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Die Autobahn, die viele nicht haben wollen

Ausbau der A 20 Die Autobahn, die viele nicht haben wollen

Fährbetreiber, Landwirte, Dorfbewohner: Viele Menschen wollen die Autobahn 20 und ihren Tunnel unter der Elbe nicht. Diese liefern sich einen Streit mit den Befürworter. Ein Besuch bei den Betroffenen. 

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So soll die A 20 aussehen. 

Quelle: HAZ-Grafik

Glückstadt/Wischhafen. Eine Autobahn wie die A 20 würde helfen. Zumindest dem, der von hier im äußersten Norden Niedersachsens so schnell wie möglich weg will. Auf jeden Fall den Unternehmen, die das lange Stück Straße von Westerstede bei Oldenburg bis zur Elbe quer durch vier Landkreise bauen sollen – und dazu noch den 5,6-Kilometer-Tunnel unter dem Fluss hindurch nach Glückstadt in Schleswig-Holstein. Am Ende, so schimpft Peter Schüle aus Loxstedt bei Bremerhaven, würden allein diese Baufirmen etwas von dem Projekt haben. „Was für ein Schwachsinn!“, ruft der pensionierte Lehrer, wenn man auf die A 20 zu sprechen kommt. Werden die Pläne Wirklichkeit, wäre sein Dorf von drei Seiten von Autobahnen umzingelt – im Westen, Norden und Osten.

„Das wäre das Aus für unsere Firma“: Hildegard Both-Walberg bangt um ihren Fährbetrieb...

Quelle: Eberstein

Wer in der Elbmarsch zu Hause ist wie Peter Schüle und erst recht, wer wie die Milchbauern Karsten und Sandra Rademacher von der weiten grünen Landschaft lebt, der ist in der Regel nicht gut zu sprechen auf die A 20. Schüle und die Rademachers bekämpfen das Projekt so gut sie können. Zu den Gegnern zählt auch Hildegard Both-Walberg aus Glückstadt, die gegen den Autobahntunnel bis vor das Bundesverwaltungsgericht gezogen ist. Gegen die A 20 selbst habe sie gar nichts, aber gegen den Tunnel, sagt die Unternehmerin. „Das wäre das Aus für unsere Firma.“

So argumentieren die Befürworter

Die Küstenautobahn genannte A 20 soll einmal den Verkehr aus den Häfen Richtung Osteuropa aufnehmen und damit auch die A 2 entlasten. Außerdem soll sie eine direkte Verbindung zwischen den Benelux-Staaten und Skandinavien herstellen und so den Verkehr rund um Hamburg entspannen. Schließlich erhoffen sich Befürworter für die strukturschwachen Gegenden entlang der Küste eine wirtschaftliche Belebung. Vorbild ist die A 31, die einst half, aus dem Sorgenkind Emsland eine florierende Wirtschaftsregion zu machen. Die Industrie- und Handelskammer Stade nennt die geplante Autobahn gar „eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte des norddeutschen Raumes“. Die Industriestandorte im Nordwesten und deren Unternehmen in den Bereichen Luftfahrt, Chemie und Automobile würden besser vernetzt, argumentiert die Initiative Pro A 20.  doe

Ihre Familie betreibt seit 1919 die Fährverbindung zwischen Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Vier Schiffe pendeln zwischen Wischhafen im Kreis Stade und Glückstadt in Schleswig-Hostein und bringen jedes Jahr mehr als 600 000 Fahrzeuge über den Fluss. 50  Angestellte und deren Familien ernähre der Fährbetrieb, rechnet Both-Walberg vor. Und der Kiosk mit dem etwas albernen Namen „Happytown Beachclub“ am Anleger hängt auch mit dran. „Der ist dann auch über.“ Gäbe es einen Tunnel, würden wohl nur noch die Touristen die Fähre nehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat die Pläne für den Tunnel auf der schleswig-holsteinischen Seite jüngst für rechtswidrig erklärt. Klagen gegen die niedersächsische Tunnelhälfte werden im Herbst verhandelt. Das gibt den Klägern auf beiden Seiten, zu denen auch Naturschutzverbände und Kommunen zählen, erst einmal nur etwas Zeit, einige Jahre vielleicht. Denn die Richter entschieden, dass die Planungsmängel geheilt werden können. Niemand weiß, was aus den niedersächsischen Klagen wird. So lange bleibt Both-Walberg nur die Ungewissheit und die vage Hoffnung auf Entschädigung, sollte der Fährbetrieb tatsächlich am neuen Tunnel zugrunde gehen.

