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„Wir sind gezwungen, herzlos zu werden“

Blaubeerernte in Niedersachsen „Wir sind gezwungen, herzlos zu werden“

Der Mindestlohn sollte Saisonarbeitern helfen – doch bei der Blaubeerernte profitieren längst nicht alle davon. Betriebe könnten nur überleben, wenn die Pflücker dem Mindestlohn entsprechend viel ernten. Bisher seien nur Einzelne auf dem Hof von Heiner Husmann unter der Norm geblieben.

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Nur Einzelne bleiben unter der Norm: Agniezska Golonka aus Krakau ist zum fünften Mal in Borstel im Einsatz. Wer nicht genug leistet, wird aussortiert.

Quelle: Katrin Kutter

Borstel. „Elisabeth“ muss weichen. „Jammerschade“, meint Heiner Husmann, der auf seinem Feld in Borstel (Kreis Diepholz) ein paar Blaubeeren probiert: süß, sehr aromatisch. Doch eine so komplizierte Sorte, deren Früchte schnell weich werden und die mühsam zu pflücken ist, habe wegen des neuen Mindestlohns auf den Plantagen kaum eine Chance, fürchtet der Landwirt. Die Zukunft gehöre robusteren Artgenossen wie „Duke“, mit großen, festen Früchten - und den Erntemaschinen.

Die Hauptsaison beginnt gerade, zwei Wochen später als im vergangenen Jahr. Erstmals haben sich die Blaubeeranbauer auf den für die Branche vorgeschriebenen Stundenlohn von 7,40 Euro einstellen müssen. Die Agrar-Gewerkschaft spricht von einem „wichtigen und richtigen Schritt“ gegen die Ausbeutung von Saisonarbeitern aus Osteuropa.

„Sehr gut“ findet auch ein Teil der Erntehelfer die Neuregelung. Für andere, wie Wanda Rzepecka aus Schlesien, ist sie von eher geringer Bedeutung. „Ich verdiene sowieso mehr“, sagt die 69-Jährige. Als versierte Pflückerin profitiert sie vom zusätzlichen Akkordanreiz, bei Sonne lassen sich mit großen Mengen reifer Früchte schon mal 15 Euro die Stunde verdienen. An diesem Tag haben die Hausfrau und die anderen 37 Pflücker auf Husmanns Feld allerdings mit Schauern zu kämpfen. Doch nach kurzen Unterstellpausen kann es weitergehen, bis das Tagwerk von acht Stunden geschafft ist.

Wanda Rzepecka rückt ihre Kapuze gegen noch vereinzelt fallende Tropfen zurecht und pflückt mit allen zehn Fingern weiter. Schnell füllt sich der weiße Eimer vor ihrem Bauch mit dunkelblauen „Bluecrop“, darüber hängt die Gürteltasche mit dem Ausweis, den sie stets mitführenden muss. Im 25. Jahr ist die Hausfrau aus Polen in „Husmanns Obstgärten“ im Einsatz. Mit Gleichgesinnten im Kleinbus zum Geldverdienen nach Borstel, das gehört für sie zum Sommer.

Mykhailo Voloshchuk spricht fließend Englisch. Der 20-jährige Ukrainer gehörte im vergangenen Jahr zu einer Gruppe von Erntehelfern, die von deutschen Behörden aus einer heruntergekommenen ehemaligen Gaststätte in Stöckse (Kreis Nienburg) geholt wurden - unter anderem hatte es dort für 32 Pflücker nur eine Dusche gegeben. Zusammen mit zwei Freunden kam der junge Mann danach auf dem Hof in Borstel unter, jetzt ist er in den Semesterferien zurückgekehrt. In einem der Mehrfamilienhäuser, die Husmann für die Erntehelfer gekauft hat, hat er sogar ein Einzelzimmer - die meisten Mitbewohner wohnen zu zweit oder dritt. Nach der Arbeit können sie Tischtennis oder Fußball spielen, kochen oder fernsehen. Voloshchuk erzählt, er nutze seine Freizeit anders: „Ich lese fürs Studium oder trinke mit Freunden Bier.“

Manche Blaubeeranbauer berichten, dass die Höchstarbeitszeit von acht und im Ausnahmefall zehn Stunden vielen Pflückern zu wenig sei. „Sie würden lieber jeden Tag Geld verdienen“, sagt Thomas Vogeler in Steimbke (Kreis Nienburg). Auch der Mindestlohn komme nicht jedem bisherigen Erntehelfer gelegen. „Von weniger Leistungsstarken, die die Vorgaben nicht erfüllen, müssen wir uns nun leider trennen.“

„Wir sind gezwungen, herzlos zu werden“, bestätigt Husmann. Betriebe könnten nur überleben, wenn die Pflücker dem Mindestlohn entsprechend viel ernten. Bisher seien nur Einzelne unter der Norm geblieben, ihnen habe er auf dem Hof andere Aufgaben gegeben. Höhere Preise in Hofladen, Supermarkt oder Verkaufsbuden ließen sich im europaweiten Wettbewerb kaum durchsetzen. Der 53-Jährige will an den Blaubeeren festhalten, mit 50 Hektar Anbaufläche gehört der vom Vater übernommene Betrieb zu den größeren.

