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Anzeige, weil er Luftballons steigen ließ

Bremens Bürgermeister Anzeige, weil er Luftballons steigen ließ

Bremens Bürgermeister Carsten Sieling ist erst sieben Monate im Amt – und schon hat er seine erste Anzeige am Hals: wegen Umweltverschmutzung im Dienst. Naturschützer aus Großenkneten haben ihn angezeigt, weil er Luftballons in den Himmel steigen ließ.

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Ließ 500 Luftballons steigen: Bürgermeister Carsten Sieling. Fotos: dpa

Quelle: Ingo Wagner

Bremen. Der 57-jährige SPD-Politiker hat in alter Bürgermeistertradition die jährliche Tombola zur Finanzierung des Bremer Bürgerparks eröffnet. Und wie es dabei üblich ist, ließ er 500 Luftballons mit anhängenden Freilos-Gutscheinen aufsteigen.

Was er nicht ahnte: Auch Ernst H. aus dem niedersächsischen Großenkneten würde via Zeitung davon erfahren. Mit dem 65-jährigen Bio-Lehrer i. R. ist nicht zu spaßen, wenn es um Ballons geht - vor allem, wenn Kärtchen und Bändchen aus Plastik daran hängen. Seit Jahren schreibt H. Leserbriefe, um vor solch gefährlichen Flugobjekten zu warnen: „Die Gummireste mit Anhang landen dann irgendwo: im Meer, auf den Wiesen und Feldern, im Wald - verschmutzen die Natur, werden von Fischen, Kühen, Pferden, Schafen gefressen, und diese armen Geschöpfe krepieren elendig.“

Bisher hatte sich H. mit Leserbriefen begnügt oder (im Wechsel mit einem ebenfalls 65-jährigen Mitstreiter) Protestschreiben an die Veranstalter von Luftballon-Massenaufstiegen geschickt, natürlich auch, wenn am Weltfriedenstag 99 Luftballons gegen den Krieg aufgelassen werden.

Aber bei einem öffentlichen Vorbild wie Sieling griff der Pensionär jetzt zu einer Anzeige wegen „vorsätzlicher Umweltverschmutzung“. Die niedersächsische Polizei nahm die Sache immerhin so ernst, dass sie den Fall nicht gleich niederschlug, sondern an die zuständigen Bremer Kollegen weiterleitete. Sie müssen jetzt klären, ob Sieling zumindest eine Ordnungswidrigkeit begangen hat, etwa wegen illegaler Abfallentsorgung, ein Verstoß gegen das Kreislaufwirtschaftsgesetz. Eine richtige Straftat nach dem Tierschutzgesetz, so ist aus Ermittlerkreisen zu hören, kann man ihm wohl nicht vorwerfen, denn dafür fehlt ein Tatopfer: ein Tier, das nachweislich durch einen Sieling-Luftballon gestorben ist.

Tierfreund H. weiß, dass viele ihn für verrückt halten. „Ich werde oft als Spaßbremse beschimpft“, sagt er. Aber wenn er den Leuten sein Anliegen erkläre, „dann sehen die das nicht mehr so“, erläutert er. Und sie geloben Besserung. H. hat auch eine Empfehlung für alternative Flugobjekte: ein paar weiße Tauben. „Das sieht doch noch viel schöner aus.“

Ihm selbst wurden die Augen geöffnet, als er das Nationalpark-Haus auf der Nordseeinsel Juist besuchte. Dort sah er eine Vitrine mit Ballonschnüren, die am Strand gesammelt wurden: in vier Monaten insgesamt 500 Meter. Dazu die Inschrift: „Jährlich sterben Hunderte von Seevögeln, Walen und anderen Tieren, die sich in den Schnüren solcher Ballons verfangen, strangulieren oder sie bei der Nahrungsaufnahme verschlucken.“

Und wie verteidigt sich der von Ernst H. beschuldigte Bürgermeister? Der Sprecher von Sieling räumt ein, dass bisher niemand im Bremer Rathaus die Luftballonaktion unter dem Aspekt des Tierschutzes betrachtet hat. Jedenfalls habe Sieling „nicht in dem Bewusstsein gehandelt, dass er damit womöglich eine Ordnungswidrigkeit begeht“.

Von Eckhard Stengel

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