...die Rademachers um ihren Hof...

Quelle: Eberstein

20 Minuten muss man derzeit anstehen, bis man einen Platz auf der Fähre findet. Viele Lkw warten und Urlauber mit Wohnwagen. Auf der Fähre findet man während der 30 Minuten Überfahrt vor allem unter den Touristen diejenigen, die eine kleine Auszeit mit Küstenwind, Kaffee und Bockwürsten nicht missen wollen. In der Kantine trifft man aber auch die Schülerinnen Jennifer (15) und Janina (17). Sie nehmen täglich die Fähre, um in Glückstadt zur Schule zu gehen. Eine Stunde dauert ihr Schulweg. „Das mit dem Tunnel ist schon eine gute Lösung“, sagen sie. Wenn im Winter die Fähre einmal nicht fährt, müssen sie nämlich über Hamburg mit dem Auto fahren, was noch viel länger dauert.

"Asphalt auf Kosten der Natur vergossen"

Unter Deck sitzt auch Wolf Krooß aus Bremerhaven. Er arbeitet für ein Labor und pendelt täglich mit der Fähre nach Schleswig-Holstein. „Gerade in den Sommerferien ist das kein Vergnügen“, sagt er. Wegen der vielen Touristen steht er dann manchmal bis zu zwei Stunden am Fähranleger an. Und trotzdem sieht er die A 20 kritisch: „Da wird sehr viel Asphalt auf Kosten der Natur vergossen.“

Verlässt man die Fähre auf niedersächsischer Seite und macht sich auf den Weg zum Hof der Rademachers in Hipstedt, fährt man eine gute Stunde durch sehr dünn besiedeltes Gebiet. Die neue Autobahn würde genau hier die Natur durchschneiden. „Wir genießen die Ruhe auf dem Land“, sagt Sandra Rademacher.

Mit der A 20 wäre es vorbei mit dieser Ruhe. Die sogenannte Vorzugsvariante würde 500 Meter nördlich ihres alten Bauernhauses verlaufen und etwa 1,5 Kilometer lang auf ihrem Grund. Die Alternativtrasse verläuft sogar nur 200 Meter vor der Haustür und 2,5 Kilometer über ihr Land. „Wir sind Kummer gewohnt. Aber das wäre echt der Hammer“, sagt Karsten Rademacher.

...und Peter Schüle um sein Dorf.

Quelle: Eberstein

Nicht nur, dass die Rademachers viel von dem Land abgeben müssten, dass die Familie seit dem 17. Jahrhundert bewirtschaftet. Im schlimmsten Fall könnten sie die Kühe nicht mehr auf die Weide treiben. „Die Alternativvariante läuft voll durch unser Grünland.“ Die zusätzliche Weideprämie, auf die Milchbauern beim aktuellen Milchpreis umso mehr angewiesen sind, wäre weg. Und an das Wohlbefinden der Kühe in der Wesermarsch hat auch niemand gedacht.

Und wofür das Ganze? „Für 18 000 bis 19 000 Autos am Tag“, sagt Peter Schüle. „Das bewältigen sie auch mit einer Bundesstraße.“ Die A 20 mache keinen Sinn, ist er überzeugt. Schüle hat Daten aus dem Raumordnungverfahren genommen und ausgerechnet, dass zum Beispiel der Verkehr im Elbtunnel höchstens um 4,5 Prozent entlastet würde. „Ich war Mathelehrer.“

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