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Zweifel an Reformen in der Fleischindustrie

Arbeitsbedingungen Zweifel an Reformen in der Fleischindustrie

Etwa ein Jahr ist es her, dass die Fleischbranche feierlich Besserung gelobte: Die Ausbeutung osteuropäischer Billiglöhner, von Subunternehmen in die Schlachthöfe geschickt, sollte ein Ende haben, ebenso die Unterbringung der Menschen in Schrottimmobilien zu Wuchermieten. Es gibt Zweifel an der Überwachung.

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„Wir möchten Klarheit und Transparenz“: Die Fleischbranche hat sich selbst Regeln für gute Arbeit gegeben. Doch niemand weiß, ob sie umgesetzt werden.

Quelle: Doeleke

Überwachen sollen die Regeln unabhängige Wirtschaftsprüfer - so steht es im Verhaltenskodex der Fleischwirtschaft, der auch Mindestlohn und soziale Standards für Wohnungen regelt.

Ist also alles gut geworden zwischen Schlachtbank und Leiharbeiterunterkünften? Es gibt Zweifel. Die HAZ stellte einfache Fragen an die Fleischwirtschaft: Werden die Regeln im Kodex alle umgesetzt? Welche Schlachtkonzerne verpflichten ihre Subunternehmer dazu? Wie wird die Einhaltung überwacht? Die Antworten darauf fielen sparsam aus.

Bislang hat der Verband der Fleischwirtschaft nie eine Liste veröffentlicht, aus der hervorgeht, wer den Verhaltenskodex unterzeichnet hat. Nach der Anfrage der HAZ braucht es Wochen, bis die Liste freigegeben wird, allerdings unvollständig. „Datenschutz“ heißt die Begründung für die lückenhafte Information. Nicht einmal im Wirtschaftsministerium in Hannover kennt man die Unterzeichner. „Wir haben die Vertreter der Fleisch- und Zerlegebranche mehrfach aufgefordert zu dokumentieren, welche Unternehmen sich dem Verhaltenskodex verpflichtet fühlen und wann und wie dessen Einhaltung kontrolliert wird“, sagt Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD). „Wir möchten endlich Klarheit und Transparenz.“ Aus der Branche gibt es aber nur dünne bis gar keine Antworten auf die Frage, wer ihre Subunternehmer überwacht. Und in Bremen stößt man auf seltsame Verflechtungen zwischen Prüfern und Geprüften.

An der Weser firmiert eine Gesellschaft namens Bilancia. Nach Recherchen der HAZ ist Bilancia von Größen der Schlachterbranche wie Danish Crown, Vion und Vogler mit der Prüfung ihrer Subunternehmer beauftragt worden. Was seltsam anmutet: Mit einigen der zu prüfenden Unternehmen hat Bilancia gemeinsame Briefkästen. Prüfen Freunde da etwa Freunde?

Matthias Brümmer von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) jedenfalls hat einen Verdacht: Hier solle eine mit der Branche eng verbundene Prüfungsgesellschaft Persilscheine für verbundene Subunternehmer ausstellen, und alle könnten weitermachen wie bisher. „Für uns riecht das sehr verdächtig“, sagt Brümmer. Gerhard von der Groeben von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Bilancia weist den Verdacht entschieden zurück.

Ganz so einfach ist es tatsächlich nicht. Es gibt in Bremen und Hamburg mehrere Gesellschaften mit dem Namen Bilancia. Die Bremer Bilancia ist ein Steuerberatungsunternehmen. Bilancia in Hamburg ist unter anderem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die mit der Überwachung der Subunternehmer beauftragt wurde.

Keine Interessenkollision also? Der Briefkasten sei nur eine „technische Adresse“ der Subunternehmer, eine „Kontaktadresse für das Finanzamt, um die steuerliche Abwicklung korrekt durchführen zu können“. Mehr sei da nicht. Von der Groeben betont auch, dass Bilancia in Bremen und Bilancia in Hamburg zwei voneinander unabhängige Firmen seien. Formal stimmt das. Was er aber erst auf Nachfrage einräumt: Gesellschafterin von Bilancia in Bremen ist seine Ehefrau. Er arbeitet für Bilancia in Hamburg, besitzt aber zugleich Generalvollmacht für das Unternehmen seiner Frau an der Weser.

Unter den Subunternehmern auf dem Bremer Briefkasten findet sich zum Beispiel die Casus GmbH. Casus schickt seine Arbeiter unter anderem zu Danish Crown in Essen (Kreis Cloppenburg) oder auch zum Düringer Fleischkontor in Loxstedt bei Cuxhaven. Das Loxstedter Unternehmen verweigert jeden Kommentar, hat den Kodex auch nicht unterschrieben. Bei Danish Crown sieht man keinen Interessenkonflikt: „Wir bezahlen Bilancia für eine unabhängige Meinung. Bei Bilancia gibt es da keine Zweifel“, erklärt ein Konzernsprecher.

Für Bilancia spricht auf den ersten Blick, dass Casus auf Dringen der Prüfer eine berüchtigte Unterkunft in Badbergen (Kreis Osnabrück) aufgeben soll - eine alte Molkerei, die jahrelang leer gestanden hatte, bevor die osteuropäischen Leiharbeiter kamen. Dass er ein Gebäude von Casus räumen lasse, sei Zeichen der Unabhängigkeit von Bilancia, sagt von der Groeben. Andererseits ist das Haus so marode, dass der Landkreis Osnabrück bereits vor Monaten eine Räumungsverfügung ausgesprochen hatte. Bilancia konnte wohl kaum anders. Schon vor zwei Jahren hatte die HAZ über die menschenunwürdigen Wohnungen in der alten Molkerei berichtet. Damals hatte dort die polnische GmbH Perfect das Sagen. Auch Perfect steht auf den Briefkästen von Bilancia. „Perfect Scheiße“, sagte damals einer der polnischen Bewohner.

Bilancia beherbergt in Bremen mit der Global Prestige GmbH ein weiteres fragwürdiges Unternehmen. Gesellschafter und Geschäftsführer ist Adnan B., der nach Recherchen der ARD Ärger mit der Justiz haben dürfte. B. gehört auch die Interwork GmbH aus Duisburg. Diese wiederum ist Teil eines Firmengeflechts mit Sitz in Camp Lintfort. Seit 2010 ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf in dem Firmendickicht wegen des Verdachts auf bandenmäßigen Steuerbetrug, Hinterziehung von Sozialleistungen und Geldwäsche. Die Gewerkschaft NGG hat Interwork auf die Zahlung von ausstehenden Leiharbeiter-Gehältern in Höhe von 70 000 Euro verklagt. „In meinen Augen ist Herr B. ein korrekter Mann“, sagt von der Groeben. Dass B. mit Interwork in Schwierigkeiten steckt, wisse er nicht. „Ich habe damit nichts zu tun.“ Interwork schlachtet inzwischen kaum noch bei Düringer Fleischkontor. Übernommen hat: Casus.

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