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"Wir können Ihnen nicht mehr glauben, Herr Minister!"

Landwirte und Minister im Streitgespräch "Wir können Ihnen nicht mehr glauben, Herr Minister!"

Am Freitag wollen Tausende Bauern in Hannover gegen die rot-grüne Landesregierung auf die Straße gehen. Seit Monaten schon herrscht zwischen beiden Seiten meist Funkstille. Für die HAZ haben sich zwei Landwirte und der grüne Agrarminister jetzt an einen Tisch gesetzt und diskutiert. Es flogen die Fetzen. Protokoll eines Streitgesprächs.

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„Das Klima ist vergiftet“: Die Landwirte Volker Hahn (li.) und Holger Hennies (Mitte) streiten in der HAZ-Redaktion mit Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Herr Hahn, Herr Hennies, der Mais steht auf den Feldern, die Rübenernte  beginnt - warum haben die Landwirte Zeit für eine große Demonstration in Hannover?

Hahn: Es ist Halbzeit der Legislaturperiode, und es ist Zeit, Rot-Grün zu sagen: Es reicht. Minister Meyer und auch die Partei, die hinter ihm steht, haben immer wieder gegen die Landwirtschaft polemisiert und Sachen verbreitet, die nicht wahr sind. Das lassen wir uns nicht weiter gefallen.

Hennies: Es hat ja immer wieder Gespräche gegeben, auch gute Gespräche. Aber spätestens in der übernächsten Pressemitteilung kommt von diesem Minister wieder eine unterschwellige Attacke auf die Landwirtschaft. Diese Politik spaltet das Land - und schadet Niedersachsen. Das werden wir bei der Demonstration mal ganz deutlich machen.

Herr Meyer, Sie betonen, mit den meisten Bauern im Einklang zu sein. Wie passt das zu den Protesten?

Meyer: Wir stehen zur bäuerlichen Landwirtschaft, wir wollen dem Höfesterben entgegentreten. Da haben wir doch einen Konsens. Wir wollen auch nicht, dass es immer größere Betriebe gibt, da gibt es eine gesellschaftliche Akzeptanzgrenze. Wir haben dafür gekämpft und auch erreicht, dass die kleinen und mittleren Betriebe - und die machen in Niedersachsen 87 Prozent aus - mehr Geld pro Hektar bekommen. Das macht aus dem EU-Topf für niedersächsische Betriebe 37 Millionen Euro mehr.

Hennies: Mal konkret: Ihre Partei, die Grünen, veranstaltet Seminare darüber, wie man Stallbauten verhindern kann. Sie machen Politik gegen die bäuerliche Landwirtschaft.

Hahn: Nehmen wir ein Beispiel: Wer einen Betrieb mit gut 30 Hektar von seinem Vater übernommen hat, der kann davon heute nicht leben. Wenn er weitermachen will, muss er überlegen, welche Zweige er sich noch erschließen kann. Ein Stallbau etwa zur Hähnchenmast kann so ein Weg sein. Sie wollen das verhindern. Und wieder verschwindet ein bäuerlicher Betrieb.

Herr Meyer, Sie wollen die Betriebe fördern, Ihre Partei bietet Verhinderungsseminare an. Wie passt das zusammen?

Meyer: Ich bin Landwirtschaftsminister und Verbraucherschutzminister aller Niedersachsen. Stallbauten gehen nach Recht und Gesetz, und beide Seiten haben rechtliche Möglichkeiten und dürfen diese ausschöpfen. Das muss in jedem Einzelfall geprüft werden. Ich verurteile alle illegalen Aktionen in so einem Zusammenhang, aber wenn eine Kommune oder ein Verband rechtsstaatliche Mittel einlegt, kann ich das nicht verurteilen.

Hahn: Toll. Das heißt doch: Wer als Landwirt kein dickes Portemonnaie und ein breites Kreuz hat, der steht so ein Genehmigungsverfahren und den Rechtsstreit nicht durch. Der resigniert. Und ich kenne Leute, die haben es durchgestanden, sind aber psychisch fertig. Ein Stall stinkt nun mal, das hat er auch früher getan. Wo sollen wir ihn denn hinbauen?

Meyer: Ich plädiere da für einen Dialog: Unsere Landwirte sind natürlich keine Tierquäler. Und es gibt in jeder Gruppe schwarze Schafe. Aber: Die Gesellschaft hat veränderte Ansprüche an die Landwirtschaft, sie will mehr Tierschutz, nicht nur bei den Grünen, das können wir alle nicht ignorieren. Wir brauchen einen neuen Konsens über die Tierhaltung.

