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Der Norden Anti-Terror-Einheit soll vor Islamisten schützen
Nachrichten Der Norden Anti-Terror-Einheit soll vor Islamisten schützen
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00:15 14.09.2017
Von Gabriele Schulte
„Der neue Typ Täter denkt nicht in rechtsstaatlichen Kategorien“: Vor allem gegen Terroristen soll eine neue Gruppe von Bundespolizisten vorgehen, die in Uelzen trainiert. Fotos: Heidrich (2) Quelle: Clemens Heidrich
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Uelzen

Für lange Absprachen ist keine Zeit. Im Ernstfall müssen Vince und seine Truppe sich ohne Worte verstehen. Genau so trainieren sie auch. Ein Handzeichen, ein Blick durch die Augenschlitze der Sturmhaube, und die Männer in schwarzer Montur, die ihre Nachnamen in der Zeitung nicht lesen wollen, stehen Rücken an Rücken. Gewehr im Anschlag sondieren sie das eingezäunte Übungsgelände der Bundespolizei am Waldrand bei Uelzen. Sie halten Ausschau nach potenziellen Tätern. Die vier sind Teil einer neuen Anti-Terror-Einheit, die im Ernstfall die GSG 9 und die Sondereinsatzkommandos der Länder unterstützen soll - als eine Art„GSG 9 light“.

49 Männer und eine Frau

Offiziell heißen die anfangs als „robuste Einheiten“ bezeichneten Spezialkräfte „BFE+“, Beweissicherungs- und Fahndungseinheiten mit Zusatzaufgaben. Bundesweit sind in den vergangenen Monaten 250 solcher Polizisten bei rund achtwöchigen Lehrgängen von der GSG 9 bei Bonn ausgebildet worden. 50 davon, 49 kräftige Männer und eine nur 1,70 Meter große, aber sehr sportliche Frau, sind in Uelzen stationiert. Sie sollen zur Stelle sein, wenn Großveranstaltungen, zentrale Gebäude oder Menschenansammlungen von Terroristen heimgesucht werden.

Rasant wird das nicht unbedingt gehen. Uelzen liegt fern aller Autobahnen. „Mit den Sonderrechten für unsere Fahrzeuge können wir aber in einer Stunde in Hannover oder Hamburg sein“, sagt Mario Rungweber, stellvertretender Hundertschaftsführer. Ansonsten würde ein Hubschrauber der Bundespolizei aus Gifhorn die Kollegen abholen. Unter Umständen wären die Beamten ohnehin schon vor Ort. Denn neben ihrem im Alltag fortlaufenden besonderen Training sind sie wie gewohnt bei Bundes­liga-Spielen, Demonstrationen und anderen Großereignissen im Einsatz.

Die neue Ausrüstung, pro Person an die 20 Kilogramm schwer, hat die Einheit für den Notfall immer dabei: besonders schussabwehrende Westen und Helme sowie neben der Dienstpistole das Sturmgewehr G 36 C. Kritiker, unter anderem bei den Grünen, lehnen die schwere Bewaffnung ab und fürchten eine Militarisierung der Polizei. Vince und seine Mitstreiter in Uelzen dagegen meinen, anders seien mit Kalaschnikows und Panzerfäusten kämpfende Islamisten nicht aufzuhalten. „Dieser neue Typ Täter denkt nicht in rechtsstaatlichen Kategorien“, sagt der 31-Jährige. Ihn handlungsunfähig zu machen, um andere Menschen zu retten, sei das Ziel.

Schießübungen, auch mit Farbmunition auf Menschen, machen deshalb einen wesentlichen Teil des Zusatztrainings aus. Auch Täterprofile, Lageeinschätzung und Einsatztaktik spielen eine große Rolle. In abrissreifen Gebäuden, die vom Eigentümer freigegeben wurden, und auf dem nahen Truppenübungsplatz der Bundeswehr proben die Schwarzgekleideten sogar eine Art Häuserkampf.

Sich vom Hubschrauber in Gefahrenzonen abzuseilen und diese zu durchsuchen, bleibt den Sondereinsatzkommandos der Länder vorbehalten sowie der „Grenzschutzgruppe (GSG) 9“ , die 1972 nach dem Münchner Geiseldrama gegründet wurde. „Wir können sie entlasten, indem wir absperren und sichern, Unbeteiligte evakuieren und nach weiteren Tätern Ausschau halten“, erläutert Marco Zack, Leiter der Bundespolizei­abteilung in Uelzen.