Husmann ist Bundesvorsitzender des Verbandes der Heidelbeeranbauer. Die meisten der 110 Mitglieder kommen aus Niedersachsen, wo Dreiviertel der deutschen Kulturblaubeeren wachsen. Das „schwarze Schaf“ aus Laatzen, das die menschenunwürdige Unterbringung in Stöckse zu verantworten hatte, haben sie aus dem Verband geworfen.

Schwarze Schafe gibt es aber weiter, meint Gesine Raymund, Branchensekretärin bei der Gewerkschaft. Sie machten etwa mithilfe türkischer Vermittler Pflücker aus Rumänien zu Scheinselbstständigen und unterliefen so den Mindestlohn. Solche Missstände fielen manchmal den Beratungsstellen für mobile Arbeitnehmer auf, die mit Unterstützung des Landes in Hannover, Braunschweig und Oldenburg eingerichtet wurden.

Husmann betont, er rate den Verbandsmitgliedern, die Gesetze streng einzuhalten. Die bürokratische Erfassung von Arbeitszeiten, Pausen und Erntemengen sei auch nicht nach seinem Geschmack, sie koste seine Frau Annette manch abendliche Stunde. Und um die Umstellung auf „pflückfreundliche“ Sorten sowie den verstärkten Einsatz der bisher nur für Tiefkühlware genutzten Erntemaschine werde er angesichts Jahr für Jahr steigender Mindestlöhne nicht herumkommen. „Aber wir halten uns an die Vorschriften, bei Verstößen drohen hohe Strafen bis hin zu Gefängnis.“

Noch ist das Risiko, erwischt zu werden, allerdings gering, die Zollbehörden bilden ihre neuen Kontrolleure gerade erst aus. In anderen Bundesländern fielen bei der Erdbeerernte im Frühsommer einzelne Betriebe auf, die den Mindestlohn unterliefen, nicht aber in Niedersachsen. Das Hauptzollamt Hannover hat nach Angaben eines Sprechers in diesem Jahr im Bereich Landwirtschaft gerade mal acht Arbeitgeber überprüft.

Stundenlohn steigt stufenweise

Beim Mindestlohn hat die Landwirtschaftslobby eine Übergangsregelung durchgesetzt. Während in anderen Branchen seit dem 1. Januar ein gesetzlicher Stundenlohn von 8,50 Euro gezahlt werden muss, ist der Mindestlohn für Spargel-, Erdbeer- oder Blaubeerpflücker für dieses Jahr im Westen auf 7,40 Euro festgesetzt worden – in der Regel ohne Abzug von Steuern und Abgaben. Damit stößt Deutschland im europäischen Vergleich in die Spitzengruppe vor. Am 1. Januar 2018 steigt der Mindestlohn auf 8 Euro, ein Jahr später auf 8,60 Euro, am 1. November 2017 auf 9,10 Euro. Vom 1. Januar 2018 an soll der dann allgemein übliche Mindestlohn gelten. Schüler bis 18 Jahre sind ausgenommen. Möglich wurde die Übergangsregelung durch einen bundeseinheitlichen Tarifvertrag und die Aufnahme der Branche ins Arbeitnehmerentsendegesetz, das die Arbeitsbedingungen der Helfer aus dem Ausland regelt. Darin festgeschrieben ist unter anderem die tägliche Erfassung der Arbeitszeit. Das allgemeine Arbeitszeitgesetz regelt die Höchstgrenzen: Acht Stunden pro Tag und sechs Tage pro Woche dürfen im Grundsatz nicht überschritten werden. Für die Lohnkontrollen ist der Zoll zuständig, für die Überprüfung der Arbeitszeit die Gewerbeaufsicht. Der Landvolkverband in Hannover zieht nach der ersten Spargel- und Erdbeersaison mit Mindestlohn eine kritische Bilanz. „Wir bezweifeln, dass die Landwirte die höheren Kosten wieder rausgeholt haben“, sagt eine Sprecherin. Auch der bürokratische Aufwand sei sehr hoch. Von August an werde die Aufzeichnungspflicht zumindest bezüglich mitarbeitender Familienangehöriger erleichtert.

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Niedersachsen in Zahlen
  • Landeshauptstadt : Hannover
  • Ministerpräsident: Stephan Weil
  • Fläche : 47.634,90 km²
  • Einwohner : 7,791 Mio
  • Bevölkerungsdichte : 135 Einwohner je km²
  • Letzte Landtagswahl : 20. Januar 2013 
  • Nächste Wahl : 2018
  • Wirtschaft : Firmendatenbank
  • Geographie : Niedersachsen hat im Norden eine natürliche Begrenzung durch die Nordsee, die Unterelbe sowie den unteren Mittellauf der Elbe. Als Enklave vom Landesgebiet umgeben ist das Land Bremen.
  • Berühmte Niedersachsen : Gerhard Schröder, Diane Kruger, Lena Meyer-Landrut, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, Otto Waalkes, Mousse T., Klaus Meine
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