Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Fracking spaltet das Land
Nachrichten Der Norden Fracking spaltet das Land
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 02.07.2016
„Die Arbeiter haben in anderen Berufen keine Chance“: ITAG-Betriebsratsvorsitzender Walter Haas zweifelt daran, dass das neue Gesetz seiner Branche hilft. Quelle: Krückeberg
Hannover

Anwohner von potenziellen Bohrstellen sorgen sich um ihre Gesundheit und wollen die Technik am liebsten ganz verbannen. Auf der anderen Seite hängen in Niedersachsen Tausende Jobs an der Förderbranche. Diese Menschen befürchten, dass die neue Regelung zu spät kommt – und sehen eine Teilschuld ihrer Misere auch in der „Panikmache“ der Gegner.

Diskutieren Sie mit über dieses Thema!

Jeden Tag werden hier auf HAZ.de ausgewählte Artikel zum Kommentieren freigegeben. Bis zu drei Tage nach Veröffentlichung des Textes können Sie mitdiskutieren. Sie finden die Anmeldung und die bereits abgegeben Kommentare etwas weiter unten auf dieser Seite. Viel Spaß beim Kommentieren!

Hartmut Horn steht an der B 75 bei Bötersen im Landkreis Rotenburg (Wümme), unmittelbar an der Bohrstelle Z11 des Unternehmens Exxon Mobile. Hinter ihm hängen Plakate: „Kein Gift in unsere Erde“ und „Stoppt das Fracking“ steht darauf. Horn, Mitbegründer der Bürgerinitiative Frack-loses Gasbohren, setzt sich seit Jahren für ein Fracking-Verbot und ein Verbot für Gasbohrungen insgesamt ein – vor allem mit Blick auf die Bohrstelle, die sich nur 750 Meter von seiner Haustür entfernt befindet.

„Sie ist bereits die dritte, bei der durch die Rotenburger Rinne gebohrt wurde“, kritisiert Horn. „Von diesem Wasserreservoir sind 400 000 Menschen abhängig.“ Dieses „Juwel“ müsse zwingend geschützt werden, stimmt Klaus Dreyer, Bürgermeister des Nachbarorts Hassendorf und Vorsitzender vom Wasserversorgungsverband Rotenburg-Land, zu. Fracking dürfe dort, wo es gefährlich erscheint – also an Seen, Flüssen und Wasserreservoiren – nicht erlaubt sein. Früher wurde im Landkreis bereits gefrackt, insgesamt 70-mal, bevor 2011 das Moratorium griff: Seither wurden keine neuen Fracking-Bohrungen beantragt und genehmigt, um der Politik Zeit zu geben, ein neues Gesetz auf den Weg zu bringen. Dreyer ist dankbar für diese Pause.

Neues Gesetz bringt strengere Auflagen

Das sogenannte unkonventionelle Fracking – die kommerzielle Förderung von Schiefergas mit der Fracking-Methode – bleibt in Deutschland verboten. Um die Auswirkungen auf die Natur zu erforschen, darf es zu wissenschaftlichen Zwecken Probebohrungen geben – wenn die jeweiligen Länder zustimmen. Experten sollen dann Erkenntnisse zu den Auswirkungen des unkonventionellen Frackings sammeln, damit der Bundestag im Jahr 2021 prüfen kann, ob das generelle Verbot gerechtfertigt ist.
Doch auch beim konventionellen Fracking gelten strengere Regeln: Verboten sind laut neuem Gesetz Fracs in Wasserschutz- und Heilquellenschutzgebieten, in verschiedenen Einzugsgebieten der öffentlichen Wasserversorgung sowie in Einzugsgebieten von Mineralwasservorkommen und Heilquellen und Stellen „zur Entnahme von Wasser zur Herstellung von Lebensmitteln“. Weiterhin sollen die Flüssigkeiten, die beim Fracking in den Boden gepresst werden, strenger reglementiert werden. Auch wird für neue Projekte eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben, und die Rechte von Bürgern, bei denen Fracking etwa zu Rissen in Hauswänden führt, werden gestärkt. lis

Rund 90 Kilometer entfernt, in Celle, sieht man das anders. Für Walter Haas, Betriebsratsvorsitzender der ITAG, war das Moratorium eine verheerende Entscheidung. Die Firma liefert, betreibt und wartet weltweit Bohranlagen. Leere Hallen, Stillstand an den Maschinen, verzweifelte Mitarbeiter – sie gehören für Haas längst zum Alltag. „Bei uns sieht es im Moment so aus, dass wir ein bisschen Restarbeit haben“, sagt der Gewerkschafter. Allein die Zahl der Beschäftigten in seinem Arbeitsbereich sei von 260 auf 120 geschrumpft. Wie in vielen Firmen wird bei der ITAG auf Zeitarbeit und Entlassungen gesetzt – eine belastende Situation. „Die speziell ausgebildeten Arbeiter haben in anderen Berufen keine Chance.“ Und selbst wenn jetzt neue Bohranträge gestellt werden, könne es dauern, bis sich tatsächlich wieder etwas tut. „Wir wissen nicht, wie wir uns über dieses Loch hinweg retten sollen“, sagt Haas.

Im Raum Celle sind viele Menschen von der Erdgas- und Erdölindustrie abhängig. „Allein hier reden wir von 8000 bis 9000 Arbeitsplätzen vom Zulieferer bis zum Forscher“, betont Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende. Aus seiner Sicht tragen die Fracking-Gegner Mitverantwortung an der Misere. „Vieles ist geschickte Propaganda und Falschinformation“, so der SPD-Politiker. Zum Beispiel sei bei erhöhten Krebsraten der Zusammenhang zu den Förderstellen noch nicht eindeutig erwiesen, sagt er.

