliert, ohne Mitgefühl. Auch, wie sie die Leiche ihres ersten Todesopfers 2014 zerteilte, einfror, verbrannte. "Da fehlt jedes Zeichen von Empathie", sagt Wüller.

Kann man das erklären? Wie jemand, der genau weiß, was es bedeutet, all dies zu erleiden, diese Qualen einfach weitergibt? Ihr Anwalt spricht von "Verrohung". Davon, wie im Alltag der Gewalt offenbar alle Maßstäbe abhanden kamen.

Sex spielte offenbar kaum eine Rolle

Von den wohl mehr als 100.000 Euro, die das bizarre Paar W. seinen Opfern abnahm, will Angelika W. jedenfalls nichts gehabt haben. Das Geld habe Wilfried W. in einer Kassette aufbewahrt. Sie habe sich nur mal für 15 Euro ein Kleid gekauft.

Warum sie bei ihm blieb, trotz allem? Warum sie nicht einfach gegangen ist? Das ist das Rätsel, das auch nach ihren Vernehmungen kaum kleiner scheint. Sex spielte offenbar kaum eine Rolle, auch nicht bei den Misshandlungen. Ob sie ihm hörig sei, wird Angelika W. in den Vernehmungen gefragt. "Es ist mit Sicherheit so, dass ich von ihm abhängig bin", antwortet sie.

Mag sein, dass der Alltag mit Wilfried W. qualvoll für sie war. Einsamkeit war für sie offenbar noch qualvoller. "Ich liebe ihn noch immer", erklärt sie den Ermittlern. Anscheinend besaß Wilfried W. ein großes Geschick darin, die Bedürftigkeiten seiner Opfer für sich zu nutzen. Wenn es stimmt, was Angelika W. schildert, fuhr ihr zweites Opfer von Höxter noch einmal nach Hause – und kam nach sechs Tagen wieder.

In der JVA kann sie zum ersten Mal wieder "beruhigt" schlafen

Bis zu einem Prozess werden noch viele Monate vergehen. Die Ermittler sind wohl noch lange damit beschäftigt, anhand von mehr als 15 im Haus gefundenen Handys und Rechnern zu rekonstruieren, wie viele Opfer es möglicherweise gab. Seiner Mandantin sei klar, dass ihr eine lange Haftstrafe bevorsteht, sagt Anwalt Wüller. Ihre umfassende Aussagebereitschaft sei wohl strafmildernd.

Doch darum geht es ihr offenbar nicht. Als Wüller sie zuletzt in der JVA Bielefeld-Brackwede besuchte, erklärte sie ihm, zum ersten Mal seit Langem wieder beruhigt geschlafen zu haben. Die Vollzugsbeamten schalten das Zellenlicht jetzt nachts aus, sie sehen keine Suizidgefahr mehr.

Das Reden scheint Angelika W. zu befreien. Für ihre Opfer kommt es viel zu spät.

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