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Der Norden "Offen über Flüchtlingskriminalität reden"
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00:20 17.01.2016
„Versachlichung der Debatte“: Ulf Küch hat Fakten gesammelt. Quelle: Holger Hollemann/dpa
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Braunschweig

Ulf Küch stellt Vorurteilen über Flüchtlingskriminalität Fakten entgegen. Es sind Fakten, die der 58-jährige Chef der Braunschweiger Kriminalpolizei quasi selbst geschaffen hat, als er vor etwa einem halben Jahr in Braunschweig die „Soko Asyl“ gründete. Das ist eine Sonderkommission, die sich ausschließlich mit der Kriminalität von Flüchtlingen der Braunschweiger Erstaufnahmestelle im Stadtteil Kralenriede befasst. Mit ihrer Gründung hat Küch damals viel Aufsehen erregt – auch mit der Namenswahl. Sie heißt heute weniger verfänglich abgekürzt „Zerm“ – für Zentrale Ermittlungen.

Jetzt hat der Kriminaldirektor ein Buch über die Arbeit der 16-köpfigen Ermittlertruppe geschrieben: „Soko Asyl – Eine Sonderkommission offenbart überraschende Wahrheiten über Flüchtlingskriminalität“ heißt es. Eine der Überraschungen ist: 40.000 Flüchtlinge haben in einem Jahr das Erstaufnahmelager in Braunschweig durchlaufen. „Etwa ein Prozent von ihnen sind auffällig geworden“, sagt Küch. Flüchtlinge in Braunschweig sind demnach weniger kriminell als der Rest der Bevölkerung. „Es wäre gut, wenn das Buch zur Versachlichung der Debatte beiträgt“, wünscht er sich.

Das Buch kommt nach den Vorfällen in der Silvesternacht von Köln genau richtig – oder zur Unzeit. Es gibt im Internet schon Reaktionen auf die Ankündigung der Veröffentlichung am 28. Januar: Nach dieser Silvesternacht könne man Küch das nicht mehr glauben, lautet nur eine der Reaktionen. Doch in Köln hat die Polizei einen großen Fehler gemacht, den Küch im vergangenen Sommer genau nicht machen wollte. „Man muss offen reden, auch über Kriminalität von Flüchtlingen“, sagt der 58-Jährige, der auch stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter ist. „Wir haben den Braunschweigern mit den Erkenntnissen der Soko früh reinen Wein eingeschenkt. Heute haben wir eine Befriedung.“

"Die Bevölkerung hat zu Recht aufbegehrt, dass die Polizei ihrer Arbeit nachkommt."

Sommer 2015. „Damals liefen in Kralenriede plötzlich viele Flüchtlinge auf, und auf einmal änderte sich das Stadtbild – und es gab Straftaten, die es vorher nicht gab“, erinnert sich Küch heute. „Die Bevölkerung hat vollkommen zu Recht aufbegehrt, dass die Polizei ihrer Arbeit nachkommt.“ Es gab neue Kriminalität: Küch zählt Raubüberfälle auf, auch „zwei Fälle von sexuellem Missbrauch – die Täter sitzen heute in Haft, mehrjährig“. Man müsse „hart durchgreifen“, findet Küch.

Der Erfolg von „Zerm“ gründet nicht nur in der Dokumentation von Straftaten, bei denen Flüchtlinge als Opfer oder Täter beteiligt waren, sondern auch auf einer engen und außergewöhnlich schnellen Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft. In Gesprächen kamen Polizei und Staatsanwälte auf ein längst bestehendes, aber selten angewandtes Instrument: die Hauptverhandlungshaft. „Ein Großteil der Täter hält sich nur kurz hier in Braunschweig auf“, sagt Staatsanwältin Birgit Seel. Die Hauptverhandlungshaft erlaubt es, den Tatverdächtigen bis zu sieben Tage einzusperren. Dann spätestens aber muss die Hauptverhandlung beginnen.

Spuren ins Flüchtlingslager

Die Soko „Asyl“ wurde im vergangenen Sommer vom Braunschweiger Kripo-Chef Ulf Küch ins Leben gerufen. Vorausgegangen waren einige schwere Straftaten in Braunschweig, deren Spuren in das Erstaufnahmelager für Flüchtlinge im Stadtteil Kralenriede führten. Die Erfahrungen der Soko, die inzwischen in „Zentrale Ermittlungen“ umbenannt wurde, hat Küch in einem Buch aufgeschrieben. In „Soko Asyl – Eine Sonderkommission offenbart überraschende Wahrheiten über Flüchtlingskriminalität“ berichten er und seine Kollegen über schwere Straftaten von Bewohnern des Lagers – und warnen gleichzeitig vor einem Generalverdacht gegenüber Flüchtlingen. Das Buch erscheint am 28. Januar im Riva-Verlag und kostet 19,90 Euro.

Der Effekt auf die Tatverdächtigen ist enorm. Werden sie morgens bei einem Diebstahl erwischt, kann der Richter sie noch am selben Tag in Haft nehmen. Bis zur Verhandlung sitzen sie dann hinter Gittern, das Urteil ergeht meist am ersten Verhandlungstag. Die Täter seien ganz schön geschockt, wenn sie plötzlich vor dem Richter stehen würden – damit rechne keiner, sagt Soko-Chef Torsten Heuer. Das habe sich mittlerweile auch herumgesprochen unter den Flüchtlingen. „Es ist hier deutlich ruhiger geworden“, sagt sein Kollege Jörn Memenga.

Zu tun hat die 16-köpfige Kommission dennoch genug. 1300 Anzeigen wurden seit der Gründung im August 2015 registriert. In 60 Prozent der Fälle handelt es sich um Diebstähle: Alkohol, Zigaretten, Essen, oft für den Eigenbedarf. Außerdem komme es zu Körperverletzungen, „zu 90 Prozent finden die aber untereinander auf dem Gelände der Aufnahmeeinrichtung statt“, sagt Memenga. Auch vereinzelte sexuelle Übergriffe auf Flüchtlingsfrauen habe es gegeben.

In der für 500 Personen ausgelegten Einrichtung in Braunschweig waren zeitweilig bis zu 4000 Menschen untergebracht. Derzeit sind es 3000 Personen. Der Rückgang habe die Lage auch beruhigt, die Polizei habe schon lange keinen großen Einsatz mehr auf dem Gelände gehabt, sagt Memenga.

Von Karl Doeleke 
und Heiko Randermann

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