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Das Golddorf

Bohlsen zeigt wie's geht Das Golddorf

Wer gewinnt diesmal den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ Der Ort Bohlsen hat vorgemacht, wie es geht. Der 535-Einwohner-Ort bei Uelzen bietet Familien viel Grund zum Schwärmen.

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Bohlser für Bohlsen: Ehrenamtliches Engagement ist für die Bürger selbstverständlich, nicht nur für Heidi Schönwälder.

Quelle: Kutter

Bohlsen . Besucher geraten in Gefahr, zu kitschigen Vergleichen zu greifen. „Das ist hier wie Bullerbü“, sagte der Vorsitzende der Bewertungskommission, der Bohlsen zur Goldmedaille im letzten Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ verhalf. Auch Freunde von außerhalb bemühen das Astrid-Lindgren-Idyll gern für einen Vergleich. Tatsächlich bietet der 535-Einwohner-Ort bei Uelzen Familien viel Grund zum Schwärmen. „Hier können schon die Kleinen allein losziehen und wenn wir nicht zu Hause sind woanders klingeln“, erzählt Kirstin Hartmann, die aus Bremen zuzog. Wenn die Kinder mitten im Dorf in der Gerdau schwimmen, passe stets irgendein Erwachsener auf. „Toll“, findet auch Hauke seinen Wohnort, der Siebenjährige ist gerade zum Spielplatz geradelt. „Zum Beispiel, wenn man angeln will, ist alles ganz nah.“

Alle drei Jahre geht's um Gold

„Unser Dorf hat Zukunft“ ist hervorgegangen aus dem Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Alle drei Jahre wird der Wettstreit auf Kreis-, Landes- und Bundesebene ausgetragen. Vergangene Woche hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium 18 Orte bekannt gegeben, die sich für den 25. Landeswettbewerb qualifiziert haben und im September von einer Jury besucht werden. Die Sieger kommen in die Bundesauswahl.

Bei der Begutachtung spielt der äußere Zustand eines Ortes inzwischen nur noch eine Nebenrolle. Höher bewertet wird die nachhaltige Dorfentwicklung und das Engagement der Bewohner mit Blick auf Zukunftsperspektiven. Bohlsen, sieben Kilometer westlich von Uelzen, gut 500 Einwohner stark, macht vor, wie es geht. Schon zweimal, 1993 und 2013, hat sich das Dorf eine Goldmedaille verdient – im bundesweiten Vergleich.

Ein Zukunftswettbewerb lässt sich natürlich mit heiler Kinderwelt allein nicht gewinnen. Ganz heil ist sie auch nicht: Außerhalb der Ferien müssen die Schüler zum Teil weite Wege mit dem Bus in Kauf nehmen. „Wir sind nicht Bullerbü“, sagt Rentner Wilhelm Schröder, selbst in Bohlsen aufgewachsen.  Doch das Dorf habe viel zu bieten. Zum Beweis holt er Unterlagen der siegreichen Bewerbungen 1993 und 2013 hervor. Beide Male war die Jury begeistert.
In Bohlsen gibt es einen Dorfausschuss, basisdemokratisch und alle drei Jahre rotierend. Drei Frauen, drei Männer, je drei Alt- und Neubürger – spätere Wiederwahl unerwünscht. Zugezogene werden persönlich zum Mitmachen ermuntert und so nebenbei integriert. „Durch die Rotation kommen immer neue Ideen“, sagt Schröder. Der frühere Schweinezüchter hat vor 40 Jahren das Gremium mit ins Leben gerufen, das aus einem Festorganisationsteam hervorging. Der Dorfausschuss hat nicht zuletzt das Ortsbild im Blick. Um Leerstände im Dorfkern zu verhindern, verzichtete man darauf, die Nachfrage nach weiteren Baugebieten zu befriedigen. Ställe wurden zu Wohnungen, Scheunen zu Firmensitzen – trotz des bis heute langsamen Internets.

In Bohlsen gibt es einen beeindruckenden ehrenamtlichen Einsatz auch außerhalb der Vereine. Das Laub der vielen Dorfeichen wird gemeinsam geharkt; ein historischer Getreidespeicher wurde wieder aufgebaut und mit Musik und Vorträgen belebt; ein größeres Gemeinschaftshaus ist in Planung. Seit 2012 verteilen zudem die „Bohlser für Bohlsen“ in den Haushalten Zettel, auf denen ihre kostenlosen Angebote aufgeführt sind: Fahrdienste zu Arzt, Einkauf und Kirche für die Älteren, Babysitten bei jungen Familien. Wie zurzeit 15 weitere Dorfbewohner macht Heidi Schönwälder dort mit. „Die Kinder sind aus dem Haus“, sagt die 53-Jährige, die mit einem Fahrradkorb voll frischer Handtücher auf einen Schnack stehen bleibt. Sie ist beim Urlauber-Bettenwechsel für eine Ferienhausbesitzerin eingesprungen, die selbst auf Reisen ist. Schönwälders Familie hat es berufsbedingt in den Kreis Uelzen verschlagen: „In das Dorf haben wir uns gleich verliebt.“

Auch die gesunde Wirtschaft hat Bohlsen zur Goldmedaille verholfen. Großen Anteil daran hat Volker Krause. Der heute 63-Jährige machte zu einer Zeit, als „Öko“ noch exotisch war, die vom Vater übernommene „Bohlsener Mühle“ zum über Norddeutschland hinaus erfolgreichen Hersteller von Biomüsli, -keksen und -broten. In Kürze soll am Ortsrand die dritte Backstraße entstehen, daneben die Zentrale für ein Nahwärmenetz auf der Basis von Pellets aus Dinkelspelzen. „Nach der Schulzeit wollte ich nur weg hier“, erinnert sich der Firmenchef. Doch wie auch jetzt etliche junge Leute sei er aus der Großstadt zurückgekehrt und überzeugter Bohlser geworden.

In Bohlsen steht das Dorffest bevor. Eine Idee aus dem Dorfausschuss bringt die Bewohner dabei seit Jahren zum Lachen: das Kuhfladen-Roulette. Für zwei Euro kann man auf eines von 100 je einen Quadratmeter großen Feldern setzen, die mit Kreide auf einer Wiese markiert sind. Wenn sich die einzelne eingezäunte Kuh  – nach vielleicht zwei Stunden – auf einem der Quadrate erleichtert, bekommt der Gewinner die Hälfte der Einnahmen. Der Rest geht in die Dorfkasse.

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