Für die Uelzener BFE+ ist der Ernstfall noch Theorie. „Aber leider ist damit zu rechnen, dass er kommt“, sagt Frido. Der 27-Jährige hat sich - wie alle im Team - freiwillig für die Einheit gemeldet. „Wir haben alle die Nachrichten verfolgt“, sagt er. „Wir wollen die Bürger vor Islamisten schützen.“

Training kann schmerzhaft sein

Besondere Angst vor den Risiken habe er nicht. Gefährlich sei der Polizeiberuf immer. In gewisser Hinsicht sei die Spezialeinheit mit ihrer Zusatzausrüstung sogar bessser geschützt und könne die Risiken zudem gut kalkulieren. Für den Bundespolizisten, der 2016 am hannoverschen Hauptbahnhof mit einem Messer lebensgefährlich verletzt wurde, sei der Angriff dagegen völlig unvermittelt gekommen.

Die neue Ausstattung sei wirklich gut, meint auch Sven Hoffmann von der Gewerkschaft der Polizei; auch das bei der Bundeswehr umstrittene G 36 C mache keine Probleme. Hoffmann hatte anfangs bemängelt, dass die Ausbildung der Uelzener Kollegen sich monatelang verzögert hatte; die Kapazitäten bei der GSG 9 in St. Augustin hatten nicht ausgereicht. Nun sei die Sache zufriedenstellend abgeschlossen worden, sagt der Gewerkschafter. Gut sei auch, dass die BFE+-Einheiten weiter ihrem „normalen“ Alltagsgeschäft nachgingen: „So besteht keine Gefahr, dass sie sich elitär abschottet.“

Das Training am Uelzener Hainberg endet an diesem Tag mit einer Übung, die keinem ganz leichtfällt. Die BFE+-Polizisten sind auch als Ersthelfer weitergebildet worden, um etwa nach Schussverletzungen oder Explosionen stark blutende Arme und Beine abbinden zu können - auch bei sich selbst. Vince kneift die Augen zusammen, als er die Binde so straff zieht, dass kein Puls mehr zu spüren ist. Innerhalb von drei Stunden könnte der Arm so noch gerettet werden, und der Verletzte würde nicht verbluten. „Der Schmerz war echt“, verrät er.

Spezialisten an fünf Standorten

Die Bundespolizei verfügt seit Ende August bundesweit über fünf Einheiten mit je 50 Spezialisten für den Anti-Terror-Kampf.
Nach Blumberg bei Berlin, Sankt Augustin bei Bonn, Bayreuth in Bayern und Uelzen wurde zuletzt die „BFE (Beweissicherungs- und Festnahme-Einheit)+“ im nordhessischen Hünfeld in Dienst gestellt. Damit ist das 2015 formulierte Ziel von insgesamt 250 dafür fortgebildeten Männern und Frauen nach einigen Verzögerungen erreicht.
Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 in Paris hatte das Bundespolizeipräsidium in Potsdam im Auftrag von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) eine Arbeitsgruppe für den Aufbau einer „robusten“ Einheit eingerichtet. Die Trupps der BFE+ sollen andere Spezialeinheiten wie die GSG 9 der Bundespolizei und die Sondereinsatzkommandos der Länder bei der unmittelbaren Terrorbekämpfung unterstützen.
Am Uelzener Hainberg
befindet sich die Einsatzzentrale der BFE+ für den gesamten norddeutschen Raum. Auf dem im Jahr 1963 eingerichteten, sechs Kilometer nordwestlich der Innenstadt gelegenen Gelände sind insgesamt vier Hundertschaften stationiert.
Sie sind dem Bundesinnenministerium unterstellt, sichern unter anderem Bahnhöfe und Gleise und unterstützen auf Anforderung die für Polizeiaufgaben vorwiegend zuständigen Länder, etwa bei der Sicherung von Demonstrationen und Fußballspielen.
Die Bezeichnung Bundespolizei gibt es erst seit 2005. Bis dahin war – im Zuge des Kalten Krieges – von Bundesgrenzschutz die Rede.

gs

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