In Teilen des Kreises Rotenburg sind die Leukämieraten deutlich erhöht: Innerhalb von zehn Jahren sind hier doppelt so viele Menschen an der Krankheit gestorben wie anderswo. Viele Menschen sehen einen Zusammenhang mit den Bohrungen, zuletzt forderten 212 Ärzte aus der Region vom Land eine intensivere Ursachenforschung. Auch Horn ist sich sicher, dass die Bohrstellen eine Gefahr für die Gesundheit sind. Gefährlich sei vor allem der „Chemie-Cocktail“, das Lagerstättenwasser. „Dieser Dreck wird einfach in der Erde verpresst“, sagt er.

Wird Haas in Celle auf diesen „Gift-Cocktail“ angesprochen, zieht er einen drastischen Vergleich: Die Menge der Stoffe sei so stark verdünnt, dass das, „was sich jeder ins Haar schmiert“, schädlicher sei, argumentiert er. Außerdem belege eine neue Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, dass Fracking nicht so gefährlich sei, wie immer behauptet wird. Allerdings – so die Studie – gebe es Umweltrisiken, wenn das Lagerstättenwasser, das oft mit natürlichen Schwermetallen verunreinigt ist, nicht sachgemäß entsorgt wird.

„Genau das ist aber nicht geregelt“, kritisiert Horn in Bötersen. „Die ganzen Giftstoffe gelangen in die Luft und werden von Mensch und Tier eingeatmet“, sagt er. Wenn vor seiner Haustür wieder gefrackt wird, dann sehe er nur eine Lösung: wegziehen.

Wegziehen, das müssten aus Celle wohl auch so einige Menschen, wenn die Auftragslage weiterhin so dünn bleibt, meint Haas. Diskutiert hat er mit Fracking-Gegnern schon lange nicht mehr. „Die Frustration ist auf beiden Seiten groß. Die Leute werden schnell laut und klagen sich gegenseitig an“, sagt der Gewerkschafter. Die Angst werde hochgespielt. „Was all diese Menschen vergessen, ist, dass wir hier sehr hohe Standards haben“, sagt er.
Ob das neue Fracking-Gesetz die Sicherheit bringt, die sich Politik und Unternehmen davon versprechen, sind beide Seiten skeptisch. „Ich weiß nicht, wie es bei uns weitergeht“, sagt Haas. Mende sagt, er sei froh, dass klar sei, wo beide großen Parteien hin wollen. „Jetzt kann sich die Industrie wenigstens auf etwas einstellen – auch wenn der Kompromiss wahrscheinlich allen wehtut.“

Auch Hassendorfs Bürgermeister Dreyer stuft das Gesetz als „vernünftig“ ein. Wenngleich aus einem anderen Grund: Er finde es beruhigend, dass es nun gesetzliche Grundlagen gebe, die den Gemeinden mehr Möglichkeiten böten, sich zu schützen – und Fracking-Bohrungen zu verhindern.

Von Lisa Malecha

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Nach der Einigung der Großen Koalition in Berlin auf ein Fracking-Gesetz hat sich Niedersachsens Landesregierung positiv zu dem gefundenen Kompromiss geäußert. Doch der Konflikt um die umstrittene Gasfördermethode dürfte damit in Niedersachsen noch nicht ausgestanden sein - auch innerhalb der rot-grünen Koalition nicht.

25.06.2016

SPD und Union konnten sich über ein Jahr lang nicht auf ein Fracking-Gesetz einigen. Nach einem Vorstoß aus Niedersachsen ging es plötzlich ganz schnell.

21.06.2016

Eigentlich sollte der Bundestag schon vor einem Jahr über das umstrittene Fracking entscheiden. Weil das Gesetz noch immer auf sich warten lässt, will das erdgasreiche Niedersachsen die Technik nach fünfjährigem Moratorium nun wieder genehmigen.

Gabriele Schulte 18.06.2016
Der Norden Nach Aufpäppeln in der Auffangstation - Abgemagerter Wolfswelpe kehrt zum Rudel zurück

Ein hilfloser Wolfswelpe ist nach einigen Tagen Pflege in einer Station der Wildtierhilfe zu seinem Rudel zurückgebracht worden. Das weibliche Tier sei am 20. Juni in der Lüneburger Heide stark abgemagert und in schlechtem Gesundheitszustand gefunden worden, teilte der Landesbetrieb NLWKN am Mittwoch mit.

29.06.2016
Der Norden Onlinebefragung des Kultusministeriums - Lehrer sollen ihre Arbeitssituation bewerten

Rund 10.300 Lehrer, Schulleiter und pädagogische Mitarbeiter haben sich an der Onlinebefragung des Kultusministeriums „Mehr Zeit für gute Schule" beteiligt. Insgesamt waren mehr als 90.000 Beschäftigte an allgemein bildenden und berufsbildenden Schulen dazu aufgefordert, freiwillig und anonym ihre aktuelle Arbeitssituation einzuschätzen und eigene Verbesserungsvorschläge zu machen.

Saskia Döhner 29.06.2016

Gerechte, Christen, Ökologen, Friesen: Bei den niedersächsischen Kommunalwahlen am 11. September treten landesweit 25 Parteien an. Zu den in Bundes- und Landtag vertretenen CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke kommen 20 weitere kleine Parteien. Sie wurden am Dienstag jeweils einstimmig vom Landeswahlausschuss zugelassen.

Gunnar Menkens 02.07.2016