Hahn: Ein Beispiel: In Isernhagen hat es Proteste gegen einen Bauern gegeben, der 6000 Hühner in Freilandhaltung halten wollte. Regionales Produkt, direkt am Verbraucher, gute Tierhaltungsbedingungen, kleine Strukturen - genau das, was sie immer predigen. Dennoch war der Protest riesig. Ich hätte mir gewünscht, dass ein Minister Meyer da mal hinkommt und sagt: Liebe Leute, das ist die Landwirtschaft, die ich mir wünsche. Ich unterstütze das.

Meyer: Bei einer Freilandhaltung in Hildesheim gab es auch Proteste, da habe ich gesagt: Das ist der richtige Weg, das ist die richtige Landwirtschaft - da haben die Protestler sich gewundert. Jeder Standort muss individuell geprüft werden, aber ich werbe für Hühnermobile und Freilandhaltung. Im ersten Jahr Rot-Grün hatten wir ein Wachstum um 20 Prozent in der konventionellen Freilandhaltung, jetzt sind wir in diesem Segment Produktionsland Nummer eins. Ich verwahre mich deshalb dagegen, dass es hier durch mehr Tierschutz einen Abbruch gibt. Ich sage klar: Wir wollen die Tierhaltung in Niedersachsen umbauen. Wir können nicht noch mehr vertragen, gerade im Westen des Landes haben wir eine Grenze erreicht. Aber wir fördern diesen Umbau.

Immer mehr Menschen wollen sich bewusst ernähren, zugleich können oder wollen das nicht alle Verbraucher bezahlen. Ist das der Kern des Konflikts um die Landwirtschaft?

Hahn: Das kann sein. Und wir müssen das aushalten. Das geht ja schon bis in die Schulen. Mein Sohn ist in der zwölften Klasse, er macht da einen Nachhaltigkeitskurs. Die Hälfte der Zeit geht es dabei um Landwirtschaft, um Spritzmittel, Bodenverseuchung - nur negative Dinge. Er ist das einzige Landwirtskind in der Klasse und muss sich da einiges anhören.

Hennies: Mein Ältester hat sich in der Schule nicht zu meinem Beruf bekannt. Er wollte nicht immer diskutieren und sich verteidigen müssen.

Hahn: Das erleben übrigens nicht nur die Tierhalter. Auch der Ackerbau ist ja mittlerweile schlecht: Als ein Berufskollege neulich mit seiner Spritze am Traktor zum Feld fahren wollte, haben ihm Kinder den Weg verstellt. Die waren von ihren Müttern geschickt worden. Er kam nicht durch.

Hennies: Das Klima ist vergiftet.

Hahn: Landwirtschaft ist kompliziert. Mit platten Aussagen wie von Ihnen, Herr Meyer - das Grundwasser ist verseucht, wir spritzen alles tot - wird man dem nicht gerecht.

Meyer: So etwas habe ich in der Form natürlich nicht geäußert. Aber sagen Sie mir doch, was Sie genau meinen.

Hennies: Sie sagen, 60 Prozent des Grundwassers in Niedersachen sind belastet ...

Meyer: Das sind Zahlen des Umweltministeriums.

Hennies: Aber Sie verschweigen, dass wir sinkende Werte etwa beim Nitrat haben. Und Sie verschweigen, dass es sich um punktuelle Belastungen handelt. Wenn ein Brunnen erhöhte Werte hat, gilt bei Ihnen gleich der ganze Grundwasserkörper etwa entlang der Aller und Leine als belastet, obwohl nur 10 Prozent der Brunnen belastet sind.

Meyer: Wir haben in gut der Hälfte der Grundwasserkörper Messungen, die über den EU-Werten liegen, seit Jahren schon. In Ackerbauregionen gehen die Werte zurück, dort klappen die Kooperationen gut, aber in Regionen mit industrieller Tierhaltung wie Vechta und Cloppenburg berichten uns Wasserversorger ...

Hahn: Wieso verwenden Sie überhaupt so einen Begriff: „Industrielle Landwirtschaft“? Das ist keine Industrie, dahinter stehen Menschen, Familienbetriebe. Das ist doch dummes Zeug. Sollen wir wieder mit der Forke ausmisten?

Meyer: Mal langsam. Wenn ich einem VW-Arbeiter sage, dass er in einer Fabrik arbeitet und eine Massenproduktion macht, fühlt er sich nicht stigmatisiert. Warum hängt man sich so an Begriffen auf? Der Begriff Massentierhaltung wird in der Bevölkerung mit der modernen Tierhaltung verbunden, das ist keine Erfindung von mir. Ich will lieber darüber reden: Welche Tierhaltung wollen wir? Mobbing in Schulen ist bei jeder Gruppe zu verurteilen. Das darf nicht sein. Wir brauchen eine sachliche Auseinandersetzung. Ich sehe mich als Vermittler.

Hennies: Als Vermittler? Sie kürzen sogar die Programme wie „Kochen mit Kindern“ oder die Transparenzinitiativen …

Meyer: … falsch, falsch, falsch …

Hennies: ... die für mehr Verständnis sorgen könnten.

