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Der Norden Der Bückeberg wird Gedenkort
Nachrichten Der Norden Der Bückeberg wird Gedenkort
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00:16 17.03.2018
Wo einst Nazis aufmarschierten: Der Bückeberg in Emmerthal.  Quelle: Foto: Franson
Hameln

Der Tonfall wird schon emotional, da hat die eigentliche Diskussion noch nicht einmal begonnen. Hameln am Dienstagnachmittag, im Saal der Handelslehranstalt tagt der Kreistag von Hameln-Pyrmont. Es ist voll, kein Zuschauerplatz ist mehr frei, die Leute lehnen an den Wänden und sitzen auf den Heizungen. Sie sind wegen des Tagesordnungspunkts 8 gekommen. Die Beschlussvorlage trägt die Nummer 042/2018-3, es geht um die Einrichtung eines „Dokumentations-, Informations- und Lernorts Bückeberg“.

Der Bückeberg ist ein Gelände in der nahen Gemeinde Emmerthal, auf dem die Nazis zwischen 1933 und 1937 ihre „Reichserntedankfeste“ veranstaltet haben, ausgefeilte Propagandainszenierungen mit bis zu 1,3 Millionen Leuten, die Fähnchen geschwenkt und Arme hochgerissen haben. Seit ein paar Jahren erst arbeitet eine Gruppe um den Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom daran, die leere Bückeberg-Grasfläche behutsam zu einer Dokumentationsstelle umzugestalten, mit ein paar sparsamen Infostelen. Dazu soll jetzt eine gemeinnützige GmbH gegründet werden, Finanzausstattung 450 000 Euro, die Hälfte vom Kreis, den Rest von Stiftungen und anderen Förderern.

Protest der Emmerthaler 

Aber seit Dezember laufen vor allem die Emmerthaler Sturm dagegen, und dieser Protest bestimmt auch schon Tagesordnungspunkt 2, die Einwohnerfragestunde. Die Bürger seien so gut wie gar nicht beteiligt worden, moniert Timo Schriegel, Sprecher einer Initiative vor Ort, die 2200 Unterschriften gegen den Dokumentationsort Bückeberg gesammelt hat. Eine Lehrerin verweist auf Äußerungen von Geschichtslehrern pro Bückeberg, ein Mann regt eine Verschiebung des Themas und ein Aufeinanderzugehen an, man müsse die Bürger doch „mitnehmen“. Die Stimmen sind bisweilen laut, die Einwohner stellen kaum Fragen, sie geben Statements ab.

Das Klima in dem flaggenbehängten Saal mit Eichenholzfurnier und Linoleumfußboden kocht dann weiter hoch, als Tagesordnungspunkt 8 endlich dran ist. Wobei es kühl losgeht: Landrat Tjark Bartels weist knapp darauf hin, Unterschriften spielten zwar eine Rolle in einer parlamentarischen Demokratie, Entscheidungen träfen aber gewählte Vertreter, und das sei allemal besser als „gefühlte Mehrheiten“. Er verwahrt sich auch dagegen, dass die Bürger nicht einbezogen worden seien: Bei kaum einem Projekt habe es so viele Sitzungen, Versammlungen und Beratungen gegeben. 

Der Bückeberg, unterstreicht der Landrat, stehe für eine menschenverachtende Ideologie „vor unserer Haustür“, und er biete sich nicht bloß an, um sich dieser Verantwortung zu stellen, er verpflichte geradezu dazu. 

Ist das Bückeberg-Konzept zu teuer? Bartels lässt eine Grafik an die Wand werfen: Es gehe um 0,228  Prozent der Kreisinvestitionen von 2018 bis 2021. Wer über Geld rede, betreibe eine „Relativierung des Nationalsozialismus“. 

Der Reigen ist eröffnet. Ulrich Watermann, SPD-Fraktionschef und Landtagsabgeordneter, erinnert daran, dass die Nazis die Demokratie durch Wahlen abgeschafft hätten: „Demokratie darf niemals nach Geldmaßstäben bewertet werden.“ Michael Ebbecke von den Grünen erzählt vom gerade vergangenen Parteitag, da sei der Bückeberg auch Thema gewesen. Gerichtet an die Dokumentationsgegner sagt er, die Menschen in Emden wüssten mehr über die „Reichserntedankfeste“ als die Bürger vor Ort in Emmerthal. Hans-Ulrich Siegmund, CDU-Fraktionschef, moniert, das Land Niedersachsen sei ja noch gar nicht ausreichend einbezogen (der Bückeberg befindet sich im Landesbesitz), man solle jetzt noch nicht abstimmen.

Es wird laut im Saal

Laut wird es im Saal, als AfD-Fraktionschef Jürgen Schönbrodt („Sie dürfen nicht mit Fördergeld gegen den erklärten Willen der Bevölkerung arbeiten“) davon anfängt, damals sei Hitler ein „Hoffnungsträger“ für das gepeinigte Deutschland gewesen – im Sinne von: Das Volk wurde verführt. Für die letzte Furore sorgt schließlich Rolf Keller, CDU-Mann aus Emmerthal, laut schimpfend auf das ganze Vorhaben und die Tatsache, dass der Emmerthaler Bürgermeister Andreas Grossmann (SPD) nichts verhindert habe: Der habe „keinen Arsch in der Hose“.

Dann die Abstimmung. Mit 27 zu 22 Stimmen, mit den Stimmen von SPD und Grünen und der Linken, aber auch der FDP, wird die Gründung der GmbH für einen Dokumentations- und Lernort am Bückeberg auf den Weg gebracht. 

Denn die FDP hatte den Erfolg, der der CDU nicht beschieden war: Sie hat den Antrag im Vorfeld verändert, hat durchgesetzt, dass Berlin um Zuschuss gebeten werden soll, wegen der nationalen Bedeutung, und bis zur Klärung dieser Frage steht auch ein Sperrvermerk im Beschluss. Und zwei weitere kreisweite Bürgerdialoge stehen ebenfalls drin.

Von Bert Strebe

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