Meyer: Das EU-Programm „Transparenz schaffen“ wird aufgestockt, „Kochen mit Kindern“ wird auch aufgestockt ...

Hahn: Wir hatten fünf Besuchergruppen, für die es kein Geld mehr gegeben hat.

Meyer: Das kann im Übergang der EU-Förderperioden der Fall sein. Wir fördern den Tag des offenen Hofes des Landvolks. Das Projekt „Kochen mit Kindern“ der Landfrauen wird mit dem Haushalt 2016 deutlich aufgestockt. Ich setze sehr viel Wert darauf, dass wir mehr Dialog und Transparenz schaffen.

Herr Meyer, auch die Tierschützer sind von Ihnen enttäuscht. Sie waren etwa für das Verbot, Mastschweinen den Schwanz abzuschneiden, jetzt zahlen Sie Bauern eine Prämie, wenn sie es nicht tun. Ist das konsequent?

Meyer: Zunächst: Ich mache als Minister nichts anderes, als ich in der Opposition gefordert habe. Andere Behauptungen sind falsch. Für die Schwanz-Prämie bin ich kritisiert worden, aber der Verband der Schweinehalter macht da jetzt mit.

Hahn: Wie viele machen da mit?

Meyer: Wir haben immer gesagt, wir wollen klein anfangen.

Hahn: Wie viele?

Meyer: 116 Betriebe, die Mehrheit konventionell.

Hahn: Das sind die Betriebe, die vorher auch schon anders gearbeitet haben.

Meyer: Nein, gut die Hälfte hat noch keine Erfahrung mit unkupierten Schwänzen. Und es ist teilweise der Handel, der das Tempo antreibt: Aldi Süd hat beispielsweise erklärt, dass sie ab nächstem Jahr nur noch Fleisch von Ferkeln nehmen, die mit Betäubung kastriert wurden.

Hahn: Wenn der Handel mir zusätzlichen Aufwand bezahlt, ist das wunderbar. Ich kastriere auch lieber mit Betäubung, genau das wollen wir. Aber wenn wir eine Auflage von oben bekommen, ohne dass der Markt das preislich mitträgt, dann können wir nur noch aussteigen. Und dann kommt das Fleisch eben aus Dänemark oder Polen - wo nicht die Grünen regieren. Die Verbraucher sind am Ende die Gelackmeierten.

Meyer: Ich sage dem Verbraucher immer: Tierschutz kostet Geld. Ab nächstem Jahr steigen bundesweit die Eierpreise um 3 Cent, weil sie nur noch von Hühnern mit intakten Schnäbeln kommen. Auch da hat der Handel Maßstäbe gesetzt. Aber unser grundsätzliches Problem ist, dass Lebensmittel zu wenig Geld kosten. Warum kämpfen wir nicht gemeinsam dafür, dass Lebensmittel mehr wert sind?

Hahn: Wissen Sie was? Wir können Ihnen nicht mehr glauben, das ist das Problem. Die Lebensmittelketten reden mit allen und drehen dann doch an der Preisschraube. Und wer nicht zum Niedrigstpreis liefert, der bleibt auf seinen Kartoffeln oder Schweinen sitzen. Das ist unsere Erfahrung, seit Jahren.

Zu den Personen

Christian Meyer (40) ist niedersächsischer Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Er will eine „sanfte Agrarwende“ und daher Umwelt- und Tierschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft stärker fördern. Außerdem setzt Meyer auf verstärkte Kontrollen.

Volker Hahn (46) ist Vorsitzender des 3400 Mitglieder starken Kreisverbands des Landvolks in der Region Hannover. Hahn betreibt bei Hagen (Neustadt) einen Hof mit 200 Hektar, auf dem er Raps, Getreide und Kartoffeln anbaut. Außerdem hat er einen Stall mit 1500 Mastschweinen.

Dr. Holger Hennies (45) ist ebenfalls Vorsitzender des Kreislandvolkverbands Hannover. Der Kartoffelbauer bewirtschaftet in Schwüblingsen bei Uetze 89 Hektar. Seinen Hof hat er für Besucher geöffnet: Seine Frau Claudia bietet Workshops und Bauernhofpädagogik für Kinder an.

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Burgdorf/Uetze/Lehrte/Sehnde
Auf dem Hof Schweer bereiten Landwirt Cord-Heinrich Schweer (von rechts), Mitarbeiter Karsten Moseler und Auszubildender Florian Grages den Trecker für die heutige Demonstration in Hannover vor.

Hunderte Landwirte machen sich am Freitag, 18. September, auf den Weg, um in Hannover gegen die Agrarpolitik der niedersächsischen Landesregierung zu protestieren. Mit dabei sind auch zahlreiche Bauern aus Burgdorf, Uetze, Lehrte und Sehnde.

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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